Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Zuerichs Cheftrainer Arno Del Curto im ersten Eishockey-Spiel der Abstiegsrunde der National League zwischen den ZSC Lions und Fribourg Gotteron, am Samstag, 9. Maerz 2019, im Hallenstadion in Zuerich.(KEYSTONE/Melanie Duchene)

Wie weiter, Arno Del Curto? Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Arno Del Curto, das Ende der Romantik und der ZSC als Lugano des Nordens

Der Rockstar verlässt die grosse Bühne: Arno Del Curto ist nicht mehr Frontmann der ZSC Lions. Eine unerfreuliche Nachricht für alle Romantiker. Oder doch nicht? Eigentlich müssten der SC Bern und die ZSC Lions die Trainer tauschen.



Ist Eishockey nun ein Spiel, ein organisiertes Experiment mit dem Zufall, also Romantik, oder halt doch eine exakte taktische Wissenschaft?

Der Zufall will es, dass zwei fast gleichaltrige Männer die Nachrichtenlage dominieren, die diese beiden extremen Positionen personifizieren. Arno Del Curto (62) ehemaliger Trainer der ZSC Lions, und Kari Jalonen (58), aktueller Coach beim SC Bern.

Mit einer Prise Jalonen hätte Del Curto die Playoffs nicht verpasst. Mit einer Prise Del Curto wäre Jalonen jetzt schon fürs Finale qualifiziert. Oder noch polemischer formuliert: Eigentlich müssten der SC Bern und die ZSC Lions die Trainer tauschen.

Kari Jalonen, lÕentraineur du SC Bern, donne des consignes a ses joueurs, lors du 6eme match du quart de finale de play off du championnat suisse de hockey sur glace de National League, entre le Geneve Servette HC et le SC Bern, ce jeudi 21 mars 2019 a la patinoire des Vernets a Geneve. (KEYSTONE/Martial Trezzini)

Steht Jalonen schon bald beim ZSC an der Bande? Bild: KEYSTONE

In einem sind diese beiden Trainer gleich: Im Streben nach Kontrolle, das gelegentlich skurrile Züge annehmen kann. Trotzdem ist ihre Hockeyphilosophie eine gänzlich andere. Kari Jalonen zerlegt das Spiel in seine Einzelteile, setzt es wieder zusammen und strebt nach der Beherrschung des Zufalls. Arno Del Curto ist ebenso besessen. Aber er versucht nicht, den Zufall auszuschliessen. Er fordert den Zufall heraus. Er versucht, den Zufälligkeiten davonzulaufen und fordert ein immer schnelleres, intensiveres Spiel.

Beide haben es in ihrem Bestreben übertrieben. Deshalb hat Del Curto den HCD verlassen und deshalb darf er nicht mehr im Hallenstadion auftreten. Und deshalb hat Jalonen in Bern Schwierigkeiten.

Das Ende der Romantik?

Die beiden extremen Trainer unterscheiden sich auch im Umgang mit den Spielern. Jalonen ist ein Kabinengeneral, der sich nur mit seiner Garde bespricht (dem «Moser-Kreis»), also mit den Leitwölfen in der Kabine. Die übrigen Spieler dürfen froh sein, wenn sie auch hin und wieder des Trainers Ohr haben. Del Curto ist schon eher ein «Hockey-Sozialarbeiter», der sich um seine Jungs auf und neben dem Eis kümmert und keine Konfrontation scheut.

Anro Del Curto, der Romantiker, muss sich einen Job suchen. Kari Jalonen, der Anti-Romantiker, kann immer noch Meister werden. Ist das das Ende der Romantik?

ARCHIVBILD VERTRAGSAUSLAUF VON DEL CURTO ALS ZSC-TRAINER, AM FREITAG, 5. APRIL 2019 - Zuerichs Cheftrainer Arno Del Curto im dritten Eishockey-Spiel der Abstiegsrunde der National League zwischen den ZSC Lions und dem HC Davos, am Samstag, 16. Maerz 2019, im Hallenstadion in Zuerich.(KEYSTONE/Melanie Duchene)

Laut war er, gehört wurde er nicht: Arno Del Curto. Bild: KEYSTONE

Nein. Es ist nur das Ende der Romantik, wie wir sie im letzten Jahrhundert kannten. Keine Sorge, Eishockey ist und bleibt ein Spiel. Aber wie schon die alten Römer sagten: Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen. («Tempora mutantur et nos mutamur in illis»). Das Probelm bei Arno Del Curto und Kari Jalonen ist dabei: Sie ändern sich in den sich ändernden Zeiten nicht. Das spricht für eine starke, bewundernswerte Persönlichkeit. Aber es wird zu einem Problem im Sport, der wie nur wenige Geschäfte dem Wandel der Zeiten ausgesetzt ist.

