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Zu hohe Löhne in der National League: Nur Langnau hat ein Gegenmodell

Tigers Julian Schmutz, Hannes Bjoerninen, Dario Allenspach, von links, jubeln beim 1:2 beim Eishockey-Qualifikationsspiel der National League, zwischen den SCL Tigers und dem SC Bern, am Samstag, 17.  ...
Die SCL Tigers haben momentan sportlichen Erfolg – das ist wichtig fürs Geschäftsmodell. Bild: keystone
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Langnaus Gegenmodell zum Hockey-Kapitalismus

Noch ein Jahr bleiben oder dem Ruf des Geldes folgen? In Langnau besser werden, anderswo mehr verdienen. Erneut stehen zwei Spieler der SCL Tigers vor dieser Frage. Weil im Emmental keiner mehr als 300'000 Franken verdienen kann. Chancen und Risiken eines erstaunlichen Gegenmodells zum Hockey-Kapitalismus.
21.10.2026, 16:0121.10.2026, 16:01

Mit der Wirkung des Geldes auf menschliches Handeln haben sich so ziemlich alle Titanen der Weltliteratur und der Philosophie befasst: Von Karl Marx über Max Weber bis Arthur Schopenhauer, von Honoré de Balzac, Charles Dickens bis Fjodor Dostojewski. Und natürlich auch unser aller Gotthelf («Geld und Geist»).

Dazu passt, dass der Klub aus dem Lande Gotthelfs im hochkommerzialisierten Hockey-Business auf Geist statt Geld setzt. Und dabei erstaunlich erfolgreich unterwegs ist. Soeben ist der SCB auswärts 3:1 gebodigt worden – nach einer vorangegangenen 1:3-Heimniederlage gegen den gleichen Gegner mit der exakt gleichen Torfolge (2:0, 2:1, 3:1 ins leere Tor). Nach wie vor sind die Langnauer vor dem SCB klassiert. Was gerade in wirtschaftlicher Hinsicht brisant ist

Das Beispiel der Langnauer ist aus mehreren Gründen interessant. Erstens setzen sie die «Tieflohnphilosophie» als Ausbildungsklub seit mehreren Jahren konsequent um. Auch beim ausländischen Personal. Zweitens umfasst das Programm «Geld und Geist» nicht nur die Mannschaft und drittens wird in die Infrastruktur statt in Löhne investiert.

Sportchef Pascal Müller sagt: «Bei uns hat keiner eine Drei vor der Lohnsumme. Das gilt für Schweizer und für Ausländer. Neben Ajoie haben wir das kleinste Salärbudget der Liga.» Das bedeutet: Niemand verdient mehr als 300'000 Franken brutto und keiner gehört zur «Lohn-Businessklasse» (300'000 bis 600'000 Franken).

Das bedeutet, dass schon wieder zwei Spieler vor der Entscheidung stehen: An einem anderen Ort mehr verdienen oder in Langnau noch besser werden und dann bei einem Grossklub umso mehr kassieren? Verteidiger Noah Meier und Stürmer Dario Allenspach.

Beide sind 24 Jahre alt. Beide sind nach Langnau gekommen, um hier besser zu werden. Dario Allenspach im Sommer 2024. Weil er in Zug, einem Unternehmen des Hockey-Hochkapitalismus, keine Chance hatte. Nun läuft sein Vertrag aus. Er hat sich zu einem Stürmer mit dem Potenzial für 30 Punkte und Operetten-Länderspiele entwickelt. Noah Meier war bei den ZSC Lions als launisches Talent in die Karriere-Sackgasse geraten und hat sich seit 2023 im Emmental zu einem so soliden NL-Verteidiger entwickelt, dass er bei Gottéron als Nachfolger von Simon Seiler (nächste Saison ZSC Lions) in Frage kommt und auf Aufgebote für Operetten-Länderspiele hoffen darf. Gottéron-Sportchef reiste am Dienstag fürs Derby nach Bern, um ihn zu beobachten.

Pascal Müller stellt klar: «Wir erhöhen unser Lohnbudget auch auf nächste Saison nicht und werden keine Angebote kontern. Wir wollen und können Spieler nicht halten, indem wir mehr Geld offerieren als die Konkurrenz. Aber wir können Verlässlichkeit und die Chance zur Weiterentwicklung bieten. Wenn uns dann einer verlässt, um an einem anderen Ort mehr zu verdienen, so haben wir damit überhaupt kein Problem. Kein Spieler hat uns im Streit oder mit einem schlechten Gefühl verlassen.»

Die Löhne sind zu hoch …
Der Durchschnittslohn in der National League ist inzwischen auf etwas mehr als 250'000 Franken geklettert, Tendenz steigend. Aber noch verdient kein Spieler eine Million oder mehr brutto.

Die Gesamtlohnsumme der Liga wird aktuell auf 100 Millionen geschätzt. Geschätzt deshalb, weil die ZSC Lions und der SC Bern die einzigen Klubs sind, die ihr Lohnbudget bei der Liga nach wie vor nicht melden. Die Liga sammelt seit sechs Jahren die Zahlen, eine Meldung ist nicht obligatorisch. Die Erhebung dient lediglich dazu, Entwicklungen gesamthaft abschätzen zu können.

Die Gesamtlohnsumme der Liga ist steigend. Bei den Einnahmemöglichkeiten (TV-Rechte, Gastronomie, Tickets) hat die National League inzwischen 90 bis 95 Prozent der Möglichkeiten ausgeschöpft. Bereits jetzt fliessen gut 75 Prozent dieser Gesamteinnahmen in die Spielerlöhne. Zu viel, um das Hockey-Geschäft wirklich profitabel zu machen. Weiterhin steigende Saläre werden die Klubs in noch engere wirtschaftliche Hosen bringen.

