Russell braucht zwar noch das Fernglas – aber der WM-Kampf könnte nochmals spannend werden
Mit einem Lächeln und neu gewonnenem Selbstvertrauen winkte George Russell am Samstag nach dem Grand Prix von Aserbaidschan erstmals seit Ende Juni in Spielberg wieder als Sieger vom Podest. Die Interviews nach seinem dritten Saisonsieg, dem achten insgesamt in der Formel 1, gab der 28-Jährige sichtlich erleichtert. «Es fühlt sich grossartig an. Es war eines der besten Wochenenden meiner Karriere», sagte er. Nun will er in Sepang, das für den wegen dem Iran-Konflikt abgesagten Grand Prix in Bahrain einspringt, nachlegen.
In Baku schaffte Russell sogar das seltene Kunststück eines Grand Slam: Pole-Position, schnellste Rennrunde, Sieg und Führung von Start bis Ziel. Wie es in der WM weitergeht, liege aber weiterhin vor allem in den Händen von Antonelli. «Ich kann natürlich um Siege kämpfen. Aber er kann es sich leisten, immer Zweiter zu werden und trotzdem die WM zu holen», rechnete Russell bei ServusTV vor.
Er habe seinen Fahrstil mittlerweile besser an das neue Auto angepasst und dabei intensiv mit seinen Ingenieuren gearbeitet. «Ich gewinne an Selbstvertrauen», betonte Russell. Vor zwei Wochen in Madrid hatte der Brite seine Ambitionen auf den WM-Titel noch praktisch begraben, in Baku schöpfte er wieder Hoffnung.
Die vergangenen Wochen seien eine «wirklich harte Zeit» gewesen, blickte Russell auf mehrere Enttäuschungen zurück. Darunter das Rennwochenende in Monza, als Antonelli von Startplatz 19 zum Sieg raste und seinen Teamkollegen im direkten Vergleich klar überflügelte. «Aber ich habe das Gefühl, dass ich sie überwunden habe», sagte Russell nun.
Jetzt beginnt die Crunch Time
Acht Rennwochenenden bleiben Russell, um die grosse Wende noch zu schaffen. Dass sowohl der Fahrer- als auch der Konstrukteurstitel an Mercedes gehen dürfte, daran besteht kaum Zweifel. Lewis Hamilton im Ferrari liegt als WM-Dritter bereits über 100 Punkte hinter Antonelli.
Russell zollte seinem Stallrivalen dennoch grossen Respekt. Antonelli habe bisher eine «unglaubliche Saison» hingelegt. «Er war die ganze Zeit über nahezu fehlerfrei. Aber jetzt kommt die Crunch Time. Ich habe deutlich weniger Druck als er.»
In Baku leistete sich der WM-Leader im Qualifying einen seiner seltenen Fehler. Antonelli touchierte die Mauer und beschädigte seinen Mercedes. Russell bezeichnete den Patzer gar als den ersten echten Fehler seines Teamkollegen in dieser Saison.
Antonelli selbst ging hart mit sich ins Gericht. «Für mich war es definitiv das schlechteste Wochenende der Saison, was die Performance angeht. Ich war nicht wirklich da, nicht wirklich präsent und bin besonders nach der Qualifikation nicht die gleichen Risiken eingegangen wie sonst», sagte der 20-Jährige. «Es ging eigentlich nur noch um Schadensbegrenzung.»
Die gelang ihm immerhin. Vom 16. Startplatz arbeitete sich Antonelli auf dem Stadtkurs am Kaspischen Meer auf den 5. Platz vor. Drei Wochen nach seinem Husarenstück in Monza blieb das nächste Wunder aber aus. «Heute ist einfach so ein Tag, an dem man mit Platz 5 zufrieden sein muss», sagte Antonelli. «Ich muss jetzt sicherstellen, dass ich nächstes Wochenende wieder auf meinem normalen Level bin.»
Russell braucht noch das WM-Fernglas
Russells Rückstand ist mit 66 Punkten weiterhin beträchtlich. Andererseits sind in den verbleibenden Rennen noch genügend Zähler zu holen. 208, um genau zu sein. «Ich habe einen grossen Rückstand. Das kann sich aber schnell ändern», sagte Russell.
Auch die «Daily Mail» sieht für den Engländer wieder einen Hoffnungsschimmer im Titelkampf. Der WM-Titel sei am Horizont zumindest wieder zu erkennen. «Man braucht zwar noch ein Fernglas, um ihn deutlich zu erkennen, aber er ist nicht mehr ausser Sichtweite.»
Russell kann dabei auch auf die vergangene Saison verweisen. Damals sah Oscar Piastri im McLaren lange wie der kommende Weltmeister aus, ehe er im entscheidenden Saisonabschnitt zurückfiel und Teamkollege Lando Norris noch vorbeizog. «Ich will jedes Rennen gewinnen. Das ist der Plan», sagte Russell. Baku soll für ihn nicht nur ein Befreiungsschlag, sondern im Idealfall auch der Wendepunkt im WM-Kampf gewesen sein. (riz/sda/apa/dpa)
