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Russisch wie nie zuvor

Russland gegen die Schweiz am Spengler Cup

Diese Ausgangslage hat es beim Spengler Cup seit 1923 noch nie gegeben: Russland gegen die Schweiz. Die Politik macht es möglich.
25.12.2014, 10:5625.12.2014, 14:41

Drei Teams aus der grossrussischen KHL gegen die drei Mannschaften aus der NLA. Die KHL-Spitzenteams Ufa und Jokerit sowie Zagreb gegen Davos, Titelverteidiger Servette und das grösstenteils aus NLA-Kanadiern bestehende Team Canada. Das hat es so in der ganzen Geschichte des Turniers (seit 1923) noch nie gegeben.

Diese Aufteilung in Ost (KHL) und West (NLA) beschert dem Spengler Cup ein bisschen Nostalgie. Denn bis zum Untergang der Sowjetunion zu Beginn der 1990er Jahre war die Eishockeywelt wie kaum ein anderer Sport vom «Kalten Krieg» geprägt. Von der Auseinandersetzung des Westens gegen die Russen. Gut gegen Böse. Kapitalismus gegen Sozialismus.

Kann Servette den Coup aus dem letzten Jahr wiederholen?
Kann Servette den Coup aus dem letzten Jahr wiederholen?Bild: KEYSTONE

Um Gesellschaftssysteme geht es nicht mehr. Aber Gut und Böse lebt wieder auf. Tatsächlich hat die politische Lage grossen Einfluss aufs Eishockey. Fast unbemerkt vom Westen hat die Kontinental Hockey League (KHL) die prowestliche Führung ausgewechselt. Seit dem 27. November amtiert Dimitri Tschernyschenko als neuer Präsident. Er war OK-Chef der Olympischen Winterspiele in Sotschi und ersetzt nach sechsjähriger Amtszeit das KHL-Gründungsmitglied Alexander Medwedew. Unter Medwedews Führung hatte sich die KHL nach Westen orientiert und wurde unter anderem das Projekt «Helvetics» aufgegleist.

KHL mit Teams aus sieben Ländern

Der grosse, ja allmächtige KHL-General ist neu Gennadi Timtschenko als Vorstandsvorsitzender. Er hat seit 2002 Wohnsitz in Genf (wo er pauschalbesteuert wird) und sein Vermögen wird auf rund 14 Milliarden Franken geschätzt. Er ist Präsident von SKA St.Petersburg (mit Trainer Slawa Bykow) und ein Freund von Servette-Präsident Hugh Quennec. Pro Saison unterstützt er Servette als «Walter Frey des Genfer Hockeys» diskret mit mehr als drei Millionen Franken.

Servette profitiert vom KHL-General jährlich mit rund drei Millionen Franken.
Servette profitiert vom KHL-General jährlich mit rund drei Millionen Franken.Bild: KEYSTONE

Der unerwartete KHL-Führungswechsel ist das Resultat eines Machtkampfes über die Ausrichtung einer multinationalen Liga die mittlerweile 28 Teams in sieben Ländern (Russland, Finnland, Lettland, Kroatien, Kasachstan, Weissrussland, Slowakei) umfasst. 

KHL-Existenz ist nicht bedroht

Wirtschaftlich ist die zweitwichtigste Liga der Welt nach der nordamerikanischen NHL nach wie vor fragil. Die Klubs leben grösstenteils von Mäzenen. Sie können bei weitem nicht genug Geld erwirtschaften, um den Spielbetrieb mit Lohnbudgets in NHL-Höhe zu finanzieren. Offiziell gibt es eine Salärbegrenzung (38 Millionen Dollar). Inoffiziell wird viel mehr Geld für die Spielerlöhne ausgegeben.

Der KHL fehlt der Zugriff auf die lukrativen westlichen TV- und Werbe-Märkte. Die Ticketpreise müssen den lokalen wirtschaftlichen Verhältnissen angepasst werden. Der Zerfall des Rubels trifft die Spieler viel härter als die Klubs. Alle in Russland domizilierten Teams bezahlen die Löhne in Rubel. Das ist vor allem für die Spieler aus dem Westen bitter. Ihre Löhne sind durch den Währungszerfall praktisch halbiert worden. Die Existenz der KHL ist jedoch nicht bedroht.

