Dieser Schweizer hat seine eigene Kunstform erschaffen und begeistert damit Millionen
Scherben und zerbrochenes Glas werden intuitiv mit einer Beschädigung, einem Defekt oder mit Zerstörung assoziiert. Der Schweizer Künstler Simon Berger räumt mit diesem Vorurteil auf:
Berger hat sein Atelier in Niederönz im Kanton Bern. Dort arbeitet der gelernte Schreiner mittlerweile hauptberuflich als Kunstschaffender. 2020 ist ihm dieser Schritt gelungen.
Vier Jahre vorher, 2016, entwickelte er eine neue Kunstform, die er als «Aufprall-basierte Bildgestaltung» bezeichnet. Konkret: Er bearbeitet Glasscheiben so, dass darauf Risse, Brüche und Splitter entstehen, welche dann ein Bild ergeben. Oder anders ausgedrückt: Seine Leinwand ist Glas, sein Pinsel (meistens) ein Hammer. So sieht das aus:
Bergers Kunstform wurde aus der Not heraus geboren, erzählt er im Gespräch mit watson. Angefangen habe er eigentlich mit Spraydosen und Graffiti.
Er habe es probiert und probiert, aber der grosse Durchbruch blieb aus. Es sei ihm damals nicht gelungen, einen eigenen Stil zu finden, so der 50-Jährige.
Das Scheitern sollte Berger dann aber doch noch auf den Pfad des Erfolges bringen. Die Geburtsstunde seiner Kunstform kam nämlich, nachdem ihm ein Kunstwerk «völlig misslungen» war. «Ich war sehr frustriert und wütend, weil ich dafür extra nach Berlin gereist war.» Da wurde ihm klar: Er musste etwas Neues haben. Etwas Revolutionäres.
«Das Rezept liegt in der Einfachheit»
Dabei spielte auch sein beruflicher Hintergrund als Schreiner eine Rolle.
Als er die von ihm ersonnene Technik dann zum ersten Mal ausprobiert habe, sei er verblüfft gewesen, wie einfach es sei, erzählt er. «Ich musste sofort recherchieren, ob das nicht doch schon mal jemand gemacht hat. Ich konnte nicht glauben, dass da noch niemand darauf gekommen war.»
Das Rezept liege dabei in der Einfachheit. Auch heute sei sein Lieblingswerkzeug immer noch der herkömmliche, handelsübliche Hammer. Diesen spitzt Berger jeweils noch etwas an, um noch präzisere Brüche schlagen zu können. So habe er schon unzählige Hämmer «verbraucht».
Hin und wieder sucht der Künstler auch neue Methoden, um die Aufpralle zu erzeugen. Vom Stampfen mit den Schuhsohlen bis hin zur Druckluft sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Social Media: Fluch und Segen
Heute hat Berger den Durchbruch geschafft. Seit genau zehn Jahren lebt er von seiner Kunst. Er reist damit um die Welt und hat viele Ausstellungen im Ausland. Die meisten seiner Werke entstehen aber nach wie vor in Niederönz, wo er jetzt auch ein neues, grosses Atelier gebaut hat.
Social Media hat seine Bekanntheit auf eine neue Stufe gehoben. Auf Instagram hat der Berner 1.2 Millionen Followerinnen und Follower. Etliche seiner Videos wurden millionenfach angeschaut, eines fast 300 Millionen Mal.
Richtig viral ging er zum ersten Mal im Jahr 2021, als er für die US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris ein Porträt angefertigt hatte. Seine Kunstform eignete sich perfekt dafür, denn Harris hatte mit ihrer Nominierung als erste Frau die metaphorische «Gläserne Decke» durchbrochen. Damals wurden auch die breiten Medien zum ersten Mal auf ihn aufmerksam.
Berger sagt aber auch, es sei keinesfalls ein «Berühmtwerden über Nacht» gewesen. Es habe jahrelange harte Arbeit gebraucht, um jetzt an diesem Punkt zu sein. Ausserdem gibt es auch die Kehrseite der «Social-Media-Medaille». Weil Bergers Videos so oft viral gegangen sind, gibt es mittlerweile unzählige Imitatoren.
Er sei sogar schon angeschrieben und gefragt worden, welche Werkzeuge oder Glasscheiben er genau verwende. Berger muss ob der Dreistigkeit lachen, als er davon erzählt: «Das ist doch absurd!» Da habe er so viel Zeit und Herzblut investiert, etwas Eigenes zu kreieren, und jetzt werde es kopiert. Schützen lassen konnte er seine Technik nicht, so Berger.
Dutzende Ausstellungen in Galerien und Museen
Auch wenn der Name Simon Berger den meisten nicht kunst-affinen Schweizerinnen und Schweizern immer noch kein Begriff sein dürfte, ist er in der Szene mittlerweile berühmt.
In Galerien und an Ausstellungen sind seine Werke gefragt, auch international. Sie werden heute auch gerne mal für vier- und fünfstellige Beträge verkauft. Aktuell plant der Berner mehrere Ausstellungen im Ausland und wird Werke an der Kunstmesse Volta in Basel präsentieren. Ausserdem hat er eine permanente Ausstellung im Hotel St. Regis in Venedig.
