Hitze verformt SBB-Gleise – ETH-Professor warnt vor Entgleisungen
Extreme Hitze wird zunehmend zum Problem für das Schweizer Schienennetz. Wie die «SonntagsZeitung» unter Berufung auf bislang unveröffentlichte Zahlen der SBB berichtet, kam es in diesem Jahr zu 97 sogenannten Verwerfungen und Verdrückungen der Gleise.
Im Vorjahr waren es noch rund viermal weniger gewesen. Patrick Braess, Praxisprofessor für Bahninfrastruktur an der ETH Zürich, geht davon aus, dass die Zahl über das gesamte Schweizer Bahnnetz sogar bei rund 150 liegt. Denn die SBB-Zahlen erfassen Regional- und Gebirgsbahnen wie die Rhätische Bahn nicht.
Im schlimmsten Fall entgleist ein Zug
Wenn sich Schienen stark erhitzen, dehnt sich der Stahl aus. Kann sich die dadurch entstehende Spannung nicht ausreichend verteilen, kann sich das Gleis seitlich verformen. Die Folgen reichen von Langsamfahrstellen und Zugausfällen bis zur vollständigen Sperrung einer Strecke.
Im schlimmsten Fall könnte ein Zug entgleisen. In mehreren europäischen Ländern kam es in diesem Sommer bereits zu hitzebedingten Entgleisungen. Im südenglischen Lewes entgleiste beispielsweise ein Zug mit mehr als 100 Kilometern pro Stunde. Rund 150 Menschen waren an Bord, 30 wurden teilweise schwer verletzt.
Braess sieht für die Schweiz ein besonderes Risiko. Wegen der dichten Zugfolge und der geringen Abstände zwischen den Gleisen könnte eine Entgleisung schnell einen zweiten Zug erfassen.
Lokführer müssen Verformungen teilweise selbst erkennen
Das Problem: Eine gefährliche Gleisverformung lässt sich nicht immer rechtzeitig erkennen. Im Ernstfall fällt sie erst dem Lokpersonal auf – optisch oder weil der Zug beim Überfahren einen ungewöhnlichen Schlag erhält.
Anschliessend müssen nachfolgende Züge die Stelle deutlich langsamer passieren. In schwereren Fällen wird die Strecke gesperrt. Ein Pikettdienst muss dann die unter hoher Spannung stehenden Schienen trennen und neu verschweissen.
Das könne mehrere Stunden dauern und den Fahrplan erheblich beeinträchtigen, erklärt Braess.
Eigentlich müssen sicherheitsrelevante Gleisverformungen dem Bundesamt für Verkehr gemeldet werden. Weil die einzelnen Bahnunternehmen aber selbst für die Sicherheit ihrer Infrastruktur verantwortlich sind, sieht Braess bei der zentralen Erfassung Nachholbedarf.
SBB sehen keine unmittelbare Gefahr
Die SBB widersprechen dem Eindruck, dass Reisende derzeit einem erhöhten Entgleisungsrisiko ausgesetzt seien.
Beat Deuber, Leiter Netzdesign, Anlagen und Technologie bei den SBB, verweist auf ein engmaschiges Kontrollsystem. Messfahrzeuge, Sensoren, Streckeninspektoren und Lokpersonal würden Auffälligkeiten laufend überwachen und Verformungen frühzeitig melden.
Zudem würden die Gleise regelmässig kontrolliert und instand gehalten. Die bisherigen Überwachungsmassnahmen seien ausreichend, um rechtzeitig eingreifen zu können.
Braess beurteilt die Situation deutlich kritischer.
Andere Bahnen streichen ihre Schienen weiss
Eine erstaunlich einfache Methode gegen überhitzte Schienen wird andernorts bereits eingesetzt: weisse Farbe.
Die Rhätische Bahn sowie die Zentralbahn streichen besonders gefährdete Streckenabschnitte weiss. Dadurch reflektieren die Schienen mehr Sonnenlicht und erhitzen sich weniger stark.
Nach Angaben der Rhätischen Bahn konnte die Temperatur der Schienen dadurch um fünf bis sieben Grad gesenkt werden.
Auch die SBB testeten diese Methode bereits 2019, entschieden sich danach jedoch dagegen. Die Farbe verschmutze zu schnell und liefere deshalb nicht den nachhaltigen Effekt, den die Bahn suche, erklärt Deuber.
SBB wollen Gleise anders vorspannen
Stattdessen setzen die SBB auf eine technische Anpassung beim Einbau neuer Schienen. Diese sollen künftig bei höheren Temperaturen neutralisiert beziehungsweise verschweisst werden.
Vereinfacht gesagt werden die Schienen so eingebaut, dass sie höhere Sommertemperaturen besser verkraften, bevor gefährliche Druckspannungen entstehen.
Doch auch diese Methode hat Grenzen. Wird der Stahl zu stark auf hohe Temperaturen ausgelegt, steigt im Winter das Risiko, dass er sich bei extremer Kälte zusammenzieht und reisst.
Hinzu kommt: Die Umrüstung des gesamten Netzes dauert lange.
Laut Braess würde es beim normalen Tempo des Schienenersatzes etwa 30 Jahre dauern, bis die neue Methode überall umgesetzt wäre.
«Bei 45 Grad würde wahrscheinlich nicht mehr viel fahren»
Der ETH-Professor fordert deshalb, den weissen Anstrich noch einmal zu prüfen. Er selbst habe diese Methode früher ebenfalls skeptisch beurteilt, angesichts der zunehmend heissen Sommer seine Meinung aber geändert.
Die Farbe müsse schliesslich nicht jahrzehntelang halten. Entscheidend sei, dass sie während der heissesten Wochen des Jahres funktioniere. Gemessen am möglichen Schaden einer Entgleisung seien die Kosten gering.
Braess warnt zudem davor, sich darauf zu verlassen, dass die bisherige Überwachung auch bei weiter steigenden Temperaturen ausreicht.
Bei einem Sommertag mit Temperaturen von 45 Grad könnte das Schweizer Bahnnetz an seine physikalischen Grenzen gelangen.
Für Braess geht es deshalb um Vorsorge, bevor es zu einem schweren Unfall kommt. Als Warnung verweist er auf die Brandkatastrophe von Crans-Montana und die Folgen vermeidbarer Sicherheitsmängel.
Sein Fazit zur Haltung, bestehende Systeme würden schon ausreichen, fällt entsprechend deutlich aus: «Arroganz altert schlecht.» (mke)
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