Eine finnische Nullnummer oder was dem SCB zum Titelkandidaten noch fehlt
SCB-Präsident Carlo Bommes ist vor dem samstäglichen Derby in Langnau wie immer freundlich. Ein Gentleman eben. Und trotzdem ein bisschen verstimmt. «Ich habe eigentlich gedacht, dass Sie etwas von Hockey verstehen», rügt er den Chronisten. «Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Sie versuchen uns, einen Russen als Ersatz für Miro Aaltonen zu verkaufen.» Den Einwand, das sei absurd, ein Chronist sei kein Spielerhändler, lässt er dann doch gelten. Und ein wenig kann er verstehen: Wenn ein hochkarätiger russischer Mittelstürmer seinem Untersportchef angeboten wird und der Chronist davon erfährt, ist die Story einfach zu gut. Ein einmal mit Kokain erwischter hochkarätiger Mittelstürmer (Ivan Morozov) könnte gegen eine ebenfalls mit Kokain erwischte finnische Nullnummer ausgetauscht werden. Da muss ein Chronist einfach tätig werden. Aber von einem neuen Ausländer will der SCB-Obmann nichts wissen und rühmt Miro Aaltonen. Na ja, der Finne steht nach elf Spielen bei einem Tor und vier Assists. Er war auch beim Derby am Samstag eine Nullnummer.
Die Episode ist deshalb interessant, weil sie eine «goldene Gelegenheit» für den SCB zeigt. Die Liga ist ausgeglichen wie seit Menschengedenken nicht mehr. Die ZSC Lions sind zwar ausser Reichweite. Aber alle anderen Titanen wanken. Ein SCB-Optimist kann es so sehen: Davos bringt nicht mehr die Intensität der vergangenen Saison aufs Eis. Lausanne ist gerade daran, mit dem überbezahlten Schillerfalter Philip Kurashev die Salär-Hierarchie und den Kabinen-Frieden zu erproben. Servette liegt sowieso in Reichweite und warum sollte es nicht gelingen, dem ein wenig unter dem Meisterblues leidenden Gottéron den Marsch zu blasen?
Die SCB-Optimisten sind keine Phantasten. Der SCB ist nämlich unter seinem neuen Manager Jürg Fuhrer und seinem neuen kanadischen Bandengeneral Serge Aubin drauf und dran, eine neue Identität zu entwickeln. Oder besser: Die ewige SCB-DNA, die alten Tugenden nach Jahren der Irrungen und Wirrungen neu zu beleben: Eine Rückkehr zum einfachen, ehrlichen Hockey. Disziplin, Zweikampfstärke, dominant im Auftreten, geduldig im Spiel, geradlinig in der Offensive, kompakt in der Defensive. Solides Handwerk statt taktische Schablonen. Langnau ist am Samstag chancenlos (1:3). Das kann sich zwar beim Derby-Rückspiel am Dienstag ein wenig ändern. Aber nicht eine positive Entwicklung aufhalten.
Könnte der SCB tatsächlich bei der Titelvergabe eine Rolle spielen? Einiges spricht dafür. Der neue Bandengeneral, zwei gute neue Ausländer – Rodrigo Abols ist inzwischen schneller als einst Marc Reichert und Verteidiger Ian Mitchel Topskorer – und eine recht grosse Kaderbreite. Der Derby-Sieg mit einer Fangquote von 96,00 Prozent ist bereits im 5. Einsatz der Ritterschlag für Christof von Burg. Der SCB hat mit ihm und Connor Hughes eines der besten Goalie-Duos der Liga.
Aber ein entscheidendes Teilchen fehlt noch im neuen Meisterpuzzle: Ein zweiter erstklassiger ausländischer Mittelstürmer. Die Mittelachse ist nicht gut genug. Stell Dir vor, der SCB hätte beispielsweise einen ausländischen Mittelstürmer mit der Kragenweite und Schuhgrösse eines Sakari Manninen oder Antti Suomela. Das einfach als Gedankenspiel. Statt Miro Aaltonen ein hochkarätiger «Game Changer».
Der SCB hat erst sieben Ausländerlizenzen eingelöst und volle Geldspeicher. Um es auf den Punkt zu bringen: Nie mehr seit der letzten Meisterfeier im Frühjahr 2019 war die Chance auf neuen Ruhm, auf den Gewinn einer Playoffserie, ja vielleicht gar auf den Vorstoss bis in den Final so gut wie in dieser Saison. Vorausgesetzt, es gelingt, wenigstens fünf von sechs Ausländerpositionen sehr gut zu besetzen. Noch selten waren kluge Investitionen auf den Ausländerpositionen so lohnend.
Präsident Carlo Bommes glaubt an Miro Aaltonen. Und wenn er Recht behält, ein Wunder geschieht und der Finne den SCB wenigstens in den Halbfinal führt (Talent hätte er mehr als genug), dann soll für diese Zeilen die Gnade des Vergessens gelten.
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