Gemalte Abgründe: 11 Kunstwerke, die dir Albträume bescheren
Lange bevor Hollywood Jump Scares erfunden hat, haben Malerinnen und Maler Dinge auf die Leinwand gebracht, die direkt aus der Hölle zu stammen scheinen. Immer wieder machten sie das Monströse, das Verdrängte, das Verbotene zu ihrem Motiv. Die folgenden elf Gemälde verstören, sie ekeln, und manche entfalten ihr Grauen erst, wenn man ein zweites Mal hinschaut.
Licht an, Decke bis zur Nase hochziehen! (Wenn möglich. Ansonsten: Anschauen auf eigene Verantwortung.)
Hier sind 11 Kunstwerke, die du dir garantiert nicht ins Wohnzimmer hängen willst (Spoiler: Ein Maler verzierte mit einem davon seine Esszimmerwand):
«Saturn verschlingt seinen Sohn»
«Saturn verschlingt seinen Sohn» (1819) ist ein Gemälde des spanischen Künstlers Francisco de Goya. Falls du dich noch mehr gruseln willst: Es gehört zur Reihe der «Schwarzen Gemälde». Goya hatte insgesamt 14 Motive direkt auf die Wände seines Hauses gemalt. Nach seinem Tod wurden die Wandmalereien auf Leinwand übertragen, obwohl sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Der Künstler gab ihnen weder Titel noch Anmerkungen. Die gesamte Serie hängt heute im Museo del Prado in Madrid.
Das Gemälde zeigt Saturn, den römischen Gott der Landwirtschaft. Aus Furcht vor einer Prophezeiung der Göttin Terra (röm. Gaia), die besagte, dass eines seiner Kinder ihn stürzen würde, verschlingt er diese.
Wer mehr über Goyas düstere Gedankenwelt wissen möchte:
Zu seinen Lebzeiten erlebte de Goya mehrere politische Bewegungen, darunter Napoleons Einzug in Spanien und die wenig volksnahe Politik der spanischen Monarchie. In seinen Gemälden widerspiegelt sich seine düstere Weltsicht und seine Angst vor dem Wahnsinn.
«Deimos»
Hier handelt es sich um das Gemälde «Deimos» (2015) des zeitgenössischen serbischen Künstlers Dragan Bibin. «Deimos» ist im Altgriechischen der Gott und die Personifikation des Schreckens. Bibins Bilder sind unheimlich, weil er gerade die Abwesenheit des Grauens malt. Er arbeitet dabei reduziert und suggestiv. Was sich hinter der Tür verbirgt – ob sich überhaupt etwas dahinter verbirgt – bleibt ungewiss.
«Bus»
Das Gemälde «Bus» von Bronisław Linke entstand in der Zeit des Kommunismus. Der Maler arbeitete sechs Jahre daran und vollendete es erst kurz vor seinem Tod. Linkes Gesamtwerk blieb im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis weitgehend unbekannt. Neun Jahre nach dem Tod des Künstlers erwarb das Nationalmuseum in Warschau 1962 zwar das Gemälde «Bus». Aus politischen Gründen blieb es jedoch lange Zeit ein problematisches, verbotenes Objekt, das nicht öffentlich ausgestellt wurde.
Wie in einem Wimmelbild sind im Gemälde viele kritische Referenzen auf das Warschau der späten 1950er-Jahre zu erkennen. So ist beispielsweise der Bus in den im damaligen öffentlichen Nahverkehr der Hauptstadt üblichen Farben Gelb und Rot gehalten. Der Künstler stellt die Realität im Zustand völligen Verfalls dar; überall finden sich Spuren von Schlamm, Fäulnis und Wundbrand.
«Haupt der Medusa»
Der Schild aus Pappelholz mit dem Kopf von Medusa, gemalt von Michelangelo Merisi da Caravaggio um 1597, ist in den Uffizien in Florenz ausgestellt. Caravaggio malte das Bildnis auf die nach aussen gewölbte Oberfläche des Schildes. Trotzdem wirkt die Oberfläche nach innen gewölbt. Er fing den Moment ein, in dem sich Medusa im Schild des Perseus spiegelt und enthauptet wird.