Traditionelle Klubs sollen wieder in die KHL

Alexander Medwedew hatte die Expansion der KHL mit neuen Teams in neue westliche Märkte vorangetrieben. Diese Strategie ist nicht richtig aufgegangen. Klubs in Poprad und Prag (Tsch) gingen in Konkurs, andere Projekte wie Markus Bösigers «Helvetics» in der Schweiz, Teams in Italien (Mailand) und in Deutschland sind trotz offizieller Partnerschaft nicht aus den Startlöchern gekommen. Gleichzeitig mussten traditionsreiche Teams daheim in Russland wegen wirtschaftlichen Schwierigkeiten aus der KHL aussteigen.

Die neue Führung hat eine andere Strategie. Sie will erst einmal Russland, das Kernland der KHL, stärken und die traditionellen russischen Klubs wieder in die KHL bringen. Im Westen setzt sie auf bereits bestehende, starke, traditionelle Hockeyunternehmen aus Skandinavien und Mitteleuropa, die nicht der Subventionierung durch die KHL bedürfen. Gennadi Timtschenko war die treibende Kraft des Wechsels von Jokerit Helsinki in die KHL. Jokerit ist der «SCB Finnlands» und seit dieser Saison der erste Klub in der KHL aus einem Land, das nicht zum ehemaligen Ostblock gehörte. 

Für die KHL (hier mit Minsk) ist der Spengler Cup eine hervorragende Werbeplattform.
Für die KHL (hier mit Minsk) ist der Spengler Cup eine hervorragende Werbeplattform.Bild: KEYSTONE

China als Ziel und der Spengler Cup als Werbung

Die neue KHL-Führung arbeitet auch intensiv an einer Expansion nach Osten und dort soll Geld investiert werden. Die möglichen neuen Märkte sind China, Südkorea (wo 2018 die Olympischen Winterspiele stattfinden) und Japan. Es gibt erst rund 500 lizenzierte Eishockeyspieler in China. Bei über einer Milliarde Chinesen also ein grosses Entwicklungspotenzial. Die KHL führt inzwischen intensive Gespräche mit dem Chinesischen Hockeyverband: Es geht auch um eine Expansion der multinationalen Nachwuchsliga MHL nach Asien.

Diese Neuausrichtung nach Osten ist einer der Gründe, warum die KHL bei der Champions League nicht mitmacht und lieber das Schaufenster Spengler Cup nützt. Für die KHL ist dieses Turnier als Werbefenster zum Westen mit Ausstrahlung bis nach Kanada enorm wichtig. Für den Spengler Cup ist die KHL so oder so ein Glücksfall. Die meisten europäischen Ligen spielen über die Weihnachtspause durch, und es wird immer schwieriger, gute Teams zu finden. Dass gleich drei KHL-Teams am Turnier sind, ist aber eher Zufall. OK-Chef Fredy Pargätzi sagt: «Es hat sich auch durch den Übertritt von Jokerit in die KHL so ergeben.» Aber die KHL ist inzwischen neben der NLA die wichtigste Liga für den Spengler Cup. «Wir haben mit der KHL ein Abkommen, dass jeder Klub, der beim Spengler Cup mitspielen will, die Freigabe bekommt. Das ist für uns sehr wichtig.»

IIHF-Präsident Dr. René Fasel, der welthöchste Hockey-Funktionär, bedauert es wegen der starken KHL-Präsenz ein wenig, dass er dieses Jahr nicht beim Turnier sein kann. Er sagt offen: «Ich bin ein Freund der Russen. Dazu stehe ich.» Aber er darf die Einladung nach Toronto zur U20-WM einfach nicht ausschlagen. Er kann sich ja später auch in Genf mit seinem lieben Freund Gennadi Timtschenko treffen. «Der Spengler Cup ist ein so gutes Produkt, dass es meine Präsenz nun wirklich nicht braucht …»

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