Mit 20 an der WM-Spitze – Antonelli über Familie, Senna und das Verrückteste am Rennfahren
An ihm führen im Moment in der Formel 1 nur sehr wenige Wege vorbei. Der Italiener Andrea Kimi Antonelli sitzt erst seit eineinhalb Saisons in einem Rennboliden von Mercedes, wurde aber in diesem Jahr bereits in sechs Grand Prix als Sieger abgewunken. Er ist damit nicht nur der jüngste Formel-1-Sieger aller Zeiten, sondern der Rennfahrer aus Bologna hat auch gleich noch einen Rekord aufgestellt: Er ist der erste Fahrer, der seine ersten vier Siege in Folge gewann. Nach der ersten Saisonhälfte führt er die WM-Wertung klar an. Er ist diese Woche am Dienstag 20 Jahre alt geworden. Wir steigen ins Gespräch ein, ich stelle mich kurz vor und sage dann:
Meine erste Kindheitserinnerung betrifft die Formel 1.
Nicht wahr!
Doch. Es war der Tod von Jochen Rindt.
Das ist lange her. Er ist in Monza verunglückt.
1970. Im September. Und er war der einzige Fahrer, der noch nach seinem Tod …
… Weltmeister geworden ist. Was für eine Tragik. Er muss ein ganz Grosser gewesen sein.
Ihre erste Formel-1-Erinnerung war welches Ereignis?
Meine war natürlich sehr viel später: 2010. Das letzte Rennen der Weltmeisterschaft in Abu Dhabi. Vier Fahrer hätten noch den Titel holen können – Sebastian Vettel, Lewis Hamilton, Fernando Alonso und Mark Webber. Und das Verrückte war, Alonso kam nicht an den beiden Renault-Fahrern vorbei. Ein vierter Platz hätte ihm genügt. Sebastian Vettel führte den Grand Prix überlegen an und sicherte sich damit seinen ersten Weltmeistertitel.
Dreifach-Weltmeister und ein Charakterkopf war Niki Lauda, der 2019 gestorben ist und bei Ihrem Team Berater war. Haben Sie ihn einmal getroffen?
Das ist schade, ich habe ihn nur ein einziges Mal getroffen, das war 2018 und ich konnte nicht sehr viel mit ihm reden. Er war ein strenger Mann und sehr direkt. Er genoss einen sehr guten Ruf, weil er eben immer sagte, was er dachte. Und seine Karriere war unglaublich! Sein Unfall auf dem Nürburgring 1976 und dass er sich nach diesen schweren Verletzungen fünf Wochen später wieder in seinen Ferrari gesetzt hat und in Monza Fünfter geworden ist und dieses epische Weltmeisterschafts-Duell mit James Hunt auf McLaren in jenem Jahr, mit diesem unglaublichen Regenrennen in Fuji. Er war ein Grosser. Schade, hatte ich nicht mehr Kontakt mit ihm.
Es gab in der Formel 1 immer wieder Persönlichkeiten, die erst überraschend und dann dauerhaft gewonnen haben. Für manche ist er der Grösste aller Zeiten: Ayrton Senna.
Er ist mein Vorbild. Deswegen fahre ich mit der Nummer 12 auf meinem Auto. Ich habe ihn ja nicht mehr erlebt, aber er ist für mich eine sehr grosse Inspiration. Ich verehre ihn. Er war der Beste und sehr eigenwillig. Auf der Strecke und auch daneben. Er war ein sehr spezieller Typ. Sehr konzentriert, sehr genau und sehr religiös.
Sind Sie auch religiös?
Ja, das bin ich.
Das gibt Ihnen sicher Halt. Was erdet Sie noch?
Also das ist meine Familie. Aber auch mein Team, und dort in erster Linie mein Ingenieur Bono (Peter Bonnington). Aber wenn es um die Familie geht: Mama ist sehr wichtig und mein Papa ist es für mich auch noch immer. Er kam an jedes Kart-Rennen mit, er war ja selbst Rennfahrer und lehrte mich so viel, gab mir unzählige Ratschläge. Meine Familie erinnert mich auch immer wieder streng daran, weiter hart an mir zu arbeiten, wenn ich mal die Zügel lockerlasse. Das ist zwar anstrengend, aber wichtig, wenn einem jemand das sagt. Die Familie ist nach einem Rennen mein grosses Reset.
Und Freunde?
Mein nächster ist wohl Sergi Avila, mein persönlicher Coach. Aber ich habe daheim viele Freunde, Schulkollegen aus meiner Klasse. Mit denen verbringe ich jedes Mal meine freie Zeit, wenn ich zu Hause bin.
Toto Wolff ist ein knallharter Unternehmer und Ihr Teamchef. Bei welcher Gelegenheit lernten Sie ihn als warmherzigen Unterstützer kennen?
