Schweiz
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Interview

«Langsam drehende vertikale Windräder sind leise und töten keine Vögel»

Erneuerbare Energie ja, aber bitte keine Windräder. Das sagen selbst überzeugte Umweltschützer, denn Windräder verschandeln die Landschaft, sind laut und töten Vögel. Der Unternehmer Patrick Richter hat die Antwort auf diese Probleme gefunden: grosse vertikale Windräder.



Windräder seien krebserregend, hat Donald Trump kürzlich erklärt. Was würden Sie ihm entgegnen?
Hat er das wirklich gesagt? Dann sollte er besser darauf achten was er sagt…

Trump behauptet auch, Windenergie sei unzuverlässig. Es komme immer wieder zu Blackouts.
Das stimmt. Solar- und Windenergie sind, wie es in der Fachsprache heisst, stochastisch. Will heissen: Die Menge kann sehr stark fluktuieren.

Setzt also das TV-Gerät aus, wenn der Wind nicht bläst, wie Trump behauptet?
In den herkömmlichen Stromnetzen verursachen die erneuerbaren Energien zunächst einmal Probleme. Diese Netze sind auf grosse zentrale Kraftwerke ausgerichtet, die viel Strom erzeugen. Dieser wird dann mit dem Netz über grosse Distanzen verteilt.

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Patrick Richter , 46, ist ausgebildeter Elektroniker und Wirtschaftsinformatiker. 2009 verliess er die IT-Branche und gründete danach die Agile Wind Power AG in Dübendorf. Er leitet das Unternehmen mit 25 Mitarbeitern als CEO.

Heute hingegen spricht man vermehrt von einem intelligenten Netz, einem «Smart Grid». Was versteht man darunter?
Das Stromnetz wird wieder dezentraler, wie das übrigens am Anfang auch war. Da hatte jede Textilfabrik ihr eigenes Stromwerk am Fluss. Ein dezentrales Netz funktioniert jedoch nur, wenn es intelligent ist, will heissen, wenn die verschiedenen kleinen Erzeuger aufeinander abgestimmt sind, so dass das Netz die Fluktuationen auffangen kann.

Elektrischen Strom kann man bekanntlich nur schlecht speichern. Wie wird das Smart Grid mit diesem Problem fertig?
Solange die erneuerbare Energie bloss einen kleinen Teil der gesamten Stromerzeugung ausmacht, ist es kein Problem, sie im traditionellen Netz zu verbreiten. Doch das beginnt sich zu ändern. In Deutschland beispielsweise beträgt der Anteil der Wind- und Solarenergie im Netz bereits mehr als 30 Prozent. Das traditionelle Netz kann diese Herausforderungen nicht mehr leisten, zumal der Anteil der erneuerbaren Energie weiter steigen soll.

In den Schweizer Alpen haben wir Pump-Speicherwerke. Sie funktionieren wie eine riesige Batterie. Ist zu viel Strom vorhanden, wird er dazu verwendet, Wasser zurück in die Stauseen zu pumpen. Ist das die Lösung?
Ja, ich bin überzeugt, dass sich die Investitionen in diese Werke, beispielsweise das kürzlich eröffnete Werk Linth-Limmern im Glarnerland, in der Zukunft rechnen werden. Die Schweiz ist zusammen mit Norwegen dazu prädestiniert, die Batterie Europas zu werden.

ARCHIVBILD ZUR MEDIENKONFERENZ DER WIRTSCHAFTSVERBAENDE GEGEN DIE ENERGIESTRATEGIE 2050, AM MONTAG, 20. MAERZ 2017 - Blick auf die Staumauer Muttsee des Pumpspeicherwerks Limmern der Axpo Holding AG, am Freitag, 9. September 2016, in Linthal. Die Bauarbeiten fuer die laengste Staumauer der Schweiz und die hoechstgelegene Europas dauerten fuenf Jahre. Die Axpo beziffert die Investitionskosten mit 2,1 Milliarden Franken. Das unterirdisch angelegte Pumpspeicherwerk pumpt Wasser aus dem Limmernsee in den gut 600 m hoeher gelegenen Muttsee hoch, das bei Bedarf wieder zur Stromproduktion genutzt wird. Das neue Werk soll eine Pumpleistung und eine Turbinenleistung von je 1000 MW aufweisen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller).

Pumpstauwerk Linth-Limmern im Glarnerland: So sieht die Zukunft aus. Bild: KEYSTONE

Der ETH-Professor und Energieexperte Toni Gunzinger ist überzeugt, dass die Schweiz dank Wasser-, Solar- und Windenergie und einem intelligenten Netz bis 2050 sämtliche Energie selbst erzeugen kann. Teilen Sie diese Einschätzung?
Definitiv. Ich bin nicht so intelligent wie Professor Gunzinger, ich kann es nicht rechnen. Aber ich kann nachvollziehen, was er rechnet. Gunzingers Vision einer Schweiz, die ihre Energie selbst nachhaltig erzeugt, macht sehr viel Sinn, ökologisch und ökonomisch. Ich sage das als liberal und wirtschaftlich denkender Unternehmer und nicht als rot-grüner Träumer.

