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Warum ein toter Rassist beim Schweizer Alpen-Club als «Ehrenmitglied» verewigt bleibt

Der Naturforscher Louis Agassiz (✝1873) lehnte Darwins Evolutionstheorie ab und meinte, die weisse Rasse sei den «Negern» überlegen. Noch immer ist ein Berg nach ihm benannt. Und der SAC will Agassiz nicht von der Liste seiner Ehrenmitglieder streichen.
29.08.2017, 08:4229.08.2017, 17:43
«Von einem hohen moralischen Standpunkt aus gesehen, ist die Erzeugung von Mischlingen eine ebensolche Sünde wider die Natur, wie der Inzest in einer zivilisierten Gemeinschaft eine Sünde wider die Reinheit des Charakters ist.»
Rassentheoretiker Louis Agassizquelle: sac

Der Schweizer Alpen-Club (SAC) will den Glaziologen Louis Agassiz auf seiner Liste der Ehrenmitglieder belassen. Das hat der Zentralvorstand entschieden.

Das Problem: Der schweizerisch-amerikanische Harvard-Professor machte sich im 19. Jahrhundert nicht nur um die Gletscherforschung verdient («Eiszeittheorie»), er war auch überzeugter Rassist.

Auf der SAC-Website veröffentlichte der Zentralvorstand letzte Woche eine Stellungnahme und begründete den Entscheid.

screenshot: sac-cas.ch

Die Vertreter der einflussreichen Alpinisten-Vereinigung führen formaljuristische Gründe ins Feld:

  • Man könne Agassiz die Ehrenmitgliedschaft nicht entziehen, weil sie bereits bei dessen Tod (1873) erloschen sei.
  • Die Ehrenmitgliedschaft sei ein persönliches Recht, das beim Tod erlischt. Dasselbe gelte auch für eine Vereinszugehörigkeit.

Und von der Liste der ehemaligen Ehrenmitglieder will man den Rassisten nicht streichen.

Begründung des SAC-Zentralvorstands:

  • Dies würde «eine Fälschung der Geschichte darstellen». Der SAC müsse aber zu seinen ehemaligen Entscheiden stehen, auch wenn sie aus heutiger Sicht falsch seien.
  • Wenn Agassiz von der Liste verschwinde, dann gehe auch sein – damals in vielen Kreisen übliches – radikales Gedankengut vergessen. Der SAC finde den Diskurs über Rassismus aber äusserst wichtig und wolle ihn am Leben erhalten.
Louis Agassiz um 1870.
Louis Agassiz um 1870.bild: wikipedia.org

Was steckt dahinter?

Warum muss sich der SAC-Zentralvorstand überhaupt mit dem vor bald 150 Jahren gestorbenen Mann befassen?

Dafür verantwortlich sind die Leute, die hinter der im Frühjahr lancierten Kampagne «Démonter Louis Agassiz» stehen. Eine Gruppe unter der Leitung des Schweizer Historikers Hans Fässler will den Namen des Rassisten von den Landkarten tilgen lassen. Denn bis heute sind diverse Orte nach ihm benannt.

Hierzulande sorgte das Agassizhorn im Berner Oberland für Schlagzeilen. Bund, Kanton und Gemeinde-Vertreter lehnten es ab, dem Berggipfel stattdessen den Namen jenes Sklaven zu geben, den der Naturforscher fotografieren liess, um die Minderwertigkeit von Schwarzen «wissenschaftlich» zu belegen.

Der weltberühmte Südtiroler Alpinist Reinhold Messner ist übrigens anderer Meinung als die Schweizer. Die SAC-Ehrenmitgliedschaft von Agassiz sei «untragbar», sagte er laut einem Bericht der «Jungfrau Zeitung» (hier online verfügbar).

Vorher war der Vorschlag von Agassiz-Gegner Fässler von der SAC-Sektion St.Gallen mehrmals abgewiesen worden.

Fässler dürfte geahnt haben, dass Agassiz nicht von der Liste der (ehemaligen) SAC-Ehrenmitglieder gestrichen wird.

Ein Jahr zuvor hatte er sich in einem lesenswerten Beitrag bei swissinfo.org zum Thema Vergangenheitsbewältigung bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit geäussert.

screenshot: swissinfo.ch

Angesichts der rassistischen Gewalt in den USA und dem hasserfüllten Kampf gegen Nicht-Weisse erhalten Fässlers Ausführungen zu Agassiz neue Brisanz. Er schreibt, Agassiz habe das Denken des faschistischen Dichters und Mussolini-Verehrers Ezra Pound entscheidend beeinflusst, wie auch das Handeln von John Kasper, Ku-Klux-Klan-Mitglied und militanter Rassist im Kampf gegen das Civil Rights Movement.

Während es eine Primarschule in Cambridge, Massachusetts, schon 2002 schaffte, die «Agassiz School» umzubenennen, wird uns der als einer der «einflussreichsten wissenschaftlichen Rassisten des 19. Jahrhunderts» bezeichnete Mann wohl noch lange erhalten bleiben. Auf der Landkarte, und beim SAC.

«Im SAC ist jeder willkommen, unabhängig von Herkunft, Religion, Muttersprache und Geschlecht.» – «Für Rassismus gibt es keinen Platz.»
Aussage der SAC-Zentralpräsidentin Françoise Jaquet, 2016, ein Jahr vor dem Entscheid.quelle: sac-mitglieder-zeitschrift «alpen»
Soll Agassiz von der Liste der ehemaligen SAC-Ehrenmitglieder gestrichen werden?

Charlottesville: Aufmarsch rassistischer Gruppen eskaliert

Video: srf

Rassisten-Aufmarsch in US-Unistadt

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Rassisten-Aufmarsch in US-Unistadt
quelle: ap/ap / steve helber
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