Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Schweizer Shared-Economy-Projekt

Du kannst kaufen, du kannst tauschen oder du kannst pumpipumpe



Wer kein Heimwerkerkönig ist, kennt das Problem: Da will man für einmal ein Loch bohren, hat aber keine entsprechende Maschine parat. Ein Kauf lohnt sich für solche Leute selten, aber wenn man Glück hat, kennt der Nachbar das Schweizer Projekt Pumpipumpe

Dort kann man Aufkleber von Gegenständen bestellen, die man verleiht: Von der Kabelrolle über den Schlitten bis hin zum Waffeleisen. Wir sprachen mit den Machern des Projekts.

Bild

screenshot: pumpipumpe

Lisa Ochsenbein, kennen Sie Ihre Nachbarn? Haben sie schon etwas ausgeliehen?
Ja, ich kenne sie. Ein zweiter von vier Haushalten macht bei mir im Haus auch mit. Bei denen habe ich schon einen Mixer geliehen, sie haben bei mir ein Zelt geborgt. 

Nutzen Sie andere Shared-Economy-Angebote im Internet? 
Ich persönlich bis jetzt gar nicht. Sowas macht schon Sinn, aber vor allem bei spezialisierten Angeboten. Etwa wenn Fotografen sich besondere Objektive zum Ausleihen anbieten: Da lohnt sich der Aufwand, sich online anzumelden und jemanden anzuschreiben. Bei den ganz einfachen Alltagsgegenständen ist das anders.

Welche Sticker werden am meisten nachgefragt? 
Das unterscheidet sich nach dem Land, aus dem die Anfrage kommt. Mixer, Bohrmaschine oder Werkzeug werden überall nachgefragt. In der Schweiz kommen das Raclette- und das Fondue-Set hinzu. In Österreich haben anscheinend alle Pasta-Maschinen, die sie verleihen.

Und aus welchen Ländern kommen die Bestellungen? 
Vor allem aus der Schweiz und Deutschland, aber immer wieder auch aus Österreich, Frankreich und Belgien. Dann gibt es noch Staaten, aus denen vereinzelt Anfragen kommen. Kanada, USA, Italien, Russland, Japan, Brasilien.

Vor zehn Jahren wären Sie womöglich noch als «Ökospinner» beschimpft worden. Ist die Zeit reif für einen bewussteren Konsum? 
Ich denke schon. Die neue Generation denkt vielleicht in anderen Schemata. Früher hatte man noch das Ziel, möglichst ein Haus zu kaufen, es perfekt einzurichten und dann bleibt es das ganze Leben so. Heute sind die Prioritäten anders: Es ist cool, frei zu sein, modern zu leben und flexibel zu sein. Da kann Besitz auch im Weg stehen. Das ist ein grosses Thema. Die jüngere Generation hinterfragt mehr: Wo ist der Fokus in meinem Leben und was brauche ich dafür? Oft sind die Antworten auf solche Fragen nicht materieller Natur.

Inzwischen gibt es 46 unterschiedliche Motive. Mit wie vielen haben Sie angefangen? 
Als wir mit dem Projekt begonnen haben, hatten wir 20 Aufkleber. Wir haben uns überlegt: Was für Sachen hat man, welche fehlen? Objekte, die man nicht verbraucht, die immer da sind und die sich für den lokalen Austausch eignen. Ausserdem dürfen sie einen gewissen Wert nicht übersteigen.  

Warum? 
Nicht dass man einem Einbrecher noch eine Einladung auf den Briefkasten klebt: Hier finden Sie ein hübsches Diamanten-Collier.  

Bild

Von diesem kleinen Zürcher Büro aus finden die Sticker ihren Weg in die grosse, weite Welt. bild: watson/phi

Woher kamen die Ideen für die neuen Motive?
Jeder, der auf unserer Webseite www.pumpipumpe.ch bestellt, kann Wünsche für weitere Sticker angeben und die meisten Leute machen das auch. Das heisst, wir haben Tausende neuer Vorschläge und wenn wir neue Sticker bestellen, schauen wir uns diese Liste an und sehen, was oft genannt wird.

Zum Beispiel? 
Es hat ein paar ganz gute Vorschläge gehabt. Zum Beispiel den Staubsauger. Das macht Sinn: Man braucht ihn zwar regelmässig, aber pro Woche wahrscheinlich nur eine halbe Stunde. Da ist ein Riesenpotenzial, um den Staubsauger insbesondere mit seinen Nachbarn zu teilen.

Woher weiss man dort von Pumpipumpe? 
Ich weiss es nicht. Im Internet verbreiten sich Informationen einfach unkontrollierbar. 

Ihr habt sogar eine Discokugel im Aufkleber-Angebot.
Ich finde, es braucht da einen Mix. Das Projekt soll ja auch Spass machen. Es ist vielleicht nicht das Objekt mit dem grösste Einfluss auf das Konsumverhalten, aber es ist schon cool sowas zu haben, wenn man zum Beispiel eine Party macht. 

