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epa04502812 A protester urinates in front of a burning auto parts store in Ferguson, Missouri, USA, 25 November 2014. According to St Louis County Prosecuting Attorney, the Grand jury decided that Ferguson police Officer Darren Wilson will not be charged in the shooting death of unarmed teenager Michael Brown. Protestors have taken to the streets angry that Ferguson police officer Darren Wilson was not indicted by a grand jury for the shooting death of teenager Michael Brown in August 2014.  EPA/TANNEN MAURY

Krawalle in Ferguson. Bild: TANNEN MAURY/EPA/KEYSTONE

Interview zu Polizeigewalt

Wäre «Ferguson» auch in der Schweiz möglich? In Genf und Lausanne ja, meint Soziologe Sandro Cattacin

Der Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown steht sinnbildlich für die Eskalation der Gewalt und die Ghettoisierung in US-Städten. Soziologe Sandro Cattacin erklärt, warum es auch in Schweizer Städten zu rassistisch motivierter Polizeigewalt kommen kann.



Herr Cattacin, hätte ein Fall wie in Ferguson auch in der Schweiz passieren können?
Sandro Cattacin:
 Ja. Vielleicht auf weniger dramatische Art, die Gewaltspirale dreht sich noch nicht so stark hierzulande. Aber es wäre möglich. Lausanne und Genf beispielsweise sind ein heisses Pflaster für rassistisch motivierte Polizeigewalt.

Sandro Cattacin Mitglied des Forschungsprogramms Rechtsextremismus in der Schweiz  praesentiert die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms (NFP40) am Dienstag, 24. Februar 2009 in Bern. Rechtsextremismus existiere auch in der Schweiz und trete primaer bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf. Die Wirkung von Praeventionsprogrammen sei schwierig zu belegen, bilanziert das Forschungsprogramm. (KEYSTONE/ Lukas Lehmann)

Bild: KEYSTONE

Sandro Cattacin

ist Professor für Soziologie an der Universität Genf. Cattacin (1963) ist in Zürich aufgewachsen und hat dort studiert. Seit 2003 lehrt Cattacin in Genf. Seine Forschungsschwerpunkte sind Migrations- und Stadtpolitik sowie das Sozial- und Gesundheitswesen. (egg)

Lausanne und Genf?
Dunkelhäutige Menschen werden überall in der Schweiz regelmässig angehalten und es kommt zu Ausschreitungen mit der Polizei. Das sind nicht meine Fantasien, das wird auch von der Fachstelle gegen Rassismus so registriert. Genf und Lausanne sind zudem Städte, die das Drogenproblem und die Kleinkriminalität nicht unter Kontrolle haben. Das heisst, Drogendeals und Gewalt gehören zum Strassenbild in gewissen Quartieren. 

Das sind happige Vorwürfe an die Schweizer Polizei...
Man muss ein bisschen relativieren. In gewissen Schweizer Städten wäre ein «Fall Ferguson» nicht möglich.

«Genf und Lausanne sind in der Schweiz eindeutig die Städte, in denen die Situation zwischen Polizei und potenziellen Gewalttätern ähnlich angespannt ist wie in den USA.»  

Sandro Cattacin, Soziologe Uni Genf

In welchen?
Generell in Deutschschweizer Städten, wo mehr in Prävention und Jugendarbeit investiert wird als in Genf und Lausanne. Letztere sind jedoch eindeutig die Städte, in denen die Situation zwischen Polizei und potenziellen Gewalttätern ähnlich angespannt ist wie in den USA.

Woher kommt diese Gewalt?
Sie entsteht an Orten, mit denen sich niemand identifiziert, in denen sich niemand engagiert. Identitätslose, oft durchmischte Räume, die sich zwischen homogeneren Quartieren befinden, wo nur Menschen wohnen, die sich einen anderen Wohnort nicht leisten können. Ich nenne sie «Zwischenorte».