Der Schild wurde von Kardinal Francesco Maria del Monte, Botschafter des Grossherzogtums Toskana in Rom, in Auftrag gegeben. Er schenkte das fertige Kunstwerk dem Grossherzog Ferdinando I. de Medici, um dessen Sammlung im Palazzo Vecchio zu bereichern.
Die Geschichte hinter Medusa ist brutal. In einem Tempel der Athene vergewaltigt Poseidon die schöne Medusa. Zur Strafe verwandelt die Göttin die junge Frau in eine Gorgone, ein Monster mit Schlangenhaaren. Schaut man ihr in die Augen, erstarrt man zu Stein. Der Sohn von Zeus Perseus sollte dem König Polydektes Medusas Haupt bringen. Mithilfe eines spiegelnden Schildes kann er sie enthaupten, ohne sie direkt anzuschauen. Athene heftet Medusas Haupt zum besonderen Schutz auf ihren Schild, da der Versteinerungszauber noch immer wirkt.
«Figure with Meat»
«Gestalt mit Fleisch»
Francis Bacon malte «Figure with Meat» 1954. Seine Gemälde verkörpern das existenzielle Ethos der Nachkriegszeit. Es geht um das seelische Trauma, den Schock und die Desillusionierung der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Bacon bezog sich in seinen Gemälden oft auf die Kunstgeschichte. So auch in diesem Fall: «Figure with Meat» ist Teil einer Serie, die er Diego Velázquez' Porträt von Papst Innozenz X. widmete. Aus der ikonischen Darstellung päpstlicher Autorität wird ein albtraumhaftes Bild.
Hier das originale Papst-Porträt von Velázquez:
«Nachtmahr»
Dieses Gemälde stammt von einem schweizerisch-englischen Maler, der als Johann Heinrich Füssli in Zürich geboren wurde. Später wurde er in England unter dem Namen Henry Fuseli bekannt. Immer wieder thematisiert er in seinem Werk die Welt der Träume und Visionen des Grauens – so auch in «Nachtmahr«, dem wohl bekanntesten seiner Werke.
Das Gemälde wurde erstmals 1782 in der jährlichen Ausstellung der Royal Academy in London gezeigt. Besucher und Kritiker waren schockiert, aber gleichzeitig auch fasziniert. Da das Motiv weder historischen, biblischen noch literarischen Quellen entlehnt ist, eröffnete es einen weiten Interpretationsspielraum. Das Gemälde gilt als Vorläufer der psychoanalytischen Theorie; anscheinend soll eine Reproduktion davon in Sigmund Freuds Wiener Wohnung gehangen haben.
«Der Garten der Lüste»
Gar nicht so unheimlich – auf den ersten Blick. Beim genaueren Betrachten fallen die vielen irrwitzigen Figuren und verkehrten Proportionen von Mensch und Tier auf. «Der Garten der Lüste» des niederländischen Künstlers Hieronymus Bosch wurde zwischen 1490 und 1510 als Triptychon gemalt. Ein Triptychon besteht stets aus einer grösseren Mitteltafel und zwei seitlichen Flügeln. Links sehen wir das Paradies; den Garten Eden mit Gott, Adam und Eva; in der Mitte befindet sich der titelgebende, sündenbehaftete Garten der irdischen Lüste und rechts die düstere, groteske Hölle.
Hier herrscht verkehrte Welt: Kleine Menschen werden von grossen Vögeln gefüttert, überdimensionale Himbeeren und Brombeeren werden getragen oder verschlungen. Der Mensch ist der übermächtigen Tier- und Pflanzenwelt ausgeliefert.
