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Toni Rajala schiesst das Siegtor gegen die ZSC Lions.
Toni Rajala schiesst das Siegtor gegen die ZSC Lions.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Sekunden, die alles auf den Kopf stellen

Im wildesten Spektakel der Saison verlieren die ZSC Lions in der Verlängerung 3:4. Biels Schillerfalter-Hockey ist an der Härte der Zürcher nicht zerbrochen.
27.03.2022, 14:10

Die Hockeywelt hält den Atem an. Verlängerung. Das nächste Tor entscheidet alles. Simon Bodenmann stürmt allein auf Torhüter Dmitry Schikin los. Er ist ein Titan. Ein Mann für genau diese Situation. 34 Jahre alt. Durch jahrelange Erfahrung gestählt. Mental unerschütterlich. WM-Silberheld. Einst Meister mit Bern. Wenn einer jetzt nicht versagt, dann er.

Simon Bodenmann trifft den Pfosten. Im Gegenzug schlenzt Toni Rajala den Puck zum 4:3 ins Netz. Biel hat auch das zweite Spiel gewonnen. Die ZSC Lions stehen jetzt am Abgrund.

Ein paar Sekunden haben alles auf den Kopf gestellt. Ein Augenblick für so viele «wäre», «hätte», «könnte», «müsste», «würde». Hätte Simon Bodenmann getroffen, stünde dieser Viertelfinal jetzt 1:1. Alles würde wieder von vorne beginnen und die Bieler von den Dämonen des Zweifels eingeholt. Am Sonntag könnten die ZSC Lions auf eigenem Eis den Fehlstart (4:5 im ersten Spiel) definitiv korrigieren und Biel müsste, um in den Halbfinal zu kommen, mindestens ein Spiel in Zürich gewinnen. Und Trainer Rikard Grönborgs Analyse wäre Gospel (Wahrheit).

Aber nun ist eben alles anders. Rikard Grönborg ist nach dem spektakulären Untergang seiner Mannschaft erstaunlich ruhig. Es ist zwar offensichtlich, dass es in der Hockeyseele des grossen Mannes rumort. Aber er hat sich unter Kontrolle und führt aus, seine Mannschaft habe im kämpferischen Bereich einen Schritt nach vorne getan.

Das mag nun für den schwedischen Trainer einer Mannschaft, die in den letzten Sekunden ein 3:0 doch noch aus der Hand gegeben hat, reichlich weltfremd klingen. Ausrede statt Gospel.

Aber wenn Simon Bodenmann getroffen hätte, würden alle respektvoll nicken und sagen: Recht hat er. Denn die Zürcher waren endlich mit der rauen Leidenschaft bei der Sache, die im ersten Spiel (und oft während der Qualifikation) gefehlt hatte. Ja, hätte Simon Bodenmann getroffen, so würden wir mit bedeutungsschwerer Miene analysieren, die Bieler seien an der Härte der Zürcher zerbrochen. Noch gebe es vieles zu verbessern, aber alles in allem sei Rikard Grönborg mit seiner Mannschaft in den Playoffs angekommen und habe das Rumpel-Hockey gespielt, das erforderlich sei, um den Bielern Herr zu werden. Und später Meister.

Aber Simon Bodenmann hat nicht getroffen. Nun beurteilen wir hinterher ein wildes Spiel anders.

Die Bieler kommen zwei Drittel lang mit der rauen Spielweise der Zürcher nicht zurecht, verlieren die Konzentration und hadern zu oft mit den Schiedsrichtern. Schillerfalter eben. Und dann feiern sie doch einen Triumph der Leidenschaft über die Erfahrung, des Tempos über die Ordnung, der spielerischen Leichtigkeit über die Taktik.

Yannick Rathgeb wird zum Helden

Nicht Simon Bodenmann wird zum Helden des Abends. Sondern Yannick Rathgeb, «the Longvalley Wild One», der «Wilde aus Langenthal», der mit seinem Aussehen an einen Rockstar mahnt. Schliesslich hatte sein Vater einst als DJ im Oberaargau Kultstatus.

