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Bild: KEYSTONE

«Es gibt mehr als genug Arbeit für Flüchtlinge» – davon ist Integrationsexperte Thomas Kessler überzeugt

Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt, erklärt, wann es mit der Integration klappt und fordert mehr Jobs für Flüchtlinge.
01.09.2015, 06:5301.09.2015, 10:43
Daniel Fuchs / Aargauer Zeitung

Herr Kessler, das Asylsystem belastet das schweizerische Sozialsystem. Die Sozialhilfequote von Flüchtlingen liegt bei über 80 Prozent. Obwohl die meisten arbeiten könnten, hat selbst Jahre nach der Einreise nicht die Hälfte der Flüchtlinge einen Job. Weil sie nicht wollen oder weil sie nicht können?
Thomas Kessler: Weil sie nicht können. Sei es durch persönliche Behinderungen oder – wie in den allermeisten Fällen – weil man sie nicht arbeiten lässt. Unser System ist leider so ausgerichtet: Wir zwingen die Flüchtlinge noch vor einer Beschäftigung zum Nichtstun. 

«Arbeit ist die sinnvollste Tagesstruktur zur Integration.»

Sie meinen das drei- bis sechsmonatige Arbeitsverbot für Asylsuchende?
Ja, auch. Aber Menschen, die absehbar länger hierbleiben, sollte man sofort in Beschäftigungsprogramme und Tagesstrukturen überführen.

Bei Menschen, die länger hierbleiben, gilt doch gar kein Arbeitsverbot. Anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge dürfen arbeiten.
Und das sollten sie auch. Das gilt überhaupt für alle Menschen hierzulande, nicht nur für Flüchtlinge. Arbeit ist die sinnvollste Tagesstruktur zur Integration. Das ist eine global gültige Weisheit. Gerade in der Schweiz, wo wir uns über unsere Arbeit definieren, gewinnt das Prinzip an Bedeutung.

Die Flüchtlinge kommen jedoch aus ganz anderen Kulturkreisen.
Aber die meisten Migranten kommen ja gerade nach Europa, weil sie sich wegen der Arbeit Perspektiven erhoffen. Weil sie arbeiten wollen – und das in einem Land, in dem Arbeit sehr viel zählt –, ist es nur umso stossender, wenn sie daran gehindert werden.

Erklären Sie uns, inwiefern sich ein Job positiv auf die Integration auswirkt.
Nehmen Sie das Beispiel der häufig in den Medien zitierten jungen Männer, die negativ auffallen. Sie strotzen vor Energie, wollen arbeiten, aufsteigen und Geld in ihre Heimat schicken. Gesunde Männer soll man beschäftigen. Hat man etwas getan und dafür auch noch einen Batzen verdient, so hat das einen positiven Einfluss auf das Selbstwertgefühl. Leute, die arbeiten, sind auf dem Arbeitsmarkt überhaupt erst vermittelbar.

Und diejenigen, die sowieso ausgewiesen werden?
Auch sie stehen besser da, wenn sie gearbeitet haben. Sie haben etwas verdient und können erhobenen Hauptes in die Heimat zurückkehren. Denn dort haben sie bei ihren Familien Erwartungen geweckt, als sie sich verabschiedeten. Migranten, die ohne einen Erfolg vorzuweisen in ihre Heimat zurückkehren müssen, haben es besonders schwer. Sie werden sich eher gegen eine Rückreise wehren.

«Es schadet nichts, wenn ein Bahnhofsplatz einmal mehr gereinigt wird!»

Mangelt es nicht an Jobangeboten für die teils wenig qualifizierten Flüchtlinge?
Nein, es gibt mehr als genug Arbeit im Land. Gerade aus Syrien kommen gut ausgebildete Menschen. Krankenschwestern, Ärzte, Lehrer. Auch in der Handwerkerbranche besteht grosser Bedarf an Arbeitskräften. Gerade auch bei den Lehrlingen und bei den Hilfskräften. Aber denken Sie auch an den öffentlichen Raum: Strassen, Plätze und Wälder müssen gereinigt und gepflegt werden.

Wo also keine Anstellung möglich ist, sollen die Gemeinden Flüchtlinge dafür bezahlen, die Wälder und Strassen zu säubern? Ist das nicht eine Konkurrenz für das Gewerbe?
Nein, die öffentliche Hand muss nur vorher mit dem Gewerbe zusammen definieren, welche Aufträge das Gewerbe übernehmen kann und welche nicht. Die Arbeit im öffentlichen Raum kann man übrigens beliebig erweitern. Es schadet nichts, wenn ein Bahnhofsplatz einmal mehr gereinigt wird! 

«Ob die öffentliche Hand via Sozialhilfe Nichtstun finanziert oder Beschäftigung – kosten tut es sowieso.»

Das klingt alles so einfach, ist es aber nicht. Der Ökonom und ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm bezeichnete die heutige Flüchtlingswelle im «Tages-Anzeiger» als «Migration ins schweizerische Sozialsystem». Die SVP spricht von einem Asylchaos. Wo und warum werden Flüchtlinge zu Sozialfällen?
Weil es in manchen Gemeinden an Kooperation und der Suche nach pragmatischen Lösungen mangelt. Formalismus, Denkblockaden und Polemik kommen hinzu. Meine Erfahrung zeigt mir: Pragmatische und damit gute Lösungen werden vor allem in den kleinen und grossen Gemeinden gefunden.

