Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Vor 50 Jahren entführten Terroristen eine Swissair-Maschine – 2 Crew-Mitglieder erzählen

1970 entführten Mitglieder der «Volksfront für die Befreiung Palästinas» drei Flugzeuge in die jordanische Wüste. Die Schweizer Geiseln mussten eine Woche in Gefangenschaft ausharren und um ihr Leben fürchten.

annika bangerter / ch media



Bild

bild: annika bangerter

Flammen erleuchteten die pechschwarze Nacht vor den schmalen Kabinenfenstern der Swissair-Maschine DC-8. Beta Steinegger und Jean Michel Weiss wussten nicht, wo sie sich befanden. Eigentlich hätten die Flugbegleiterin und der Flugbegleiter zu dem Zeitpunkt in New York ihre Passagiere verabschieden sollen. Stattdessen flogen sie auf eine improvisierte Landefläche zu. Die Feuer dienten dem Piloten zur Signalisation.

Sand wirbelte auf, als die Räder der Maschine aufsetzten. Es roch verbrannt, aus den damals offenen Gepäckablagen flogen Mäntel und Hüte durch die Luft, Milch und Fruchtsäfte klatschten auf den Boden, Geschirr zerschlug. Steinegger erinnert sich:

«Es herrschte ein riesiges Durcheinander, einige schrien ‹es brennt!› und wir von der Crew brachten die Notrutschen an, um zu evakuieren.»

Bild

Beta Steinegger, ehemalige Flugbegleiterin. bild: zvg

Kurz darauf baumelten die Rutschen zerstochen und luftleer an den Maschinen, die Notlichter erloschen. Für 157 Menschen in der Swissair-Maschine brach die erste Nacht in der Wüste an. Als Geiseln an Bord.

Vor 50 Jahren entführten Mitglieder der Palästinenserorganisation «Volksfront für die Befreiung Palästinas» drei Flugzeuge mit insgesamt mehr als 400 Menschen nach Zerqa in Jordanien. Sie drohten, die Maschinen der Swissair, der britischen BOAC und der amerikanischen TWA in die Luft zu sprengen, wenn nicht inhaftierte palästinensische Freiheitskämpfer freigelassen würden. Auch jene drei, die im zürcherischen Regensdorf einsassen.

Die hygienischen Zustände waren prekär, das Wasser knapp

Dass sie in den Nahostkonflikt verwickelt werden würden, ahnten Steinegger und Weiss nicht, als sie am 6. September 1970 ihren Dienst antraten.

Sie arbeiteten gerade in der Economy-Klasse, als Schreie in der 1. Klasse laut wurden. Weiss eilte nach vorn und sah, wie ein Mann einer Kollegin eine Pistole an den Hals drückte. «Kurz darauf stand eine Frau mit einer Handgranate im Cockpit und zwang den Piloten, Richtung Jordanien zu fliegen», sagt Weiss.

Die Luftpiratin informierte per Durchsage, dass es nicht wie geplant nach New York gehe und alle sich an ihre Anweisungen halten sollten. Mehr Informationen gab es vorerst nicht. Es war der Beginn einer zermürbenden Wartezeit. Vor allem für die Passagiere, wie Weiss sagt:

«Nachdem unsere Maschine gelandet war, arbeitete das Bordpersonal praktisch ununterbrochen weiter.»

Bild

Jean Michel Weiss (Mitte, mit Krawatte) sitzt neben Beta Steinegger (Mitte, kniend) und weiteren Geiseln vor der entführten Swissair-Maschine. Das Foto entstand bei der Pressekonferenz, welche die palästinensischen Entführer organisiert hatten. Weiss und Steinegger mussten über die Zustände an Bord informieren. bild: keystone

Emotional schwierig sei es etwa geworden, als der eine Flugbegleiter realisiert hatte, dass er seine eigene Hochzeit verpassen würde, oder als es einem anderen gesundheitlich schlecht ging. «Alle waren sich aber der grossen Verantwortung gegenüber den Passagieren bewusst – und funktionierten. Für grosse Ängste blieb kein Raum, wir hatten alle Hände voll zu tun.»

Die hygienischen Zustände waren prekär, Wasser und Essen knapp. Die Crew putzte mit ihren Kleiderbürsten das Flugzeug, stand Wache vor dem Wassercontainer, verteilte Fladenbrot oder reinigte die Toiletten. Sie verstopften permanent, da ohne Strom der Zerkleinerer nicht funktionierte.

Mit Kleiderbügeln drückte der damals 26-jährige Weiss Fäkalien und zerrissene Thora-Seiten in den Tank. Jüdische Passagiere entsorgten sie dort in einer ersten Panik. Weiss sagt:

«Die Entführer bedrohten aber keine Einzelpersonen, sie behandelten alle gleich.»

Bild

Jean Michel Weiss, ehemaliger Flugbegleiter. bild: zvg

Frauen und Kinder durften das Flugzeug am Montag verlassen, die Männer und die Crew mussten an Bord bleiben. Über den Türen brachten die Entführer Sprengstoff an und patrouillierten bewaffnet durch die Maschine. Unter den Passagieren sei die Stimmung aber nie gekippt, sagt Weiss:

Einige flüchteten sich in lange Gebete, andere jassten. Dass es ruhig blieb, war wohl das Verdienst der Crew.