Yannick Rathgebs Berufsbezeichnung ist Verteidiger. Aber er geht von seinem Temperament her immer wieder und manchmal auch im unpassenden Moment der Torjagd nach. Deshalb war er noch nie in Patrick Fischers WM-Team. Er ist im hockeytechnischen Sinne eine leidenschaftliche Spielernatur. Im Vorwärtsdrang, aber auch in den Auseinandersetzungen mit seinen Gegenspielern. Er personifiziert die zum Übermut und zur Überreaktion neigende spielerische Schillerfalterkultur der Bieler, die uns schon so viel Spektakel, so manche dramatische Niederlage, aber noch keinen Final und keinen Titel im Playoff-Zeitalter beschert hat.

Yannick Rathgeb ist auf dem besten Weg, der tragische Held des Abends zu werden. Er verursacht die erste Strafe des Spiels (21.). Denis Malgin trifft zum 0:1. Kurz nach Spielmitte (33.) entwischt Justin Sigrist dem Bieler Powerplay. Yannick Rathgeb rennt ihm hinterher, kann ihn nicht vom Puck trennen, nicht aus dem Gleichgewicht bringen, und der tapfere Zürcher trifft zum 3:0.

Nach allem, was wir bis heute über Eishockey gehört und gelernt, was wir bis heute bei diesem Spiel gesehen haben, ist es unmöglich, gegen die wahrscheinlich bestbesetzte Abwehr der Liga mit sieben Nationalverteidigern ein 0:3 aufzuholen. Eine Mannschaft, die schon im dritten Jahr trainiert, organisiert, getrimmt, gecoacht und taktisch gebürstet und gekämmt wird von einem mehrfachen schwedischen Weltmeister gibt eine 3:0 Führung in einer Partie, die sie gewinnen muss, nicht mehr aus der Hand. Auch das 1:3 von Mike Künzle kurz vor der zweiten Pause ändert nichts an dieser Einschätzung. Kann passieren. Es ist rutschig auf dem Eis.

Und dann stürzt Rikard Grönborgs taktisches Gebäude in den letzten Sekunden zusammen, als wäre es ein Kartenhaus. Und es hat schon seine Logik, dass es der wilde Yannick Rathgeb ist, der die Zürcher in den Abgrund stösst.

Held des Abends: Yannick Rathgeb.
Held des Abends: Yannick Rathgeb.Bild: keystone

Die Bieler haben den Torhüter vom Eis genommen. Weil sie die meisten Bullys verlieren, müssen sie sich in mühseliger Aufbauarbeit wieder vors Tor der Zürcher arbeiten. Die letzten 50 Sekunden laufen. Da legt Yannick Rathgeb seine Leidenschaft, seinen Mut, seine Verzweiflung, seine Kraft in einen letzten Versuch, einen letzten Weitschuss. Niemand vermag sein Geschoss zu blockieren. Fabio Hofer versenkt den Puck schliesslich zum 3:3. Oben auf der Uhr stehen noch 47,50 Sekunden. Biel wird, wie wir wissen, in der Verlängerung gewinnen.

Zwei Bentleys in der Garage

Zur Dramatik dieser Serie gehört auch: In Biel stehen noch zwei offensive Bentleys in der Garage. Damien Brunner und Luca Cunti. Zusammen mit Mike Künzle bilden sie an einem guten Abend den besten Sturm der Liga. Nun hat Mike Künzle ohne seine Spiel- und Linienkameraden in den zwei Partien schon drei Treffer erzielt. Damien Brunner zwickt eine alte Blessur. Luca Cunti ist krank.

Luca Cunti könnte bereits am Sonntag zurückkehren.
Luca Cunti könnte bereits am Sonntag zurückkehren.Bild: keystone

Also wird Biels Trainer Antti Törmänen gefragt, wann die Bentleys aus der Garage kommen. Er sagt, einer der beiden hätte am Samstag fast schon spielen können. «Wir haben erst um 16.30 Uhr entschieden, dass er doch nicht spielt.» Wer war es? Damien Brunner oder Luca Cunti? «Das sagen wir nicht.» Es sei möglich, dass am Sonntag beide wieder dabei sind. «Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht.»

