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1. August: Bürgerliche Bundesräte nicht aufs Rütli eingeladen?

rütli
Der prestigeträchtigste Ort für eine Ansprache zum Nationalfeiertag: das Rütli am Urnersee.Bild: keystone

Bürgerliche Bundesräte nicht aufs Rütli eingeladen? «Das ist schlicht falsch»

Anders Stokholm verwaltet als SGG-Präsident das Rütli. Im Interview sagt der ehemalige Pfarrer, warum die Kritik am mutmasslichen Linkskurs zu kurz greift und wer nächstes Jahr die Ansprache halten soll.
30.07.2024, 07:17
Benjamin Rosch / ch media

Was bedeutet Ihnen das Rütli?
Anders Stokholm: Das Rütli ist für mich jener Ort, bei dem man davon ausgeht, dass die Eidgenossenschaft gegründet worden ist – zumindest der Darstellung Schillers nach. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat dieses Grundstück vor 164 Jahren gekauft und dem Bund geschenkt, damit das Rütli für alle zugänglich ist. Es steht für mich also vor allem für das Verbindende.

Also eher «Wiege der Schweiz» als «Wiese mit Kuhfladen», wie es einst alt Bundesrat Ueli Maurer nannte?
(Lacht.) Es gibt immer verschiedene Blickwinkel. Von einer sachlichen Perspektive hat Ueli Maurer nicht unrecht. Und dennoch ist der Ort mehr als nur eine Kuhwiese. Viel mehr.

Sind sie ein Patriot?
Man merkt es ja meinem Namen an, dass ich kein Urschweizer bin. Ich bin ein Secondo. Die Schweiz ist aber meine Heimat, auch wenn mein Vater Däne war. Die Schweiz ist jenes Land, mit dem ich mich identifiziere, mein geistiges Vaterland.​

In der Öffentlichkeit kennt man Sie vor allem als Präsident des Schweizer Städteverbands. Ein grosser Sprung zu einer Wiese am Vierwaldstättersee – auch wenn die SGG nicht nur ein Rütliverein sein soll.
Im Kern ist die SGG vor allem gemeinnützig. Das Gemeinwohl ist ein Wert, der mich seit Kindsbeinen begleitet. Das Rütli ist auch nur ein Ausdruck dessen. Die SGG schaut zurück auf eine lange Serie von Projekten von Pro Juventute bis AHV, an deren Entstehung der Verein mitgewirkt hat. Die Reduktion auf das Rütli greift zu kurz.

Anders Stokholm SGG
Anders Stokholm ist SGG-Präsident.Bild: zvg/AZ

Was haben Sie denn konkret vor mit der SGG?
Ich will mich einsetzen für den Zusammenhalt der Schweiz, für eine aktive Zivilgesellschaft und eine lebendige Demokratiekultur. Auf diese drei Stossrichtungen hat sich die SGG festgelegt. Als Präsident bin ich nur ein Mitglied des ausführenden Organs, des Vorstands.​

Das klingt etwas unkonkret. Die SGG hat zuletzt ja einige Turbulenzen durchlebt. Die Kritik entzündete sich an ihrem Vorgänger, Nicolas Forster, der für manche einen zu progressiven Kurs fuhr. Kommt es unter Ihnen als FDP-Mitglied zur bürgerlichen Korrektur?
Über die SGG wurde meiner Ansicht nach sehr vereinfacht berichtet. Die Medien personalisierten stark und steckten die SGG voreilig in eine politische Schublade. Aber das Links-rechts- und Konservativ-progressiv-Schema greift doch viel zu kurz. Tatsächlich ist die SGG politisch unabhängig. In den vergangenen Jahren hat sie intensive Diskussionen geführt, wie sie die historische Organisation in die Zukunft führen will. Uns stellt sich die Frage, wie «Gemeinnützigkeit» im heutigen und künftigen gesellschaftlichen Kontext ausgelegt werden soll. Die Mitglieder haben an der Gesellschaftsversammlung im Juni einen neuen strategischen Rahmen verabschiedet. Darauf können wir nun aufbauen und uns auf konkrete Tätigkeiten konzentrieren. Dazu zählen altbewährte Projekte wie Job Caddie, Seitenwechsel, Intergeneration oder der Freiwilligenmonitor. Aber auch neue Initiativen, die noch unter meinem Vorgänger angestossen wurden. So etwa der Zukunftsrat oder die Dialogreihe «Lasst uns reden».

