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epa09023320 Daniil Medvedev of Russia reacts during his Men's singles semi final match against Stefanos Tsitsipas of Greece at the Australian Open Grand Slam tennis tournament at Melbourne Park in Melbourne, Australia, 19 February 2021.  EPA/DAVE HUNT  AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Daniil Medwedew fordert im Final der Australian Open Novak Djokovic. Bild: keystone

Daniil Medwedew ist bereit für den grossen Wurf – auch gegen Novak Djokovic

Daniil Medwedew steht zum zweiten Mal im Final eines Grand-Slam-Turniers. Bei den Australian Open trifft er auf den achtfachen Sieger, Novak Djokovic. Und er scheint bereit für den grossen Wurf.

simon häring / ch media



Seit fast zwei Jahrzehnten bilden Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer das grosse Dreigestirn am Tennishimmel. Mal leuchtete der eine kräftiger, mal der andere, allen drei wurde schon nachgesagt, sie würden verblassen. Doch sie sind noch immer da - teilten die Erfolge bei den vier Grand-Slam-Turnieren praktisch unter sich auf. Seit Februar 2004 führte einer der drei die Weltrangliste an – mit Ausnahme von 41 Wochen zu Beginn der Saison 2017, als Andy Murray die Phalanx des Trios durchbrach.

Daran änderte auch der Erfolg des Österreichers Dominic Thiem bei den US Open im letzten Jahr nichts. Weil Titelverteidiger Rafael Nadal und Roger Federer fehlten, und Novak Djokovic disqualifiziert worden war.

Doch angesichts des fortschreitenden Alters des Trios - Djokovic wird im Frühling 34, Nadal 35, Djokovic, Federer im August sogar 40 - rückt das Ende der aussergewöhnlichsten Ära im Männertennis näher. Angekündigt hat sich dieser Umbruch 2019, als mit Matteo Berrettini, Stefanos Tsitsipas und Daniil Medwedew drei Debütanten den Final der acht Jahresbesten bestritten. Es ist eine Generation, die die Überzeugung in sich trägt, die drei Grossen ablösen zu können - und zwar noch bevor sie zurücktreten.

epa08187790 Novak Djokovic of Serbia kisses the Norman Brookes Challenge Cup trophy after winning the men's singles final against Dominic Thiem of Austria at the Australian Open Grand Slam tennis tournament at Rod Laver Arena in Melbourne, Australia, 02 February 2020.  EPA/LUKAS COCH AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Wird Novak Djokovic bald als König von Melbourne abgelöst? Bild: EPA

Als hellster Stern dieser Generation hat sich der Russe Daniil Medwedew herauskristallisiert. Er gewann in der zweiten Jahreshälfte 2019 Turniere in Cincinnati, St. Petersburg und Schanghai, stand dazu in Washington und Montreal im Final und erreichte bei den US Open auch als erster dieser Generation den Final eines Grand-Slam-Turniers, wo er Rafael Nadal nach einem 0:2-Satzrückstand noch an den Rand einer Niederlage drängte.

Seit einigen Monaten reitet der Russe auf einer ähnlichen Erfolgswelle wie damals. Seine letzte Niederlage datiert vom letzten Oktober. Seither hat Medwedew 20 Partien gewonnen, damit das Turnier in Paris-Bercy, die ATP Finals und zum Start in die neue Saison mit Russland den ATP-Cup.

Russia's ATP Cup winners Daniil Medvedev, Andrey Rublev, Aslan Karatsev and Evgeny Donsky pose with their trophy after defeating Italy in the final in Melbourne, Australia, Sunday, Feb. 7, 2021.(AP Photo/Hamish Blair)

Saisonstart nach Mass: Daniil Medwedew und das russische Team nach dem Turniersieg am ATP-Cup. Bild: keystone

Seit November alle Top-Ten-Spieler besiegt

Noch beeindruckender ist die Liste der Gegner, die der 25-Jährige dabei bezwungen hat, darunter: Novak Djokovic, Rafael Nadal, Dominic Thiem und in den Halbfinals der Australian Open Stefanos Tsitsipas, der zuvor Rafael Nadal ausgeschaltet hatte. Bei 12 der 20 Siege bezwang Medwedew einen Spieler aus den Top Ten der Weltrangliste. Nur einen Spieler aus diesem Kreis hat er in den letzten drei Monaten nicht bezwungen: Roger Federer, der bekanntlich seit Januar 2020 keine Partie mehr bestritten hat.