Flüstern Sie das mal Roger Köppel ins Ohr. Aber zurück zur Windenergie. Wie ist das nun mit den Vögeln, die von den Windrädern getötet werden?
Die Schweiz ist sicher nicht das ideale Land für Windenergie. Das heisst nicht, dass wir nicht ebenfalls ein paar geeignete Standorte haben. Wind ist eine ideale Ergänzung zu Solarenergie. Aber die herkömmlichen Windräder sind ein grosser Eingriff in die Natur. Sie sind laut, und ja, sie können auch Vögel töten. Windenergie ist günstig, billiger gar als Kohle.

Ihr vertikales Windrad ist leise und tötet keine Vögel. Wie hat man sich das vorzustellen?
Kleine vertikale Windräder gibt es schon lange. Uns ist es gelungen, ein grosses, effizientes und zuverlässiges vertikales Windrad zu entwickeln. Das war eine gewaltige technische Herausforderung. Die Details erspare ich Ihnen. Entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass nur ein grosses vertikales Windrad wirtschaftlich Sinn macht.

Was ist der Unterschied zu den herkömmlichen Windrädern?
Wir haben einen Motor entwickelt, der die Rotorblätter «pitchen» kann, will heissen, die Rotorblätter werden während der Drehung des Windrades permanent und optimal an die Windströmung angepasst. Deshalb können sie langsam drehen, ohne dass die Strömung am Rotorblatt abreisst. Das löst die beiden besprochenen Hauptprobleme der traditionellen Windräder: Langsam vertikal drehende Windräder sind leise – und sie töten keine Vögel.

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Neben den riesigen traditionellen Windrädern wirken die vertikalen geradezu niedlich.

Wie weit sind Sie in der Entwicklung dieser Windräder?
Wir sind derzeit mitten in der internationalen Zertifizierung. Als Laie kann man sich kaum vorstellen, wie kompliziert dieses Verfahren ist. Aber der Zertifizierer TÜV Rheinland hat uns bestätigt, dass wir weltweit die Ersten sind, die ein derartiges System zertifizierbar gemacht haben.

Und wann läuft die erste Anlage?
Wir sind jetzt am bauen auf einem Gelände bei Düsseldorf. Wenn nichts schief geht, sollte die Anlage Anfang nächsten Jahres fertig sein. Ende nächsten Jahres wollen wir die ersten drei Anlagen ausliefern.

Und was leistet ein solches vertikales Windrad?
Das hängt von der Grösse ab. Unsere erste Anlage hat eine Leistungsgrösse von knapp einem Megawatt. Das reicht, um – je nach Windaufkommen – 250 bis 650 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Traditionelle Windräder werden mehrheitlich in grossen Windfarmen errichtet. Wie sieht das mit vertikalen aus?
Unsere Windräder sind etwa drei Mal leiser als die herkömmlichen. Sie lassen sich einfacher transportieren und aufbauen und können daher viel näher an besiedelte Gebiete oder an schwer zugänglichen Orten gebaut werden. Sie eignen sich deshalb ideal für eine dezentrale Stromversorgung.

FILE - This September 9. 2013 shows wind turbines at Flakfortet near Copenhagen. The EU's antitrust chief, Margrethe Vestager, said Tuesday March 28, 2017  that the bloc’s executive Commission has approved Denmark's support for a proposed 600 MW offshore windfarm in the Danish section of the Baltic Sea, near German windmills.(Jens Dresling/Polfoto File via AP)

Albtraum der Windgegner: eine Windfarm bei Kopenhagen. Bild: AP/POLFOTO

Traditionelle Windräder sind eher hässlich. Lösen die vertikalen auch dieses Problem?
Zumindest teilweise. Natürlich sind Windräder ein optischer Eingriff. Vertikale Windräder wirken jedoch eher wie ein Turm und sind daher weniger störend. Wir wollen aber keine Windparks aufstellen. Unsere Anlagen eignen sich beispielsweise für die Eigenversorgung, für Industrien, Wasseraufbereitungsanlagen oder Kühlhäuser.

Und in welchen Ländern sollen die Anlagen dereinst stehen?
Sie bewähren sich gleichermassen für Industrie- und Schwellenländer. Strategisch steht für uns Deutschland im Vordergrund. Aber wir verhandeln auch mit Kunden in den USA, in Chile, in Indien, in Sri Lanka – und in der Schweiz.

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