Die Millionäre dürfen, die Teenager nicht– die doppelte Moral im WM-Chaos
Das höchste Sportgericht (CAS) hat nach einer Klage der Russen den internationalen Eishockeyverband (IIHF) dazu verurteilt, den Ausschluss Russlands von den IIHF-Titelturnieren aufzuheben. Die Russen sind juristisch also nicht nur für die WM im Mai 2027, sondern auch für die U20-WM Ende Dezember im kanadischen Edmonton wieder zugelassen.
Gleich mehrere offizielle Aussagen hochrangiger kanadischer Regierungsvertreter machen klar: Die U20-WM wird ohne Russen stattfinden: Premierminister Mark Carney hat gesagt: «Wenn Sie konkret nach der U20-WM fragen: Die Russen werden nicht dabei sein.» Er begründete seine Haltung mit dem fortdauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine: «Solange dieser Krieg andauert, wird keiner dieser Athleten für sein Land in Kanada an Wettkämpfen teilnehmen.»
Adam van Koeverden, Kanadas Staatssekretär für Sport, hat offiziell erklärt, dass sein Land das CAS-Urteil ablehne: «Kanada hält an seiner bereits seit 2022 bestehenden Position fest, dass Russland nicht bei internationalen Sportwettkämpfen vertreten sein sollte, solange Russlands umfassende, illegale und ungerechtfertigte Invasion der Ukraine andauert.»
Es geht hier nicht um eine Debatte, ob der Ausschluss Russlands wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine gerechtfertigt ist oder nicht. Es geht um etwas ganz anderes: Um Doppelmoral und Heuchelei.
All diese Aussagen machen Vertreter eines Landes, das russische Eishockeyspieler ein- und ausreisen lässt und ihnen überdies Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen gibt. Die National Hockey League (NHL) beschäftigt mehr als 50 Russen mit einer Gesamtlohnsumme von gut 250 Millionen Dollar. Sie spielen regelmässig in Kanada. Auch Alex Owetschkin, der sich offen zu seiner Freundschaft mit Wladimir Putin bekennt. Mehr noch: Die sieben kanadischen NHL-Teams beschäftigen zehn russische Stars mit einer Gesamtlohnsumme von knapp 30 Millionen Dollar.
Die russischen Hockey-Millionäre dürfen in Kanada spielen und mit ihren Familien leben und viel, viel Geld verdienen. Die russischen Hockey-Teenager dürfen hingegen nicht einreisen und die U20-WM in Kanada nicht bestreiten. Die Hockey-Junioren sind so wenig für den Krieg verantwortlich wie die NHL-Stars.
Es ist ein Kniefall vor den Dollar-Milliarden der NHL. Die NHL setzt im Jahr rund sieben Milliarden Dollar um. Bei einem politisch begründeten Einreise- oder Arbeitsverbot für die russischen NHL-Stars würde es Klagen unter anderem der Liga nur so hageln. Die kanadischen Behörden wagen es nicht einmal daran zu denken, bei einem Gastspiel eines NHL-Teams aus den USA den russischen Stars die Einreise aus politischen Gründen zu verweigern oder einem russischen Star eines kanadischen NHL-Teams aus politischen Erwägungen keine Arbeitsbewilligung zu erteilen. Eishockey ist in Kanada als Nationalsport in der Verfassung verankert und die NHL ist für die Kanadier der Vatikan des Eishockeys. Russischen Junioren die Einreise zu verweigern, hat hingegen keinerlei Folgen. Ob russische Junioren in Edmonton die U20-WM bestreiten dürfen oder nicht, kümmert im Big Business NHL niemanden. Die besten dieser Junioren werden so oder so Profiverträge in der NHL bekommen und dann in Kanada spielen.
Das ganze Chaos hat einen fatalen sportpolitischen Nebeneffekt. Ein Urteil des obersten Sportgerichtes der Welt wird nicht nur von der Politik einfach ignoriert. Auch einzelne Sport-Landesverbände foutieren sich um das, was das CAS angeordnet hat. Sieben Hockey-Landesverbände haben bereits verkündet, bei der WM 2027 in Deutschland gegen Russland nicht anzutreten (Finnland, Schweden, Lettland, Dänemark, Norwegen, Tschechien, Österreich). Mehrere Sponsoren drohen dem internationalen Verband IIHF mit Konsequenzen im Falle einer Zulassung der Russen.
Wenn Russland weder bei der U20-WM noch bei der WM 2027 in Deutschland dabei sein darf, dann schrumpft das oberste Sportgericht zu einem juristischen Operetten-Gremium. Denn dann ist erwiesen, dass seine Urteile ignoriert werden können. Nun zeigt sich: Das CAS hat keine wirkungsvollen Sanktionsmöglichkeiten, wenn seine Urteile nicht umgesetzt werden. Seine Ohnmacht wird entlarvt.
Es hat einen Grund, warum eng mit dem CAS verbundene Persönlichkeiten im kleinen Kreis gesagt haben, sie hätten nach dem CAS-Urteil «Schnappatmung» bekommen.
So ist die Welt: Die russischen Millionäre dürfen machen, was sie wollen, die russischen Teenager bleiben vor der Grenze stehen, und die CAS-Richter schauen ohnmächtig zu, wie ihr Urteil vom politischen Gegenwind verweht wird. In diesem Hockey-Theater gilt eine neue Regel: Das Recht ist für alle gleich – solange das Geschäft nicht dazwischenkommt. Money talks. Ende der Polemik.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
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