Politisch erwuchs der Druck vor allem aufgrund der Nationalfeier. Die Motion Aeschi verlangt, dass der Bund das Rütli von der SGG übernehme. Der Nationalrat sagte im April Ja dazu.
Das analysieren wir intensiv. Wir versuchen zu verstehen, vor welchem Hintergrund das geschieht. Die Argumentation zielt ja unter anderem darauf ab, dass zu wenige bürgerliche Bundesräte am Rütli auftreten. Und hier müssen wir klarstellen: In den vergangenen 25 Jahren standen 14 bürgerliche Politiker gegenüber 5 SP-Bundesräten am Podium, dazu kommen 5 Nichtpolitiker, und einmal fand die Feier gar nicht statt. In der nationalen Politik ist der historische Horizont etwas kurz. Dem müssen wir mit Fakten begegnen. Und dann will ich noch eines sagen: Die SGG ist eine private Organisation, die das Rütli gekauft und dem Bund als unveräusserliches Nationaldenkmal geschenkt hat unter der Prämisse, dass sie das Areal unter Oberaufsicht des Bundes verwaltet, eine Private-Public-Partnership sozusagen, zur Hauptsache aber privat finanziert. Die Forderung, der Bund solle das Rütli übernehmen, finde ich angesichts dieses durchaus bürgerlichen Ansatzes und in der aktuellen Finanzlage anachronistisch.

In der Sonntagspresse war zu lesen, die bürgerlichen Bundesräte seien für die kommende 1.-August-Feier wieder nicht angefragt worden.
Das ist schlicht falsch, und wir können das auch belegen. Wir hatten schon für 2023 eine Zusage von Karin Keller-Sutter. Sie war zum Zeitpunkt der Anfrage Justizministerin, was zum Jubiläum der Bundesverfassung passte. Dann kam es zum Departementswechsel und deshalb trat Elisabeth Baume-Schneider auf. Wir fragten Frau Keller-Sutter in der Folge für 2024 an, was aber aus terminlichen Gründen nicht klappte, jetzt ist sie für nächstes Jahr eingeplant. Wir haben entgegen der Darstellung in der Sonntagspresse auch SVP-Wirtschaftsminister Guy Parmelin angefragt und eine schriftliche Absage erhalten.

Jetzt springen Sie halt selber als Redner ein.
Auch das hat es in den vergangenen 164 Jahren mehrfach gegeben: Dass kein Bundesrat auftritt, war sogar mehr die Regel denn die Ausnahme. Wenn man auf dem Rütli eine Ansprache hält, ist man zeitlich stark gebunden. Bundesräte haben heutzutage aber oft mehrere Auftritte an einem Tag.

Und was sagen Sie den Leuten?
(Lacht.) Da möchte ich eigentlich noch nicht zu viel verraten. Aber das Verbindende wird im Zentrum stehen und dass dieses immer wieder neu gefunden werden muss.

Klingt sehr pfarrlich.
Gehen Sie oft in die Kirche, um das beurteilen zu können?

Ha! Zuletzt eher selten. Aber Sie waren Pfarrer, oder?
Ja, sieben Jahre. Und ich schliesse es nicht aus, dass ich es dereinst wieder werde. Ich sehe auch viele Gemeinsamkeiten zum Amt eines Exekutivpolitikers: Man ist verantwortlich für ein Ganzes und kann sich die Mitglieder nicht aussuchen – seien das nun «Schäfchen» oder Bürgerinnen und Bürger. Ich glaube, die beiden Berufsbilder treffen sich irgendwo. (aargauerzeitung.ch)​

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19 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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The oder ich
30.07.2024 05:46registriert Januar 2014
Jetzt helft meinem Gedächtnis: der Herr Aeschi war doch einer der Politrowdies, der im Bundeshaus randalierte, oder. Und der findet, dass 14 bürgerliche Redner/innen weniger sind als 5 von der SP und 5 politisch Ungebundene?

UND DAS NIMMT JEMAND ERNST?
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Walter Sahli
30.07.2024 05:35registriert März 2014
Aeschi ist wohl beleidigt, dass er nicht angefragt wurde. Oder plant er, Putin in die Schweiz einzuladen und auf dem Rütli sprechen zu lassen?
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RaWi - Wir sind mehr
30.07.2024 06:13registriert Februar 2014
Danke für das sachliche Interview!
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