Biel gewinnt ohne Damien Brunner und Luca Cunti (69 Skorerpunkte in der Qualifikation) zweimal gegen die ZSC Lions. Was passiert, wenn die beiden zurückkehren? Kommt dann eine Prise zu viel «Schillerfalterei» in Biels Spiel? Soll der Trainer überhaupt eine siegreiche Mannschaft umstellen?

Der «Doppelpuck-Sturm»

Für Umstellungen wäre eigentlich bei den ZSC Lions höchste Eisenbahn. Eine Besonderheit prägt die ZSC-Offensive: der «Doppelpuck-Sturm» mit Denis Malgin und Sven Andrighetto. Aus Boshaftigkeit sei erwähnt, dass dieses Duo mindestens mit einer Million gelöhnt wird. Zwei Tore haben die beiden bisher in diesem Viertelfinal erzielt. Beide im Powerplay. Die Besonderheit: Beide geben den Puck nicht mehr her, wenn sie ihn einmal erhalten haben. Sie umkreisen die Bieler Verteidigung wie einst Indianer eine Wagenburg.

Denis Malgin gibt den Puck selten her.
Denis Malgin gibt den Puck selten her.Bild: keystone

Wenn Denis Malgin und Sven Andrighetto gemeinsam auf dem Eis stehen, müsste mit zwei Pucks gespielt werden («Doppelpuck-Sturm»). Bei weniger spielerischem Egoismus könnte diese offensive Kombination von Denis Malgins Genie und Sven Andrighettos Schusskraft die spektakulärste ausserhalb der NHL sein. Trainer Rikard Grönborg sagt auf eine entsprechende Frage, erst nach einer Analyse werde er über Umstellungen entscheiden.

Die Zürcher haben auch hinten ein Problem. Jakub Kovar hat in den zwei Partien bloss 85,94 Prozent der Pucks gestoppt. Ein Meistergoalie kommt in der Regel auf eine Fangquote von über 93 Prozent. Bei Zugs Leonardo Genoni waren es letzte Saison 93,56 Prozent.

Die ZSC Lions haben einen ausländischen Lottergoalie eingekauft. Sollten die ZSC Lions im Viertelfinal ausscheiden, dann hat Trainer Rikard Grönborg wenigstens im kleinen Kreis eine gute Ausrede.

Noch ist alles möglich. Aber wenn im Hallenstadion schon nach der ersten Runde Lichterlöschen sein sollte, dann werden wir im Rückblick sagen, dass in ein paar Sekunden in der zweiten Partie in Biel ein Spiel, eine Serie, eine Saison auf den Kopf gestellt worden ist. Und vielleicht sogar die Karriere von Rikard Grönborg, der nach wie vor einer der charismatischsten Trainer ausserhalb der NHL ist.

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30 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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code-e
26.03.2022 13:23registriert November 2018
Ich glaube, ausser den Zürchern wäre niemand über das Ausscheiden des ZSC traurig. Allez Bienne!
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123und456
26.03.2022 13:22registriert Juli 2015
Zürich hat nicht "hart gespielt" sie haben einfach ihre Neandertaler-Fraktion mit Marti und den Baltisbergers von der Leine gelassen... Die Konsequenzen hat man gesehen.
ich finde es immer wieder fragwürdig, dass bei einem Gerangel/ einer halben Prügelei präktisch immer beide raus müssen. Der ZSC hat das ausgenützt und beispielsweise Haas kurz vor Ende so "aus dem Spiel genommen"..
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kopfherzhand
26.03.2022 16:29registriert März 2020
Lieber Herr Zaugg, rauhe Spielweise trifft es nicht ganz, es war eher ein dreckiges Spiel der Zürcher, das die Bieler zum Glück schadlos überstanden haben, denn Falter können ja bekanntlich fliegen.
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