Nur drei Spieler haben in Duellen mit Top-Ten-Spielern eine noch bessere Serie hingelegt: Federer führt diese Rangliste mit 24 Erfolgen zwischen Herbst 2003 und Januar 2005 an. Djokovic akkumulierte einmal 17 Siege.

Bild

Gegen Top-Ten-Spieler reitet Daniil Medwedew auf einer Erfolgswelle. CH Media/sih

Medwedew gewann ersten Fünfsatzmatch

Medwedew verblüfft mit unorthodoxem Spielstil, seine grösste Stärke aber ist, dass er keine Schwächen hat. Auf dem Weg in den Final schlug er 75 Asse, für eine Grösse von 1,98 Metern überzeugt er mit beeindruckender Leichtfüssigkeit, seine Schläge verfügen über eine beeindruckende Länge. In Melbourne stellte er unter Beweis, dass er auch körperlich zugelegt hat. Im siebten Anlauf gewann er erstmals einen Fünfsätzer.

So unscheinbar Medwedew wirkt, so extrovertiert tritt er zuweilen auf. Bei den US Open 2019 hatte er erste einen Balljungen beleidigt, sich mit dem Schiedsrichter und dann auch noch mit dem Publikum angelegt. Von diesem Moment an war er bei jeder Aktion gnadenlos ausgebuht worden. Im Platzinterview bedankte er sich sarkastisch für die Unterstützung. Statt auf die Fragen einzugehen, wandte er sich an die ­Zuschauer und sagte: «Nur dank euch bin ich noch im Turnier. Ich war am Ende meiner Kräfte. Doch ihr habt mir die Energie gegeben, mich zurückzukämpfen. Danke!»

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2019 legte sich Medwedew in New York mit dem Publikum an. Video: YouTube/Tennis Instinct

Medwedew entschuldigte sich später und gelobte Besserung. Neben dem Platz sei er ein sehr ruhiger Typ. «Ich habe keine Ahnung, weshalb die Dämonen aus mir herausbrechen, sobald ich Tennis spiele», sagte er der «New York Times». Vor allem als Junior habe er sich damit immer wieder in Schwierigkeiten gebracht. Aber auch später. Unvergessen ist, wie er 2017 in Wimbledon nach einer Niederlage der Schiedsrichterin Münzen vor den Stuhl warf und ihr damit Bestechlichkeit vorwarf. Im Jahr davor war er in Paris wegen rassistischen Verhaltens disqualifiziert worden.

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Medwedew wirft 2017 in Wimbledon nach einer Niederlage der Schiedsrichterin Münzen vor deren Stuhl. Video: YouTube/Quang Huy Phan

Medwedew gilt als selbstkritisch und sehr intelligent, sei ein begnadeter Schachspieler. Bevor er sich auf die Tenniskarriere konzentrierte, besuchte er Mathematik- und Physikstunden für Hochbegabte. Nach dem Umzug in eine französische Tennisakademie lernte er innerhalb weniger Monate Französisch. Bereits mit 22 Jahren heiratete er. Heute lebt Medwedew mit seiner Frau Daria in Monte Carlo und trainiert in der Nähe von Nizza. Er ist gereift, und weiss sein Temperament inzwischen weit besser zu zügeln.

Siege nimmt Medwedew mit einer fast schon aufreizender Gleichgültigkeit zur Kenntnis. Den bisher grössten Erfolg, den Triumph bei den ATP Finals, quittierte er mit einem kurzen Achselzucken. Später sagte er dazu:

«Ich feiere meine Siege einfach nicht mehr, das habe ich nach den US Open 2019 entschieden, als ich Probleme mit den Fans hatte. Es geht mir gut damit.»

Ob sich das ändern wird, wenn Medwedew am Sonntag als erster Russe seit Marat Safin 2005 bei den Australian Open ein Grand-Slam-Turnier gewinnt? Grund dazu hätte er dann allemal. Denn sein Gegner ist kein geringerer als Novak Djokovic, der in Melbourne zum neunten Mal im Final steht - und dort bisher jeden Final gewonnen hat. Zwar hat der Serbe vier von sieben Duellen gewonnen, darunter aber die ersten drei. Und als sich die beiden letztmals gegenüberstanden, gewann Medwedew.

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