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«Ich habe alles erlebt»: Michelle Gisin beendet ihre Karriere

Video: watson/nina bürge

«Ich habe alles erlebt»: Michelle Gisin beendet ihre Karriere

Michelle Gisin wird nach ihrer schweren Verletzung vom Dezember 2025 nicht in den Weltcup zurückkehren. So erklärt die Allrounderin aus Engelberg ihren Entscheid.
03.11.2026, 10:5503.11.2026, 15:22

Michelle Gisin beendet ihre Karriere im Ski-Weltcup. «Ich habe alles erlebt», sagte die 32-Jährige in einem Video in den sozialen Medien und fügt an: «Danke für all die wundervollen Momente mit euch!» Es sei ein unglaubliches Abenteuer gewesen. «Das endet heute», so die 32-Jährige.

Michelle Gisin, welche anlaesslich eines Medienanalasses von Swiss-Ski ueber ihre Zukunft spricht, im Tower Titlis, in Engelberg, am Dienstag, 3. November 2026 in Engelberg. (KEYSTONE/Michael Schmid).
Michelle Gisin beendet ihre Karriere: «Ich bin dankbar für die unglaublichen Jahre.»Bild: keystone

Im vergangenen Dezember hatte sich Michelle Gisin bei einem Trainingssturz in St. Moritz Verletzungen am rechten Handgelenk, im linken Knie und der Halswirbelsäule zu. Nur knapp sei sie einer Querschnittslähmung entgangen, erklärten ihr die Ärzte später. Der Weg zurück gestaltete sich enorm schwierig. Mehrmals musste sie ihre Rückkehr auf die Ski verschieben. Erst danach wollte sie einen Entscheid über ihre Zukunft fällen. Zuletzt konnte die 32-Jährige aber wieder auf den Ski stehen – und hat sich nun für den Rücktritt entschieden.

«Ich habe irgendwann gemerkt, dass es zu viel Druck ist, auf die Ski zu gehen und dann sofort entscheiden zu müssen und zu wollen», sagt Gisin. Als sie vor wenigen Wochen nach St. Moritz zurückkehrte – auf die Piste aber ohne Ski – sei der Entscheid zum Rücktritt weiter in ihr gereift. «Als ich auf dieser Piste war, hat sich ein Kreis geschlossen. Ich konnte mir nicht vorstellen, da mit einer Startnummer runterzufahren», sagt Gisin auf der Pressekonferenz in Engelberg. Sie freue sich zwar, wieder viel Skifahren zu können. «Aber mit über 100 Kilometern pro Stunde den Berg hinunter? Das habe ich oft genug gemacht. Und es war wunderschön.»

Gisin sprach von einem langen Prozess, der bereits in den letzten Jahren begonnen habe. Nach so vielen Jahren im Weltcup sei es klar, dass «solche Gedanken» irgendwann hochkommen. Doch in den letzten Wochen habe sie dann vor allem eine grosse Dankbarkeit «für die unglaublichen Jahre, die ich auf dem Level fahren konnte» gespürt. Es habe noch ein wenig gedauert, «bis nach dem Herz der Kopf so weit war», doch nun sei sie mit der Rücktrittsentscheidung sehr glücklich. «Ich freue mich auf alles, was die Zukunft für mich bereithält.»

Gisin hat in Luzern ein Studium begonnen, in welchem sie Politik, Philosophie und Wirtschaft kombiniert. Ausserdem werde sie weiterhin als Botschafterin der Ski-WM 2027 in Crans-Montana fungieren und dort im Zielbereich sowie beim Abendprogramm im Einsatz stehen. Unter anderem werde sie für Interviews mit den Athletinnen und Athleten verantwortlich sein.

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Zweimal holte Michelle Gisin Olympia-Gold in der Kombination.Bild: fxp-fr-sda-rtp

Besonders freue sie sich aber auch, ihren Mann Luca De Aliprandini bei seinen Rennen zu begleiten. «Ich werde an jedem Riesenslalom dabei sein – ausser in Nordamerika. Besonders freue ich mich auf das Rennen in Adelboden. Ich wollte eigentlich immer mal als Vorfahrerin starten, aber das lassen wir wohl lieber», lacht Gisin. Sie und der Italiener De Aliprandini hatten im Sommer geheiratet, der 36-Jährige startet im Weltcup ausschliesslich im Riesenslalom, in dem er in der vorletzten Saison Gesamt-10. wurde.

In ihrer Freizeit werde Gisin auch weiterhin viel Skifahren – nun aber «auf den Pisten, die ich aussuche». Schon in den letzten Wochen sei sie in den Trainings wieder zügig unterwegs gewesen. «Vielleicht sogar zu schnell», lacht Gisin, «das Vertrauen ist immer noch da.» Dies sei ihr besonders wichtig, erklärte sie auf ihrer Pressekonferenz in Engelberg, wo sie einst die ersten Schritte auf dem Weg in den Skizirkus absolvierte.

Jedoch müsse sie auch realistisch sein: «Ich hatte eine Kombination aus sehr schweren Verletzungen und bräuchte mindestens noch ein Jahr, vielleicht sogar zwei.» Wäre sie jünger, wäre es eine andere Diskussion, glaubt Gisin, doch: «Ich möchte nicht mehr alles hineingeben, um in Bestform zu kommen, ich will nun andere Dingen priorisieren.»

Gisin war in den letzten Jahren eine der besten Schweizer Skifahrerinnen, fünfmal klassierte sie sich im Gesamtweltcup in den Top 10. Die Allrounderin fuhr in allen vier Disziplinen mindestens dreimal aufs Podest und schaffte es in allen Disziplinenwertungen mindestens einmal in die Top 6 der Saison. Ihren einzigen Einzel-Weltcupsieg feierte sie 2020 im Slalom in Semmering.

Ihre grössten Erfolge errang Gisin aber an Grossanlässen. So wurde die Schwester von Abfahrts-Olympiasiegerin Dominique Gisin 2018 und 2022 Olympiasiegerin in der Kombination und holte sie 2022 in Peking zudem Super-G-Bronze. In der Kombination aus Abfahrt und Slalom gewann sie an Weltmeisterschaften zudem je einmal Silber (2017 in St. Moritz) und Bronze (2021 in Cortina).

«Michelle war während ihrer 13 Jahre im Weltcup stets eine grosse Bereicherung für unser Team – sowohl sportlich, vor allem aber auch menschlich», schwärmt Hans Flatscher, Alpin-Direktor von Swiss-Ski. «Dass sie Podestplätze in allen Disziplinen herausfahren konnte, zeigt ihre grosse Klasse als Allrounderin.» (nih)

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