Die Emotionen, die Zufälle, die Faszination sind unverändert da. Aber die Spieler ändern sich in den Zeiten sehr wohl. Den «Zeugen Del Curto», der für seinen Meister durchs Feuer gegangen ist, gibt es nicht mehr. Den «Janolisten», den folgsamen taktischen Dienstboten, auch nicht mehr. Und wenn es ihre Chefs nicht tun, dann gibt es ein Problem.

Die Versuchung war zu gross

Womit wir zur Frage kommen: Ist es richtig, dass sich die ZSC Lions von Arno Del Curto getrennt haben? Der Chronist sagt empört: Falsch! Man hätte Arno Del Curto unbedingt eine Chance geben müssen, sein Eishockey in Zürich zu entwickeln! Er hatte in der kurzen Zeit ja gar keine Chance! Es ist nicht gut, ständig den Trainer zu wechseln!

Wenn der Chronist aber ganz ehrlich ist, zu sich und der Hockeywelt, dann muss er sagen: Die leidenschaftliche Forderung nach seinem Verbleib im Amt ist nicht nur eine sachliche. Sie ist auch eine egoistische: Der Nonkonformist, mehr Rockstar als Bandengeneral, sorgt für so gute Unterhaltung, liefert so viele Storys, dass ein Chronist, wenn er bei Sinnen ist, gar nicht gegen Arno Del Curto sein kann. Das ist der tiefere Grund für die Verehrung dieses Trainers auch in Zeiten des fliehenden Erfolges. Und man kritisiere jetzt nicht die ZSC Lions für das «Experiment Del Curto». Die Versuchung war einfach für alle zu gross.

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger an einer Medienkonferenz in Zuerich am Dienstag, 5. Maerz 2019. Die ZSC Lions verlieren das letzte Qualifikationsspiel gegen Genf mit 2:3 und verpassen damit erstmals seit 2006 die Playoffs. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Wen zaubert ZSC-Sportchef Sven Leuenberger aus dem Hut? Bild: KEYSTONE

Hiesse der ZSC-Nottrainer Adalbert Curti und hätte nicht die ruhmreiche Vergangenheit Arno Del Curtos, dann hätte es geheissen: Hinweg mit ihm! Unter keinen Umständen verlängern! Wer mit dieser Mannschaft die Playoffs verpasst hat, ist ein überforderter Operetten-Trainer!

Ganz nüchtern, hockeytechnisch und ohne jede Romantik betrachtet, ist der Entscheid richtig, die Zusammenarbeit mit Del Curto nicht mehr zu verlängern. Die ZSC Lions sind eine Hockeyfirma mit dem hohen Anspruch, jedes Jahr um den Titel zu spielen. Gute Unterhaltung muss natürlich auch sein und hin und wieder liegt ein Rendezvous mit der Romantik, ein Experiment wie jenes mit Del Curto, durchaus drin.

Ein Altrocker ohne Zukunft?

Ist also Arno Del Curto gescheitert? Ja. Er ist nach einer biblischen Amtszeit in Davos gescheitert und er ist bei seinem Blitzbesuch im Hallenstadion gescheitert.

ZSC Lions Fans begruessen ihr Team im siebten Playoff-Halbfinalspiel der National League A zwischen den ZSC Lions und dem Geneve-Servette HC am Donnerstag, 10. April 2014, im Hallenstadion in Zuerich. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Nur ein Jahr nach dem Meistertitel müssen die ZSC-Fans miterleben, wie ihr Team die Playoffs verpasst. Bild: KEYSTONE

Hat unser Hockey also keinen Platz mehr für Romantiker? Doch, aber der Romantiker muss sich den Zeiten, der neuen Generation anpassen. Kann sich Arno Del Curto der neuen Generation anpassen? Oder ist er mit 62 Jahren ein Hockey-Altrocker ohne Zukunft?

Diese Frage können wir nicht beantworten. Weil die Aufgabe im Hallenstadion zu schwierig war. Ein Urteil über ihn nur aufgrund der aufregenden Wochen im Hallenstadion zu fällen, wäre arrogant, anmassend und unfair. Ein paar Wochen können ja nicht einfach 20 Jahre Lob und Preis in den Bergen auslöschen. Allerdings zeigt uns dieses Beispiel halt auch die Gnadenlosigkeit des Sportes, der schlimmer noch als das richtige Leben nur die Gegenwart respektiert und so schnell die Verdienste der Vergangenheit ausblendet. Und Dankbarkeit gibt es schon gar nicht. In diesem Sinne: Arno Del Curto hat eine neue Chance verdient. Warum denn nicht in Kloten, in Olten, in Langenthal?