Um ehrlich zu sein: Toto war zu mir sehr früh und immer sehr unterstützend. Seit 2018 bin ich bei Mercedes und ich hatte immer eine gute Beziehung zu ihm. Er kennt sich aus, er ist sehr professionell und er weiss, was auf der Rennstrecke passiert. Er war selber mal ein Racer. Er gibt gute Ratschläge. Ich bin glücklich, ihn als meinen Ziehvater zu haben und als meinen Chef. Ich fahre gerne für ihn. Er hat ein grosses Herz, das kann ich sagen, und mit der Seele eines Rennfahrers sieht er die menschlichen Seiten, die Bedürfnisse eines Piloten.
Welches ist Ihre Lieblingsstrecke?
Ich liebe Suzuka in Japan. Die ist unglaublich herausfordernd zu fahren.
Im Fachjargon eine Old-school-Strecke.
Ja, aber sehr schwierig und trotzdem schnell. Dann mag ich Interlagos in Brasilien, Austin, Texas. Und ausserdem liebe ich Stadtkurse.
Monaco?
Mmh ja, aber Dschidda in Saudi-Arabien mag ich viel lieber. Das ist so eine schnelle Strecke.
Sie wurde extra so gebaut. Also ein Stadtkurs ist es klassischerweise ja nicht.
Ja, schon, aber sie ist praktisch in einer Stadt gebaut worden.
Am Strand.
Ja, aber sauschnell.
Stimmt. Themenwechsel: Rennfahren ist ein komischer Beruf. Das Eigentliche macht man nur wenige Stunden. Und das meist auch nur alle vierzehn Tage.
Ja, es ist wirklich ein seltsamer Sport. Das Verrückteste daran ist, wir dürfen nicht trainieren. Also mit unseren Boliden auf die Strecke gehen und fahren. Jeder Tennisspieler kann seinen Schläger jeden Tag in die Hand nehmen und auf den Platz gehen. Wir nicht. Darum ist das alles auch so schwierig. Du kommst immer ohne Training auf die Rennstrecke und musst sofort auf dem Punkt da sein und schnell sein und ohne Fehler. Natürlich bereiten wir vieles vor, ich kann in den Simulator, das schon. Aber das ist ja nicht dasselbe wie auf der Rennstrecke. Das Mindset eines jeden, der ins Auto steigt, muss einfach stimmen, sonst landet man im Nirgendwo.
Im Nirgendwo ist Max Verstappen beim letzten Rennen in Zandvoort gelandet. Am letzten Wochenende gingen Sie als Zweiter durchs Ziel. Ihr Teamkollege George Russell musste Sie auf Anweisung der Box vorbeilassen. Hätten Sie das auch für ihn gemacht?
Bei diesem Szenario? Ja. Ich war auf Position zwei und George auf drei vor meinem Boxenstopp. Ich hatte die besseren Reifen und es wäre unfair gewesen, den Teampartner aufzuhalten. Das gilt für ihn. Das gilt für mich. Wir haben intern genaue Regeln, wie wir uns aufeinander abstimmen. Und wenn das Team sagt: «Lass ihn vorbei», dann hätte ich auch so gehandelt wie er. Das Team hat darauf geschaut, das beste Ergebnis für sich rauszuholen. Das ist legitim. Es geht dann immer um das Team bei so einer Entscheidung.
Nächste Woche geht es nach Italien. Ein Heimrennen auf dem High-Speed-Kurs von Monza.
Das wird ein schwieriges Rennen. Ich muss zehn Startplätze zurück, wegen der Arbeiten an meinem Motor. Das heisst, ich brauche ein extrem gutes Qualifying, um nur schon überhaupt im Mittelfeld starten zu können. Ich schaue aber positiv vorwärts. Im Gegensatz zu letztem Jahr, wo ja wirklich alles neu für mich war. Ich werde die Strecke wohl mehr geniessen können und ich hoffe auf ein gutes Rennen, klar, und auf ein gutes Resultat.
Was wäre gut für Sie?
Mmh, ein Podium, ein Podiumsplatz wäre sehr gut für mich. Aber ich darf an diesem Tag nicht zu viel riskieren und muss weise fahren.
Das wird schwierig, bei dieser Geschwindigkeit und der Anspannung.
Ja, vor allem bei diesem Level an Adrenalin, ist es sehr schwer, besonnen zu bleiben. Sehr schwer. Aber mein Ziel wird es sein, Punkte zu machen. So viele wie möglich. Wie bei jedem Rennen.
Das Interview wurde von IWC Schaffhausen ermöglicht. Die Uhrenmarke ist ein wichtiger Partner des Mercedes-Rennstalles, für den Kimi Antonelli fährt. (schweizheute.ch)
