Überall auf dem Podest – was Michelle Gisin zur besonderen Skifahrerin machte
Bluetbadbullschittläärloufmagerquark. Das Lied von Patent Ochsner begleitete Michelle Gisin durch die schwere Verletzung, die sie sich am 11. Dezember des letzten Jahres in St. Moritz zugezogen hatte. Sie, die viele Texte der Berner Band mag und dafür bekannt ist, im Startbereich auch mal laut mitzusingen, hatte sich damals einen speziellen Helm designen lassen. Es sei der schönste oder zweitschönste Helm, den sie in ihrer ganzen Karriere getragen habe, sagte Gisin in der SRF-Sendung «Mini Musig, mis Läbe».
Auf jenem Helm, den sie trug, als sie mit etwa 112 km/h stürzte und in die Sicherheitsnetze flog, waren Zeilen des bereits 1997 veröffentlichten Songs abgedruckt: «I bsorge mir no schnäu – es bunkerdicks Fäu – wo mi unverletzbar macht und wo mi schützt – vor däm Bluetbadbullschittläärloufmagerquark.»
Knie, Oberschenkel, Handgelenk, Schulter und Halswirbelsäule: Am ganzen Körper hatte sich Gisin Blessuren zugezogen. Unverletzbar hatte der Helm sie also nicht gemacht. Doch die Obwaldnerin bezog sich lieber auf den zweiten Teil der Passage: «Er hat mich geschützt», sagte sie im Wissen, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können.
Die Heim-WM 2017 als Initialzündung
Und trotz dieser einschneidenden Erfahrung hatte die 32-Jährige ihren Rücktritt lange offengelassen. Sie wolle es zumindest versuchen, sagte Gisin vor knapp drei Wochen, noch einmal spüren, wie es sich im Schnee anfühle. Herausfinden, ob die Psyche bereit sei, wieder ans Limit zu gehen. Nun hat sie ihre Antwort gefunden.
Natürlich wäre es schön gewesen, im nächsten Februar in Crans-Montana nochmals eine Heim-WM zu erleben. So wie 2017, als ihr Stern so richtig aufgegangen war. Sie, die damals erst einmal auf dem Weltcup-Podest und lange im Schatten ihrer älteren Geschwister Marc und Dominique gestanden hatte, fuhr in der WM-Kombination hinter Teamkollegin Wendy Holdener zu Silber.
«Das war eine der ersten Abfahrten, in der ich mehr Risiko genommen habe als sonst», sagte Gisin damals. Dafür wurde sie belohnt. Der Ort ihres damaligen Medaillentriumphs? Ausgerechnet St. Moritz.
Als Platz 3 fast mehr bedeutete als der Sieg
Die inzwischen abgeschaffte Kombination sollte zu Gisins Disziplin der grossen Erfolge werden. Ein Jahr nach dem WM-Silber gewann sie in Pyeongchang Olympia-Gold. Damit zog sie mit ihrer Schwester gleich, die vier Jahre zuvor in der olympischen Abfahrt triumphiert hatte und in Südkorea zu den ersten Gratulantinnen gehörte. «Wir quietschten beide mehr, als dass wir redeten», sagte Michelle Gisin. «Es gibt keine Worte für das, was wir geschafft haben.»
Vier Jahre später in Peking wiederholte Gisin das Kunststück und gewann zudem Bronze im Super-G. Eine Ausbeute, mit der sie angesichts der schwierigen Vorbereitung nie gerechnet hätte. Wegen ihrer Erkrankung am Pfeiffer-Drüsenfieber hatte sie das Sommertraining praktisch komplett verpasst und im Vorfeld nur wenige Rennen bestritten. Als es darauf ankam, war sie dann wieder bereit.
Die neuerliche Goldmedaille führte dazu, dass Gisin nun mehr Einzelsiege an Olympia als im Weltcup vorweisen kann. Im Weltcup gewann sie – neben einem Erfolg im Teamwettkampf – nur ein Rennen: Ende Dezember 2020 den Slalom in Semmering.
In der Bedeutung auf einer ebenso hohen Stufe war der 3. Platz, den sie gut drei Wochen später im Riesenslalom von Kranjska Gora herausfuhr. Damit hatte sie als erste Schweizerin seit Vreni Schneider in allen fünf Disziplinen einen Weltcup-Podestplatz erreicht und ihren Ruf als herausragende Allrounderin eindrücklich bestätigt.
«Unser Sport ist der schönste und mühsamste»
21 Podestplätze in 290 Weltcup-Rennen sind es am Ende. Aber Michelle Gisin war immer mehr als ihre sportlichen Erfolge. Unvergessen bleibt, wie sie in Peking nach ihrem zweiten Olympiasieg nicht etwa ausgelassen jubelte, sondern zuerst die geschlagene Wendy Holdener tröstete. Mit ihrer empathischen Art war Gisin für viele im Schweizer Team eine wichtige Bezugsperson.
Und statt sich in schwächeren Phasen zu verkriechen, stellte sich Gisin stets vor die Kameras und Mikrofone. Mal tat sie das besser, mal schlechter gelaunt. Aber stets mit einer grossen Portion Selbstironie.
Denn Gisin sieht die Dinge selten schwarz oder weiss. Für sie war schon immer klar, dass es im Spitzensport um Nuancen geht und es für alle mehrere Wahrheiten gibt. So sagte sie kürzlich in einem Podcast: «Wir haben den mühsamsten Sport, den es gibt. Den schönsten, aber auch den mühsamsten.» Das viele Herumreisen und das Leben aus dem Koffer behagten ihr eigentlich gar nicht. Doch nach den ersten Schwüngen im Schnee wusste sie dann wieder, weshalb sie sich für diesen Weg entschieden hatte.
Neue Rolle an der WM
Gut möglich, dass Gisin dem Skisport erhalten bleibt. So bewies sie an der Swiss-Ski-Night ihr Talent als Moderatorin und Interviewerin. Die kommende WM in Crans-Montana wird sie als Botschafterin in einer anderen Rolle als bisher prägen.
In den vielen Interviews, die Gisin in den letzten Wochen gegeben hat, wirkte sie mit sich im Reinen. Nie beklagte sie sich über das Pech bei ihrem Sturz, sondern hob das Glück hervor, dass vergleichsweise alles glimpflich abgelaufen war.
Im Sommer heiratete sie ihren langjährigen Partner Luca De Aliprandini und feierte dies ausgelassen mit Familie und Wegbegleiterinnen aus dem Sport. Und natürlich lief dabei auch Bluetbadbullschittläärloufmagerquark. (car/sda)