«Die Leichen der Brüder de Witt»
Die Niederländer lehren uns das Fürchten. Hinter diesem Gemälde des Niederländers Jan de Baen (ca. 1672–1675) verbirgt sich eine wahre Geschichte, die einen erschaudern lässt: Nachdem die Brüder de Witt am 20. August 1672 von ihren politischen Gegnern ermordet wurden, wurden ihre nackten, geschändeten Leichen auf dem Hinrichtungsplatz mitten in Den Haag ausgestellt. Johan war fast zwanzig Jahre lang der mächtigste Mann der Republik gewesen, standhaft unterstützt von seinem Bruder Cornelis. Sie wurden für alles verantwortlich gemacht, das im sogenannten Katastrophenjahr von 1672 schiefging.
Das Katastrophenjahr 1672:
Das Unglück des Katastrophenjahrs kulminierte, als die Franzosen 1672 in die Niederlande einmarschierten. Es kam zu einem Machtwechsel: Wilhelm III. von Oranien wurde zum Statthalter proklamiert, Johan de Witt, der als Ratspensionär seit zwei Jahrzehnten die Politik der Republik der Vereinigten Niederlande geleitet hatte, trat am 4. August zurück. Johans Bruder Cornelis, der als Flottenbefehlshaber lange Zeit eine einflussreiche Stellung innegehabt hatte, wurde unter dem Vorwurf, ein Attentat auf Wilhelm geplant zu haben, verhaftet und vor Gericht gestellt. 16 Tage später eskalierte der Machtkampf und die beiden Brüder wurden gelyncht.
«The Pumpkin President»
«Der Kürbis-Präsident»
Das Gemälde des zeitgenössischen Künstlers Mark Ryden entstand 1998 (ja, wirklich!). Auf unheimliche Weise scheint es die Gegenwart vorweggenommen zu haben. In der unteren rechten Ecke ist sogar eine winzige Figur Abraham Lincolns zu sehen, mit dem sich Donald Trump später vergleichen sollte. In einem Interview darauf angesprochen, sagte Ryden: «Du hast nicht erwähnt, dass Jesus im Vogelhaus abgebildet ist, was an seinen doppelzüngigen Umgang mit evangelikalen Christen erinnert. Die beiden Jungen, die auf dem Schädel eines grossen toten Tieres herumtollen … könnten das Eric und Don Jr. sein? Und was ist mit dem Teufelshund?»
Ryden gilt als König des Pop-Surrealismus. Er vermischt häufig fröhliche, kindliche Bilder mit verstörenden Körperteilen oder bizarren Naturphänomenen. Oft zieht er Inspiration aus der Alchemie, der Metaphysik und der Philosophie und verhandelt Grundthemen von Macht und Autorität sowie dem Unbehagen hinter US-Nostalgie. So entstehen märchenhafte und gleichzeitig verstörende Bilder im Spannungsfeld zwischen Unschuld und Makaberem.
Hier findest du noch mehr Informationen zu Rydens Kunst:
«Saturn verschlingt einen Sohn»
Die Geschichte von Saturn, der seine Kinder frisst, kennen wir schon. Hier ist Paul Rubens Version davon. Sie entstand 1636–1638, also einige Zeit vor Francisco de Goyas Gemälde von Saturn. In Rubens Version hält Saturn in der rechten Hand eine Sense, mit der er sich abstützt. Die Sterne oberhalb des Gottes verweisen auf den Planeten Saturn, der in der Antike bereits bekannt war.
Doch die Anordnung der zwei kleineren Sterne um den grossen Stern ist aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Tatsächlich hat sich Rubens dabei vielleicht auf eine Entdeckung seiner Zeit gestützt. Als Galileo Galilei 1610 sein Teleskop auf den Saturn richtete, schien ihm dieser dreigestaltig. Er glaubte, er werde von zwei Satelliten gesäumt. Heute wissen wir, dass es sich dabei um das Ringsystem des Planeten handelt.
«Köpfe von Folteropfern» oder «Guillotinierte Köpfe»
Nein, hier handelt es sich nicht um die Köpfe von Zombies. Es sind tatsächlich die Köpfe von zwei Menschen, die durch die Guillotine gestorben sind. Der französische Maler Théodore Géricault malte um 1818 fünf Gemälde mit abgetrennten Gliedmassen und Körperteilen. Diese dienten als Studien für die Figuren seines berühmtesten Werks «Das Floss der Medusa».