Angestossen wurde das Projekt auf der Crowdfunding-Plattform «We Make It». 
Anfang 2013 hatten wir das Geld für eine erste professionelle Sticker-Produktion zusammen und seither läuft das Projekt. Es ist nicht profitorientiert, wir haben verschiedene Institutionen, die uns unterstützen. Wir haben das Projekt selbst nie gepusht, aber das Interesse wird immer grösser. Momentan haben wir so viele Bestellungen wie noch nie. Seit Spiegel und andere internationale Medien berichtet haben, verdreifachte sich die Menge an Bestellungen. 

Und jetzt fehlen Sponsoren? 
Genau, die Deckung reicht für die Grösse des Projekts nicht mehr aus. Wir suchen deshalb im Moment dringend Partner, um auf diesem Niveau weiterzumachen und das Projekt auch gezielt weiterentwickeln zu können. 

Dabei geht es ja auch um Konsum ..
Wir leben in einem Land mit sehr grossem Wohlstand. Bei uns in der Schweiz funktioniert alles sehr gut, aber manchmal sollte man sich vielleicht trotzdem die Zeit nehmen und überlegen: Wieso machen wir das so? Wie soll sich die Welt weiter entwickeln, was kann ich selbst bewirken und in meinem eigenen Umfeld machen? Hier kann es sich ja eigentlich jeder leisten, sich selbst ein Gerät wie eine Bohrmaschine zu kaufen. 

Was ist dann das Ziel?
Es geht ja grundsätzlich auch gar nicht darum, ein finanzielles Problem zu lösen, sondern darum, Material und seine Rohstoffe wo möglich gemeinsam zu nutzen, weil es sinnvoll ist. Ein zweiter Aspekt ist die Nachbarschaft, die heutzutage viel zu wenig genutzt wird. Dabei ist sie ein Netzwerk, das viel Potenzial hat. Genau so wie das persönliche Umfeld.

Bekommen Sie eigentlich mit, ob die Kunden das Angebot mögen?
Wir kriegen sehr viel gutes Feedback. Es hat mich überrascht, dass so viele Rückmeldungen kommen. Die Leute berichten dann, dass sie ihrem Umfeld davon erzählt haben. Seither gibt es die Möglichkeit, grössere Sticker-Pakete zu bestellen, wenn man das Projekt im eigenen Umfeld aktiv verbreiten möchte. Manchmal bekommen wir auch einen Hilfeschrei, weil der Hausmeister die Aufkleber verbietet, was sehr schade ist.

Und wie kamen Sie auf den Gedanken, Ihren Nachbarn Ihr häusliches Inventar zu offerieren? 
Wir arbeiten alle in verschiedenen Bereichen: Ivan Mele ist Designstratege, Sabine Hirsig ist Illustratorin und ich Produktdesignerin. Wir haben ein Gemeinschaftsbüro in Bern bezogen und uns überlegt, was für ein Projekt wir interdisziplinär machen können, wenn wir etwas Zeit haben. Sachen die uns interessieren und in denen wir Potenzial sehen. Wir kamen dann auf das Sharing-Projekt, das aber einfacher funktionieren und lokaler ausgerichtet sein sollte als bisherige Konzepte.

Und so wurde Pumpipumpe geboren. Hat Euch damals selbst etwas gefehlt? 
Eher das Gegenteil. Wir haben festgestellt, dass wir zu viele Sachen haben. Ich besonders, weil ich in jener Zeit mehrmals umgezogen bin. Man schleppt Dinge mit, die dann doch wieder im Keller landen, weil man sie kaum braucht. Und dann gibt es natürlich auch die Sachen, von denen man denkt: Es ist unnötig, das jetzt zu kaufen für einen wahrscheinlich einmaligen Gebrauch.

Wie kamt Ihr eigentlich auf den Namen Pumpipumpe? 
Es gibt viele fürchterlich ernste oder kommerziell ausgerichtete Projekte mit einem «Sharing» im Namen. Wir müssen unseren oft erklären. Er verkörpert aber vielleicht auch ein bisschen den Charakter unseres Projektes. 

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Ökonomen haben's berechnet: Leben retten lohnt sich auch wirtschaftlich

Bisher fuhr der Bundesrat im Nebel, wenn es um eine Abwägung der Massnahmen gegenüber den wirtschaftlichen Kosten ging. Nun legen die Ökonomen der Taskforce eine Berechnung vor, die zeigt: Strengere Massnahmen lohnen sich auf allen Ebenen.

Seit Wochen erklären es die Ökonominnen und Ökonomen der Science Taskforce des Bundesrates mantraartig: Härtere Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verhindern nicht nur Tote und schwere Krankheitsverläufe, sondern machen auch wirtschaftlich Sinn.

In einer Pressekonferenz sagte Monika Bütler, Ökonomin und Taskforce-Mitglied: «Die Übersterblichkeit führt zu hohen Kosten, selbst wenn ein drohender Kollaps des Gesundheitssystems vermieden werden kann.» Selbst bei konservativen …

Artikel lesen
Link zum Artikel