FCB-Trainer Lichtsteiner: «Ich kann mir die Berichterstattung nicht erklären»
Eine Minute zu früh betritt Stephan Lichtsteiner am Freitag das Podium zur wöchentlichen Pressekonferenz. Heute sind neben den üblichen Journalisten auch die nationalen TV-Sender anwesend. Alle wollen wissen, wie der angezählte FCB-Trainer auf die Kritik, welche der «Blick» und CH Media mit ihren Recherchen unter der Woche öffentlich gemacht hatten, reagiert.
Die Vorwürfe sind divers und happig. Teile der Mannschaft soll der Trainer mit seiner ungenügenden Kommunikation verloren haben. Und auch Lichtsteiners Chefs um FCB-Präsident David Degen sollen unterdessen zur Erkenntnis gekommen sein, dass er, der Ende Januar noch mit einem Dreieinhalbjahresvertrag ausgestattet wurde, nicht mehr der Richtige für den Posten ist.
«Es ist immer wieder das Gleiche»
Zumindest nach aussen gibt sich Lichtsteiner am Freitag cool. Abgeklärt wie selten zuvor in seiner noch kurzen Zeit als Cheftrainer in der Super League sagt er: «Es ist immer wieder das Gleiche. Für mich ist öffentliche Kritik nichts Neues und ich habe schon als aktiver Fussballer gelernt, damit umzugehen. Kritik gehört zu meinem Beruf.»
Anders als noch nach dem Thun-Spiel zeigt Lichtsteiner seinen Unmut nicht öffentlich. Damals holte er an der Pressekonferenz ungefragt zur Medienschelte aus, teilte mit, dass man ihn seiner Meinung nach oft nicht richtig wiedergebe, forderte mehr Respekt und ging einen Journalisten sogar persönlich verbal an.
«Alles andere gilt es auszublenden»
Am Freitag sagt er: «Ich bin mit Anstand, Respekt und gewissen Werten erzogen worden. Ich will diese Grenzen – auch wenn der mediale Druck gross wird – nicht überschreiten und das Thema deshalb sein lassen.» Lichtsteiner will sich auf das konzentrieren, was er beeinflussen kann: das FCZ-Spiel am Samstag im Letzigrund. Dort kommt es auf der Trainerbank zum Wiedersehen mit seinem alten Förderer Marcel Koller, der Lichtsteiner 2002 bei GC zum Profi-Debüt verhalf. «Der Klassiker ist ein Highlight für uns, auf das wir alle brennen. Dafür will ich mein Team optimal vorbereiten. Alles andere gilt es auszublenden», sagt Lichtsteiner.
Die Endspielfrage umschifft der FCB-Coach, der in 23 Partien im Schnitt nur 1,26 Punkte holte, ebenso gekonnt wie die Frage nach dem Rückhalt der FCB-Bosse um Präsident David Degen. «Ich bin mit der Vereinsführung in stetigem Austausch und spüre in dieser Beziehung in den vergangenen Tagen keine Veränderung», so der Trainer.
Etwas Einblick in sein Inneres gewährt der Trainer dann aber doch noch. Auf die Frage, ob er eine Erklärung für die Quellen habe, die erzählen, dass er einen Grossteil des Teams nicht mehr hinter sich wisse, antwortet er: «Das kann ich mir nicht erklären. Ich spüre die Mannschaft jeden Tag sehr gut. Alle sind lernwillig, haben Freude und gehen an die Grenzen. Wir hatten auch heute ein sehr gutes Abschlusstraining und bin mir sicher, dass wir sehr gute Spiele zeigen und Punkte holen werden.»
Ein Dauerthema in Basel ist auch die Beziehung von Lichtsteiner zu FCB-Captain Xherdan Shaqiri. Diese gilt als kompliziert. Zwar betont der Trainer bei jeder Gelegenheit, dass er Shaqiri nach wie vor voll vertraue und in ihm – wenn er fit sei – einen Unterschiedsspieler sehe. Die nackten Zahlen verdeutlichen aber, dass die Basler Nummer 10 unter Lichtsteiner zum Rotationsspieler wurde und in 19 Partien nur drei Skorerpunkte verbuchte. Gegen den FCZ steht Shaqiri, der sich gegen Barcelona noch mit Rückenproblemen abgemeldet hatte, wieder zur Verfügung. Ob er gegen den FCZ wie beim 4:2 gegen Thun vor zwei Wochen wieder nur als Joker eingesetzt wird, liess Lichtsteiner offen.
Es folgen schwierige Aufgaben
Nach dem Auswärtsspiel im Letzigrund warten mit YB (auswärts) und Heimspielen gegen Sion und Lugano Spiele gegen Klubs, welche die Vorsaison in den Top 6 beendeten und dort auch in die neue Saison stark starteten. Bis auf zwei Siege gegen Thun wartet der FCB unter Lichtsteiner immer noch auf einen Sieg gegen ein Team aus der oberen Tabellenhälfte.
Eine Serie, die nicht länger Bestand haben darf, wenn Lichtsteiner FCB-Trainer bleiben will. In den kommenden Wochen bis zur Länderspielpause ab dem 21. September benötigt er reichlich Punkte. Wenn er seine Chefs doch noch von sich und seiner Arbeit überzeugen will, darf es keine Aussetzer wie beim 0:1 gegen Lausanne mehr geben. Stattdessen müssen Siege her und auch diese könnten nur bedingt helfen.
Dass ein Erfolg im Klassiker keine Jobgarantie mit sich bringt, musste Ludovic Magnin Ende Januar erfahren. Er wurde am Tag nach einem Last-Minute-4:3-Sieg und einer Lobeshymne von Shaqiri entlassen. Dass sich dieses Szenario am Wochenende wiederholt, ist unwahrscheinlich. Aufgrund der Entwicklungen der letzten Tage aber auch nicht auszuschliessen.