Weshalb?
In kleinen Gemeinden ist die Situation überschaubar. Ein Gemeindepräsident kennt die Einwohner und ihre Bedürfnisse bestens. Folgt er seinem gesunden Menschenverstand, so wird er das Arbeitspotenzial der Flüchtlinge, die seiner Gemeinde zugeteilt worden sind, mit den Bedürfnissen der Bauern, Förster und Strassenarbeiter zusammenbringen. In grossen Gemeinden ist die Verwaltung dagegen so professionalisiert, dass sie die Menschen beschäftigen kann.

Jetzt auf

Wo klappt es nicht?
Dort, wo das politische Klima vergiftet ist und pragmatische Lösungen verhindert. Häufig werden auch in mittelgrossen Gemeinden Lösungen verunmöglicht. Erstens, weil sie zu gross sind, als dass der Gemeindepräsident die Leute und ihre Bedürfnisse genügend kennt. Und zweitens, weil die Verwaltung mangels Ressourcen zu wenig professionalisiert aufgestellt ist und deshalb schnelle pragmatische Lösungen verunmöglicht.

Was sollten solche Gemeinden tun?
Denkblockaden durchbrechen. Es braucht einen Willensentscheid der Behörden. Die Baselbieter Gemeinde Arlesheim ist ein gutes Beispiel. Die Gemeinde nimmt dank der Inbetriebnahme einer unterirdischen Unterkunft nun sogar mehr Flüchtlinge auf, als sie müsste. Und trotzdem kommen aus der Bevölkerung keine Reklamationen.

Integrationsprogramme, Beschäftigungsprogramme und Unterkünfte kosten eine Stange Geld. Wer soll das bezahlen?
Zuerst sollte man sich die Frage stellen, wie man die Menschen beschäftigt und damit den wichtigsten Schritt für ihre Integration macht. Ob die öffentliche Hand via Sozialhilfe Nichtstun finanziert oder Beschäftigung – kosten tut es sowieso. Die Sozialhilfe ist aber für Menschen reserviert, die nicht arbeiten können. Sie darf nicht Zwangsfreizeit finanzieren. 

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Angelo C.
01.09.2015 09:00registriert Oktober 2014
Ohne in Defätismus zu machen, darf man doch sagen, dass diese Beruhigungspillen Kesslers, die völlig falsche Hoffnungen wecken, geradezu grotesk sind. Recht hat er bloss, dass die Syrer mit Abstand am Besten in den Arbeitsprozess integriert werden können, weil die meisten doch einen gewissen Bildungsstandard und mehrheitlich auch Berufe haben, ganz allgemein ein anderes Niveau haben. Wenn er uns aber weismachen will, dass zehntausende Schwarzafrikaner, oft ohne Schulbildung, von Berufen gar nicht erst zu reden, unsere ausblutenden Sozialwerke dadurch retten könnten, indem man sie zum "zweiten Mal den Bahnhofplatz reinigen lässt" oder sie in rauhen Mengen in unsere Wälder schickt, dann ist das unverantwortliches Geschwätz, um die besorgte Bevölkerung einzulullen. Erstens müsste man auch diese Niedriglohnarbeiten aus staatlichen Quellen bezahlen, wobei durch diese paar selbst erwirtschafteten Franken die Sozialämter (zumal bei unproduktivem und grosszügigem Familiennachzug) längst nicht aus dem Schneider wären und dennoch in absehbarer Zeit illiquid sein werden.
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atomschlaf
01.09.2015 09:09registriert Juli 2015
Ja, ich fände es auch sinnvoll, wenn die Flüchtlinge arbeiten könnten, statt herumzuhängen. Allerdings vermisse ich im Interview mit dem "Experten" eine Aussage, wie er mit der Sprachbarriere umgehen will. In meinen Augen eines der Haupthindernisse für eine rasche Beschäftigung.
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Zeit_Genosse
01.09.2015 07:46registriert Februar 2014
Die Flüchtenden wollen Geld um zu überleben. Ob gratis durch Nichtstun oder eben durch Beschäftigung. Es geht nicht primär um Sinnstiftung und Integration über Arbeit, sondern erstmal um Geld zum Leben. Danach komm die Integrationsbereitschaft, weil man das Überleben gesichert hat und dann will man da bleiben, mit Familie (Nachzug) und Freunden ein Leben aufbauen. Einfach menschlich und verständlich.

Einfach den Dorfplatz zum Dumpinglohn zweimal wischen statt einmal scheint mir nicht das Rezept. Erstmal müssen die bürokratischen Hürden weg. Wer einen Flüchtenden beschäftigen möchte, muss viel Papierkram erledigen und das erfordert viel Zeit und kostet. Zudem müssen immer wieder Bewilligungen erneuert werden. So wird da aus den gut gemeinten Worten nichts. Und dann haben wir in der Schweiz Mindestlöhne, dass der Dorfplatz zu reinigen unbezahlbar macht. So einfach ist das eben nicht, so lange die Bürokratie sich an Regeln hält die nicht für diese Situation aufgestellt wurden. Wir haben politischen und rechtlichen Handlungsbedarf und sollten fähig sein die "Spielregeln" kurzfristig und nich dauerhaft zu dehnen. Flexibilität erlauben.
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