In der profitablen nordamerikanischen National Hockey League (NHL) gilt seit 2005 – vereinfacht erklärt - im Gesamtarbeitsvertrag zwischen Liga und Spielergewerkschaft bis 2030 verankert, eine Obergrenze (Salary Cap) für das Gesamtlohnbudget der Klubs. Diese Obergrenze richtet sich nach den Einnahmen der gesamten Liga. Im Grundsatz dürfen nicht mehr als 50 Prozent der Einnahmen in die Saläre investiert werden. Steigen die Einnahmen – aktuell insgesamt gut 7 Milliarden Dollar – steigen auch die Lohnbudgets und die Klubs können bessere Saläre zahlen.
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Die ZSC Lions und der SC Bern veröffentlichen ihre Lohnsummen nicht. Bild: keystone

Pascal Müller setzt auf Verlässlichkeit, Transparenz und Konstanz («Geist») statt Geld. Er hat im Sommer 2022 zusammen mit Thierry Paterlini (Trainer) und Steve Hirschi (Assistent) die Verantwortung für die erste Mannschaft übernommen. Ein Jahr später ist auch Torhütertrainer William Rahm nach Langnau gekommen. Alle drei stehen bis 2029 unter Vertrag. Pascal Müller sagt dazu: «Inzwischen wissen die Spieler und ihre Agenten, was wir bieten können und dass auf uns Verlass ist.» Dabei helfe der Ausbau der Infrastruktur mit einem Leistungszentrum und einem zweiten Eisfeld und die gute Zusammenarbeit mit dem Partnerteam Chur.

Wer nach Langnau wechselt, hat tatsächlich gute Chancen, besser zu werden. Stéphane Charlin kam als schlampiges Genie, dem kein Klub mehr eine Chance geben wollte, und ist inzwischen bei Servette einer der bestverdienenden Goalies der Liga. Dario Rohrbach landete als verlorenes Talent im Rahmen eines Tauschgeschäftes mit Ajoie in Langnau und gehört nun zu den Leitwölfen beim SCB. Jiri Felcman hat es in Langnau zum NHL-Draft gebracht und stürmt diese Saison in Chicagos Farmteam. Brian Zanetti machte nach seiner Juniorenzeit in Nordamerika zwecks Weiterbildung in Langnau Station und kehrte dann mit bäumigem Vertrag heim nach Lugano.

Das Ausbildungsmodell gilt auch für Ausländer. Vili Saarijärvi ist 2022 nach sechs Jahren in Nordamerika als Schillerfalter ohne WM-Aufgebot nach Langnau gekommen und der Chronist erinnert sich lebhaft an die kritischen Beurteilungen der Scouts. In Langnau ist er zum WM-Verteidiger gereift und bei seinem dritten Weltturnier im letzten Frühjahr – nunmehr bei Servette in der «Salär-Business-Klasse» – mit Finnland Weltmeister geworden.

epa12964327 Finland's Vili Saarijarvi in action during the 2026 IIHF Men's Ice Hockey World Championship preliminary round group A game between Hungary and Finland, in Zurich, Switzerland, 1 ...
Vili Saarijärvi: Von den SCL Tigers zum Weltmeistertitel. Bild: keystone

In all diesen Fällen haben die Langnauer nie versucht, den Spieler mit einem höheren Angebot zu halten und sie werden es auch bei Dario Allenspach und Noah Meier nicht tun.

Gehen oder bleiben? Das Timing kann entscheidend sein. Wer den Verlockungen des Geldes erliegt und zu früh – bevor er dazu in der Lage ist, eine Leaderrolle zu übernehmen – zu einem Grossklub wechselt, riskiert, bis zum Karriereende ein Hinterbänkler zu bleiben. Dario Rohrbach hat nach seiner ersten 30-Punkte-Saison ein weiteres Jahr bei Langnau verlängert und nun gehört er in Bern zu den offensiven Leadern.

Schon aus finanziellen Gründen ist es nicht möglich, Talente wie Stéphane Charlin, Brian Zanetti oder Dario Rohrbach sofort gleichwertig zu ersetzen. Also durchstöbert Pascal Müller die Transfer-Brockenstuben und wird immer wieder fündig: Jérôme Bachofner, Nando Eggenberger, Phil Baltisberger, Arno Nussbaumer oder Robin Meyer sind Beispiele für erfolgreiche Budget-Transfers.

Langnaus Gegenentwurf zum Hockey-Kapitalismus ist nicht ohne Risiko. Am Ende des Tages steht und fällt jedes noch so gut gemeinte und theoretisch richtige Konzept mit dem sportlichen Erfolg. Schon Karl Marx musste erfahren, dass seine Theorien in der Praxis nicht wunschgemäss funktionieren. Wer ständig verliert, kann sich sportlich nicht weiterentwickeln und selbst verlorene Talente wechseln ungern zu einem notorischen Verliererteam. Der erfolgreiche Saisonstart, der Sieg im Derby in Bern oder die Einladung zum Spengler Cup sind für die SCL Tigers von existenzieller Bedeutung.

Gewonnene Spiele mögen zwar im Sport nicht alles sein, aber ohne gewonnene Spiele ist letztlich alles nichts, auch das beste Konzept.

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quelle: keystone / ennio leanza
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