Fall Jucker: Im Dorf war die Verurteilung seit Jahrzehnten bekannt
Hans Jucker war 1971 vom Bezirksgericht Affoltern wegen sexueller Handlungen mit Jugendlichen zu acht Monaten bedingt verurteilt worden. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde das erst jetzt – durch das Buch von Willi Fegble.
«Er hatte überall Zugang»
Gegenüber «Blick» schildert Fegble, wie Jucker an seine Opfer gelangte. Juckers Vater arbeitete als Koch im Landerziehungsheim Albisbrunn. «Er konnte im Heim ein- und ausgehen, wie er wollte und hatte überall Zugang», sagt Fegble. Jucker habe bei den Buben den Schiedsrichter gemacht und sei mit in die Duschen gekommen.
Gerüchte habe es im Heim zwar gegeben, gesprochen habe man darüber aber kaum. «Du hast dich geschämt. Ich habe mich auch niemandem anvertraut.» Wer etwas sagen wollte, sei mundtot gemacht worden. «Im Heim hättest du noch einen auf den Kopf bekommen, wenn du so etwas behauptet hättest.»
Fegble ist bis heute in psychologischer Betreuung. Als Opfer will er sich trotzdem nicht bezeichnen. «Ich will nicht Opfer sein und ich bin kein Opfer», sagt er. Auch sein Buch drehe sich nicht in erster Linie um Jucker, betont er. Die Verlage hätten es alle an Jucker aufhängen wollen, «und genau das ist es nicht».
Dass es nun öffentlich ist, akzeptiert er: «Jetzt ist es draussen, es gibt kein Zurück mehr. Man darf es offiziell sagen. Früher wäre das nicht möglich gewesen.»
Im Dorf war es ein offenes Geheimnis
In Affoltern am Albis, wo Jucker von 1982 bis 1998 für die FDP im Gemeinderat sass und Ehrenpräsident des FC Affoltern war, war die Verurteilung offenbar kein Geheimnis. Gegenüber «20 Minuten» erzählen ältere Einwohnerinnen und Einwohner, dass die Vorwürfe und das Urteil im Dorf schon vor Jahrzehnten Gesprächsthema waren.
Deutliche Worte findet alt Nationalrat Toni Bortoluzzi (SVP). Er war jahrzehntelang mit Jucker befreundet und sass 16 Jahre mit ihm im Gemeinderat von Affoltern. Die Verurteilung sei «überall bekannt» gewesen, sagt er gegenüber «20 Minuten», im Dorf und weit über die Region hinaus. Nach dem Urteil verlor Jucker zwar sein Amt als Gemeindeschreiber, wenige Jahre später wurde er trotzdem in den Gemeinderat gewählt.
Dass SRF erst vor einigen Wochen davon erfahren haben will, nennt Bortoluzzi «verlogen». Die heutige Aufregung um den Fall hält er für «absurd».
Gerüchte gab es auch beim SRF
Auch beim Schweizer Fernsehen war Jucker offenbar kein unbeschriebenes Blatt. «Schweiz heute» hat gut ein Dutzend langjährige Weggefährten befragt. Laut ihnen kursierten über Jahre Gerüchte, sowohl auf der Redaktion als auch im Skizirkus. Ein ehemaliger Kollege erinnert sich an eine Warnung unter Kollegen: «Lasst die jungen, hübschen Athleten nicht allein mit Jucker.»
Ob Juckers damalige Vorgesetzte von der Verurteilung wussten, ist unklar. Die meisten sind inzwischen verstorben, eine Meldepflicht gab es nicht. SRG-Generaldirektorin Susanne Wille zeigt sich erschüttert. Die SRG kündigt eine unabhängige externe Aufarbeitung an. Diese soll die Rolle des Fernsehens untersuchen und die heutigen Schutzmechanismen überprüfen. (car)
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