Die verwöhnten Kinder des Schweizer Eishockeys

Und die ZSC Lions? Sportchef Sven Leuenberger hat turbulente Monate hinter sich. Eine Saison mit Trainerwechsel und meisterlichem Triumph und eine Saison mit Trainerwechsel und kläglichem sportlichen Scheitern.

Inzwischen hat er zehn Spieler ausgetauscht und einen neuen Trainer braucht er auch. Nun können wir sagen, dass die ZSC Lions nicht gut gemanagt sind. Dass sie orientierungslos durch die Zeiten taumeln und nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Von einer Strategie sei nichts mehr zu erkennen. Erst charismatische NHL-Bandengeneräle, dann humorlose schwedische Ausbildner, dann die Einakter mit einem kanadischen Nothelfer, einem kanadischen Systemtrainer und nun mit einem Rockstar. Und der Sportchef war nicht dazu in der Lage, für eine erstklassige Besetzung aller Ausländerpositionen zu sorgen.

Diese Kritik ist im Kern richtig. Aber dabei vergessen wir eine Besonderheit der ZSC Lions. Sie sind die verwöhnten Kinder unseres Eishockeys. Ihre wohlhabenden Eltern haben hehre Ziele, wollen nur das Beste und lesen ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab.

Der Zuercher Mathias Seger, Zweiter links, wird fuer sein 1000. Spiel geehrt, vor dem Eishockey Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den ZSC Lions und den Kloten Flyers am Dienstag, 13. Januar 2015, im Hallenstadion in Zuerich. Zweiter rechts ZSC Praesident Walter Frey, rechts ZSC CEO Peter Zahner.(KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Geldgeber Walter Frey mit Ikone Mathias Seger bei der Ehrung zu dessen 1000. NLA-Spiel. Bild: KEYSTONE

Das Problem der ZSC Lions ist zu viel Geld. Die Möglichkeit, praktisch jeden Spieler durch ein noch besseres Lohnangebot zu bekommen, hat aus den ZSC Lions das Lugano des Nordens gemacht. Das ist logisch, wenn der Sportchef nur ein Defizitverwalter ist und weiss, dass am Ende des Jahres eine Männerrunde in ein paar Minuten selbst siebenstellige Verluste ausgleicht.

Das Problem sind also nicht die Trainer und das ungenügende ausländische Personal. Das Problem ist eine völlig aus den Fugen geratene Salär-Hierarchie. Hohe Saläre sind nie das Problem. Ein Problem sind die Saläre nur, wenn sie nicht leistungsgerecht bezahlt werden. Wenn Hinterbänkler aus der dritten Linie 650'000 Franken verdienen wie bei den ZSC Lions. Die Zürcher haben einerseits eine der besten Nachwuchsabteilungen Europas und andererseits gehören sie zu den schlimmsten Lohntreibern im Land.

Koste es, was es wolle

Entscheidend für die Rückkehr zu stabilen sportlichen Verhältnissen ist, natürlich, auch die Wahl des neuen Trainers, die Besetzung der Ausländerpositionen und die Lösung des Torhüterproblems. Aber noch viel wichtiger ist es, in der Kabine wieder Lohngerechtigkeit herzustellen.

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger sagt, es gebe keine grossen Veränderungen mehr im Hinblick auf nächste Saison. Er habe ja schon zehn Spieler ausgetauscht. Er irrt sich. Bis die ZSC Lions wieder rollen, braucht es noch mehr Wechsel. Ohne Rücksicht auf bestehende Verträge. Und er hat den Vorteil, dass es in Zürich keine Rolle spielt, was es kostet.

Leider gibt es eine schlechte Nachricht: Sven Leuenberger schliesst ein Engagement seines Bruders Lars aus. Obwohl der doch den SC Bern 2016 vom 8. Platz aus zum Titel geführt hat. Ach, das ist schade. Lars im Löwenkäfig – so manche schöne Story kann nicht geschrieben werden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die Karriere von Arno Del Curto

Dieser Streit über Winter eskaliert schnell

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

Ambri und die Valascia – des Eismeisters Abschied von der steinernen Seele unseres Hockeys

Nach dieser Saison wird mit der Valascia ein Kraftort des Schweizer Eishockeys für immer von der Landkarte verschwinden. Ein letzter Rundgang durchs mythischste Stadion unseres Hockeys.

Beginnen wir unsere letzte Geschichte über die Valascia mit ein wenig Pathos. Gustave Flaubert ist ein französischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Er hat einmal geschrieben: «Es gibt Orte auf der Welt, die so schön sind, dass man sie an sein Herz pressen möchte.» Wäre er ein Hockey-Chronist gewesen, dann hätte er mit diesem Satz die Valascia gemeint.

Soweit die Romantik. Aber Polemik gehört auch dazu. Es gibt ein Buch über Ambri, zusammengestellt von Ruedi Ingold. Darin gibt es eine …

Artikel lesen
Link zum Artikel