Beta Steinegger pflichtet dem bei. Einige Passagiere hätten grössere Angst gehabt als andere, erzählt sie. Um sie kümmerte sich das Kabinenpersonal intensiv und versuchte, sie zu beruhigen.

«Denke ich heute an die Entführung zurück, kommt mir als Erstes dieser Zusammenhalt in den Sinn. Wir kannten uns vorher nicht und wuchsen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen», sagt sie. Eine Gemeinschaft, die eine Woche lang bei tagsüber mehr als 50 Grad Celsius in der Maschine ausharren musste und nachts jede Decke brauchte, um in der kalten Wüstennacht Schlaf zu finden.

Bild

Nach der Entführung sprengten die Entführer drei Flugzeuge in die Luft. Das Bild zeigt sie beim anschliessenden feiern auf den Trümmern. bild: keystone

Kurz vor der Freilassung spitzte sich die Situation zu

Die Verhandlungen zwischen den Palästinensern und der Schweiz, den USA, Grossbritannien, Israel und Deutschland zogen sich hin, obwohl klar war, dass die «Volksfront für die Befreiung Palästinas» zum Äussersten bereit war. Ein halbes Jahr zuvor explodierte eine ihrer Bomben im Frachtraum einer Swissair-Maschine und führte zu deren Absturz über Würenlingen. Steinegger sagt:

Je länger wir in der Wüste ausharrten, desto stärker spitzte sich die Situation zu. Die jordanische Armee umzingelte das Gebiet mit Panzern.

Am Freitagabend machte das Gerücht die Runde, dass die Israelis einen Angriff planten. Den ganzen Tag hindurch gruben die Palästinenser Schützengräben aus. «Die Gefahr war gross, dass die Entführer uns bei einem Angriff in die Luft gejagt hätten», sagt sie. In dieser Nacht schrieb die damals 35-Jährige zwei Briefe: einen an ihren Mann und einen an ihre Familie.

Tags darauf die erlösende Nachricht: Passagiere und Crew durften das Flugzeug verlassen. Es flog menschenleer in die Luft. Wochen später kamen die palästinensischen Attentäter aus dem Schweizer Gefängnis frei. Für ihren Einsatz in der Wüste erhielten Jean Michel Weiss und Beta Steinegger von der Swissair je 36 Überstunden gutgeschrieben und zwei Wochen Pause. Kein Care-Team erwartete sie in Kloten, dafür ein Swissair-Mitarbeiter, der sie informierte, dass sie neue Uniformen erhalten würden.

Sowohl Weiss als auch Steinegger arbeiteten weiter. Angst hätte er bei seinen weiteren Einsätzen nicht gehabt, sagt Weiss:

«Aber das Gefühl, ausgeliefert zu sein, hat sich eingeprägt. Mir war fortan bewusst, wie wenig es braucht, dass jemand anders das eigene Schicksal bestimmt.»

Und Beta Steinegger war bei ihrer Arbeit aufmerksamer als zuvor. Stand ein herrenloses Gepäckstück vor dem Abflug herum, reichte sie es dem Bodenpersonal nach draussen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

32 Bilder der allerbesten Stewardessen-Uniformen EVER (ever, ever ...)

20 Jahre nach dem Absturz der «Swissair 111»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

3
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Vecchia 06.09.2020 15:50
    Highlight Highlight Daran kann ich mich gut erinnern. Obwohl wir Kinder damals keine Tagesschau etc. schauten, bekamen wir die grosse Sorge in der Flughafenregion mit, da unter den Schulkindern auch die von Crewmitgliedern waren.

    Ich höre die Worte meines längst verstorbenen Vater noch heute, wie er uns Kindern gleichzeitig zu erklären und zu beruhigen versuchte - nach "Würenlingen" wo er als Feuerwehrmann ein halbes Jahr zuvor Grauenhaftes gesehen hatte.
    Keine einfache Zeit und für die welche der CH im Nachhinein "Erpressbarkeit" vorwerfen:
    Gut wurden damals Menschenleben doch noch höher gewichtet als Geld!
    • Grohenloh 06.09.2020 18:28
      Highlight Highlight Heute wird nicht Geld höher gewichtet als Menschenleben. Es geht darum, nicht erpressbar zu sein. Kein Lösegeld zu bezahlen, nie (oder jedenfalls nur heimlich), dass es keine Nachahmungstäter gibt.
    • Kruk 06.09.2020 23:05
      Highlight Highlight Andererseits lassen sich heute Konzerne wie Lafarge-Holcim sogar von der Terrorbande des IS erpressen, aber nicht etwa um Menschenleben zu retten.

8 Punkte über die aktuelle Lage der Schweiz in der Coronakrise

Seit Monaten dominiert die Coronakrise unser Leben. Die Fallzahlen steigen in den letzten Wochen wieder kontinuierlich an. Aber sie alleine geben kein Bild über die Situation.

Fallzahlen, Testvolumen, Positivitätsrate, Hospitalisationen, Todesfälle – es gibt einige Statistiken, welche zusammen ein Bild von der Coronakrise ergeben. Stefan Kuster, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG, erklärte an der heutigen Pressekonferenz: «Die Situation ist stabil, aber fragil.» Wir blicken auf acht Punkte.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Nach dem Höhepunkt im März/April brachte die Schweiz die Fallzahlen bis in den tiefen zweistelligen Bereich. Seit …

Artikel lesen
Link zum Artikel