«Und wenn sie mich morgen steinigen: Ich stell' ihn nicht auf.» Die Worte sollen von Hennes Weisweiler am Tag vor dem Pokalfinale stammen. Gemeint ist Günter Netzer. Der Weltstar der Borussia Mönchengladbach.
Denn Netzers Wechsel zu Real Madrid war kurz zuvor bekannt geworden. Das Pokalfinale wird sein letzter Auftritt für Gladbach sein. Aber Weisweiler gönnt ihm diesen schönen Abgang nicht. Das Verhältnis der beiden Alphatiere ist unterkühlt. Beide sind stur. Weisweiler behauptet, Netzer sei nicht ganz fit, er war kurz zuvor noch verletzt. Netzer will nichts davon wissen. Auch Mitspieler wie Berti Vogts möchten, dass der Mittelfeldregisseur spielt. Netzer sagt zum Trainer-Entscheid: «Das ist aber mutig von Ihnen.» Eigentlich wollte Netzer danach die Koffer packen und gehen, aber Mitspieler hätten ihn überredet, wenigstens auf die Bank zu sitzen.
Er lässt sich darauf ein. Als die Partie im mit 70'000 Fans ausverkauften Rheinstadion in Düsseldorf angepfiffen wird, schmort Netzer auf der Bank. Er sieht wie sein Team in der 24. Minute durch Herbert «Hacki» Wimmer in Führung geht, muss aber auch den Ausgleich kurz vor der Pause durch Herbert Neumann registrieren.
Köln wird stärker und Weisweiler möchte Netzer bringen. Dieser lehnt jedoch kühl ab, angeblich mit den Worten: «Besser geht es auch mit mir nicht.» Netzer war der Meinung, dass die Partie gar nicht besser werden könnte. Beide Teams zeigen eine hervorragende Leistung.
Die Zuschauer bekommen davon nichts mit. Sie skandieren Netzers Namen, wollen ihren Star endlich sehen. Die zweite Halbzeit verläuft dramatisch. Jupp Heynckes verschiesst einen Elfmeter für Gladbach (58.) und trifft in der 86. Minute den Pfosten. Köln beklagt bei Lattentreffern von Jürgen Glowacz (67.) und Heinz Flohe (81.) Pech. Während der Partie versuchen auch Mitspieler Netzer, den eigentlichen Captain, zu überreden. Es nützt nichts. 108 Tore hatte Netzer in seinen 297 Partien für Gladbach zuvor erzielt. Doch so wie jetzt wurde er wohl noch nie gebraucht.
Die Partie muss in die Verlängerung. Völlig erschöpft liegt in der kurzen Pause Gladbachs junger Spieler Christian Kulik auf dem Boden. Die Sonne brennt, es ist ein heisser Sommertag. Jetzt hält es Netzer nicht mehr aus. Wie sich Kulik später für «11Freunde» erinnert, spielt sich diese Szene ab: «Kurz vor dem Beginn der Verlängerung, ich lag erschöpft auf dem Platz, wurde gerade massiert, als Günter zu mir kam und mich gefragt hat, ob ich noch kann. Da meinte ich zu ihm, dass ich völlig kaputt sei und bin dann auch einfach liegen geblieben.»
Während Kulik also so daliegt, macht sich Netzer für den Einsatz bereit. Im Vorbeigehen ruft er Trainer Weisweiler den berühmten Satz zu: «Ich spiel’ dann jetzt.» Netzer spricht mit Teamkollegen, gibt Anweisungen, läuft sich ein und die Fans skandieren seinen Namen. Weisweiler kann nur noch zuschauen.
Auch Kulik hat nicht ganz kapiert, was sich gerade ereignet hat. Ob er wusste, dass Netzer sich selbst einwechselte? «Überhaupt nicht, weil ich gar nicht mitbekommen hatte, wie das genau abgelaufen war. Ich wusste nicht, ob Netzer von sich aus entschieden hat, dass er jetzt spielt, oder ob Weisweiler davon wusste. Ich war einfach platt und und deshalb froh, dass ich nicht weiterspielen musste.»
Netzer steht mit der ungewöhnlichen Rückennummer 12 beim Anspiel. Nach drei Minuten schaltet er sich erstmals wirklich ins Geschehen ein. Netzer nimmt den Ball, spielt einen Doppelpass mit Rainer Bonhof und knallt das Leder aus 13 Metern am chancenlosen Schlussmann Gerhard Welz vorbei unter die Latte – 2:1 für Gladbach! Es fällt kein weiteres Tor mehr, Gladbach ist Pokalsieger und Netzer der grosse Held. Später erklärt er: «Doppelpässe mit Bonhof funktionierten sonst nie, der Ball rutscht mir beim Torschuss über den Rist.»
Auf einen Trikottausch nach der Partie verzichtet der 28-Jährige. Er will sein ganz besonderes Erinnerungsstück für sich behalten. Doch nicht nur für ihn: Die Partie gilt bis heute als eines der besten Endspiele des DFB-Pokals.
Jahre später erinnert sich der geniale Mittelfeldspieler nicht ohne Eigenlob: «Diese Art Aktion geschieht nur um grosse Spieler herum, die sich damit auch unsterblich machen. Das war das ganze Glück eines Fussballerlebens in 2 Sekunden reingepackt. Ich hab danach nie mehr so viel Glück gehabt.» Glücklicherweise sei die spontane Einwechsel-Aktion aufgegangen. Aber dann besinnt er sich und hängt an: «Wobei: Schaden hätte ich auch nicht nehmen können, es war mein letztes Spiel für Mönchengladbach.»