«Ein bisschen geschockt»: Der neue Trainer stellt FCB miserables Zeugnis aus
Schon der Beginn ist konfus, nur sieben Minuten verstreichen, bis der FC Basel das erste Gegentor kassiert und nach 38 Minuten auf der Schützenwiese steht es 4:0 für den FC Winterthur. Der Zweite der Challenge League stösst lustvoll in die Lücken, die ihm die Basler anbieten. Gegenwehr gibt es bei den Gegenstössen so gut wie keine, und an der Seitenlinie hebt Slavisa Jokanovic etwas ratlos die Arme.
Der Serbe, seit Dienstag im Amt, hat die peinliche Vorführung seines neuen Teams relativ gefasst verfolgt. Nach etwa einer Stunde, als der Grossteil der Einwechslungen vorüber ist und es inzwischen 5:3 steht, zieht er sich aus der Coaching Zone zurück auf die Bank und denkt vermutlich bereits darüber nach, welche Schlüsse er daraus ziehen soll. Eine Woche, bevor in Vaduz der Ernst des Super-League-Lebens beginnt.
«Mehr wie fünf Gegentore habe ich noch nie erlebt, egal ob in einem Freundschafts- oder einem Wettbewerbsspiel», sagt er nach dem völlig missratenen Einstand beim FCB, «aber auch wenn das Resultat hart ist, so gibt uns dieses Spiel viele Informationen über die Mannschaft. Generell würde ich sagen, dass wir in jeder Beziehung auf halbem Weg sind.»
«Gespielt wie ein Amateurteam»
Gegenüber den Medien wird der 58-Jährige dann ziemlich deutlich, stellenweise schonungslos. «Wir haben uns wie ein Amateurteam verhalten. Mit dieser Art Pressing wird man gegen jeden Gegner teuer bezahlen müssen. Ich habe keinen Sprint gesehen, und wenn wir den Ball verloren haben, keine Reaktion. Das war wie Jogging im Park. Wir haben dem Gegner viel zu viel Raum gelassen, und ich weiss nicht, ob wir mehr als zwei Fouls begangen haben. Ich habe keine Energie, keine Aggressivität gesehen. Die Gegentore haben ohne Gegendruck kassiert.»
Jokanovic’ Verdikt: «So kann man nicht Fussball spielen.»
Hätte Mirko Salvi nicht zwei-, dreimal gut pariert, die Packung wäre zur Pause noch höher ausgefallen. Der FCB, bei dem elf Spieler verletzt sind oder bei ihren Nationalmannschaften weilen, gab ein desolate Figur ab. Das Fehlen der beiden zentralen Angreifer Zan Celar und Giacomo Koloto wollte Jokanovic nicht als Entschuldigung ins Feld führen.
Für die zweite Halbzeit musste der völlig überfordert wirkende Keigo Tsunemoto seinen Platz räumen. Moussa Cissé kam und Clement Michelin wechselte dafür auf die rechte Verteidigungsseite des Japaners. Das war zunächst die einzige sichtbare Reaktion des Trainers, der die Startelf in der eingeübten 4-2-3-1-Grundformation aufs Feld geschickt hatte.
Der erste wirklich vernünftig vorgetragene Gegenstoss der Basler über Jonas Harder und Philipp Otele mündete im ersten Treffer durch Kazeem Olaigbe. Es entwickelte sich nun ein munteres Scheibenschiessen, dem fünften Winterthurer Treffer liess der FCB postwendend das 5:2 durch einen schönen Linksschuss von Harder in den Winkel folgen. Olaigbe erzielte nach einem Hüftwackler das 5:3, doch mit einem Doppelschlag schnürte Emilio Kehrer die peinlich hohe 3:7-Packung für den FCB.
Jokanovic' Forderung und Shaqiris Verletzung
Ob er geschockt sei, wurde Jokanovic gefragt. «Nein, nicht über das Spiel. Ein bisschen geschockt über die fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Das tut schon weh.» Nur wenige Tage bleiben ihm nun zur Vorbereitung des Gastspiels beim FC Vaduz (Sonntag, 16.30 Uhr). Und Jokanovic ahnt, dass da sehr viel Arbeit auf ihn und seinen Staff zukommt: «Wir werden den Fokus komplett verändern müssen. In der Theorie sind wir ein Team mit vielen Spielern, die talentiert sind am Ball und dies ab und zu auch zeigen. Aber das ist es auch schon. Der Einzige, der seine riesigen Qualitäten in seiner Karriere schon unter Beweis gestellt hat, ist Xherdan Shaqiri.»
Dieser Shaqiri schied in der Schlussphase der Partie auf der Schützenwiese mit einer blutenden Verletzung an der linken Hand aus und begab sich umgehend in ärztliche Behandlung. Auch der Captain dürfte gemeint sein, wenn der neue Trainer sagt: «Wir müssen kompetitiver werden. Und wenn wir nicht offen sind, uns individuell und kollektiv zu verbessern, dann wird es schwierig. Und wenn wir diesen Realitäten nicht ins Gesicht sehen, haben wir ein Problem.» (schweizheute.ch)