Warum zücken die Polizisten dort schneller die Waffe? Sind sie rassistischer?
Nein. Aber an diesen Orten herrscht Misstrauen aller gegenüber allen. Die Polizei ist dort tagtäglich mit potenziellen Gewalttätern und Banden konfrontiert, die sich in diesen Zwischenorten austoben. Die Möglichkeit der Eskalation, die Bereitschaft zur Gewalt, ist höher als anderswo. Daneben gibt es die Quartiere der Reichen, die von privaten Sicherheitsdiensten kontrolliert werden und die Quartiere der Armen oder der Einwanderer. Sie sind viel homogener.

«Alle sind besonders aufmerksam, weil die Sicherheitsfrage hier ‹echt› ist. Auch die Polizei ist in solchen Quartieren doppelt wach.»

Sandro Cattacin, Soziologe Uni Genf

Und sicherer?
Auch in den Quartieren der Armen oder der Einwanderer braucht es kaum Polizei – weil es nicht nötig ist, oder weil sich die Bewohner selber organisieren und die Banden für Ordnung sorgen. Es gibt keinen sichereren Ort als das chinesische Viertel in Los Angeles oder – um in der Schweiz zu bleiben – als Gäbelbach in Bern-Bethlehem.

Was bedeutet das für die Polizeiarbeit?
Dort, wo das Gefühl der Bewohner geprägt ist von Misstrauen und Frustration sperren die Leute die Tür dreimal hinter sich zu. Und doch müssen sie raus, weil sie in die Schule gehen oder zur Arbeit. Aber alle sind besonders aufmerksam, weil die Sicherheitsfrage hier «echt» ist. Auch die Polizei ist in solchen Quartieren doppelt wach.

Und hält schneller auffällige Personen an ...
... oder greift rascher zur Waffe und schiesst. Das ist die logische Konsequenz. Der Druck, schnell handeln zu müssen, führt zu einer oberflächlichen Handlung: Man kontrolliert die Menschen mit dunkler Hautfarbe und greift zur Waffe.

«Das hängt nicht mit der Anzahl Waffen zusammen, die es in einer Stadt gibt, sondern mit der Art, wie diese Städte und Quartiere organisiert sind.»

Sandro Cattacin, Soziologe Uni Genf

Das heisst, es gibt Städte und Quartiere, die den raschen Waffengebrauch und die rassistisch motivierte Polizeigewalt geradezu begünstigen?
Das hängt nicht mit der Anzahl Waffen zusammen, die es in einer Stadt gibt, sondern mit der Art, wie diese Städte und Quartiere organisiert sind. In Basel und Zürich, aber auch in Toronto in Kanada, gibt es Quartiervereine, die Strassen- und Quartierfeste organisieren. Die suchen Sie in den «Inner Cities» in den USA vergeblich. Leider auch an gewissen Orten in Lausanne und Genf. Dort herrscht ein Misstrauens-Umfeld, der Polizist denkt zuerst an die üblen Geschichten, die passiert sind, oder die passieren könnten.

Gibt es grosse Unterscheide bei der Ausbildung der Polizisten in den USA und bei uns?
Kaum. Bei der Ausbildung der Polizisten gibt es immer nur ein Argument aus der Politik: Wir haben zu wenig Geld. Dafür werden immer mehr Polizisten angestellt, um Sicherheit vorzuspiegeln. Das ist ein Trugschluss: Mehr Polizisten erhöhen die Sicherheit nicht.

«Der Polizist mit Sonnenbrille, der in seinem Auto sitzt, vermittelt kaum ein Sicherheitsgefühl – zumal er ja offensichtlich selber Angst hat, das Auto zu verlassen.»

Sandro Cattacin, Soziologe Uni Genf

Was ist die Alternative?
Experimente haben gezeigt, dass der gute alte Quartierpolizist sehr viel Wirkung zeigt. Er vermittelt ein subjektives Sicherheitsgefühl, er kennt die Menschen im Quartier und ist vertrauensbildend. Der Polizist mit Sonnenbrille hingegen, der in seinem Auto sitzt, vermittelt kaum ein Sicherheitsgefühl – zumal er ja offensichtlich selber Angst hat, das Auto zu verlassen. Nachdem man die Quartierpolizisten grösstenteils abgeschafft hat, diskutiert man heute wieder darüber. 

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