Der Winter lässt sich lagern – aber zu welchem Preis?
Am Wochenende beginnt in Sölden der Weltcup-Winter im alpinen Skisport. Selbst in diesem Gletscherskigebiet sind Rennen im Spätherbst ohne Snowfarming nicht denkbar. Sei es für den Langlauf in Davos, den Biathlon in Lenzerheide oder den Slalom in Levi – der in riesigen Depots über den Sommer konservierte Altschnee bildet die Basis für eine funktionierende Piste oder Loipe. Die ersten Erfahrungen mit Snowfarming sammelte man bereits vor knapp 30 Jahren.
Doch wie funktioniert diese Methode grundsätzlich und wie effizient ist sie bei wochenlangen Rekordtemperaturen wie in diesem Jahr überhaupt noch? Wir haben die wichtigsten Fragen mit Fabian Wolfensperger vom Schnee- und Lawineninstitut Davos erörtert. Er ist beim Thema Snowfarming eine international angesehene Kapazität und hat verschiedene Forschungsarbeiten dazu verfasst? Er sagt, Snowfarming sei eine effektive Anpassungsstrategie bei einem wärmeren Klima.
Wie funktioniert das Anlegen von Schneedepots?
Sobald die Schneekanonen während der Saison nicht mehr im Dauereinsatz zur Beschneiung der Pisten gebraucht werden, wird mit der Schneeproduktion für die sommerlichen Depots begonnen. Besonders in kalten Nächten kann dies schnell und effizient erfolgen – durchaus bereits ab Februar. Ende Saison werden die Schneedepots dann für die Lagerung über den Sommer fachmännisch abgedeckt.
Welche Methoden gibt es dafür?
Es gibt drei traditionelle Arten des Snowfarmings: Der Schnee wird durch ein textiles Vlies abgedeckt, er wird durch eine 30 bis 50 Zentimeter dicke Schicht aus Sägespänen oder Holzschnitzeln isoliert oder er wird durch Isolationsplatten bedeckt. Letzteres bietet zwar die besten Dämmwerte, birgt wegen der Gefahr von abrutschenden Platten aber auch das grösste Risiko, dass die Isolation lückenhaft wird. Das Geotextil wird beispielsweise für die 60'000 Kubikmeter gelagerten Schnee beim Rettenbachgletscher in Sölden eingesetzt. Es eignet sich vor allem für Depots in der Höhe, wo der Wärmeeintrag bedeutend kleiner ist als beispielsweise in Davos. Denkbar sind auch kombinierte Abdeckungen. Sie sorgen für einen kleineren Schneeverlust, lohnen sich aber aus ökonomischer Sicht nicht.
In Ruhpolding werden seit 2005 erfolgreich Styroporplatten eingesetzt. Damit hält selbst der nur auf 700 Meter über Meeresspiegel liegende Biathlon-Weltcuport den Schneeverlust bei rund 30 Prozent. Allerdings hat der Ort auch schon Lehrgeld bezahlt, als man sich vor gut zehn Jahren für viel Geld eine neuartige, angeblich weltraumerprobte Textilabdeckung aufschwatzen liess. Mit der Konsequenz, dass bis zum Herbst zwei Drittel des Schnees weggeschmolzen waren.
Das finnische Unternehmen Snow Secure Oy bietet eine neue, vielversprechende Technologie an. Es schweisst die Isolierplatten in eine Folie aus PVC ein, welche die einzelnen Platten verbindet. So wird das Risiko von Spalten zwischen den Platten minimiert. Im Skigebiet von Levi und den Nordisch-Anlagen von Ruka hat man sehr gute Erfahrungen mit dieser neuartigen Lösung und überdurchschnittlich grossen Schneehaufen gemacht. Der ehemalige finnische Slalom-Weltmeister Kalle Palander macht übrigens für die Firma den internationalen Vertrieb der Technologie.
Wo wird es angewendet?
Snowfarming findet in verschiedensten Umgebungen Anwendung. So in ganz tiefen Regionen wie zum Beispiel bei mehreren Biathlon-Weltcuporten, in Skigebieten von Adelboden bis zum Schilthorn und seit mehreren Jahren selbst in grosser Höhe bei Gletscherskigebieten, für die Verlängerung von Pisten als Kompensation des Gletscherschwunds oder um bei fehlendem Niederschlag den eisigen Untergrund zu bedecken.
Wieso schmilzt der Schnee bei 35 Grad nicht davon?
Der Schneeverlust durch den Sommer betrug bei 37 wissenschaftlich begleiteten Schneedepots zwischen 11,5 und 32,5 Prozent. Die Temperatur ist kein so grosser Faktor. Entscheidend bleibt die Qualität der Isolierung. Es dürfen sich keine Spalten auftun, der Schnee muss stets unter einer geschlossenen Isolationsschicht liegen, auch wenn er sich mit der Zeit durch die Setzung verformt. «Man isoliert die Kälte vor der Wärme», sagt Fabian Wolfensperger. Wichtig für einen möglichst tiefen Verlust ist eine Minimierung der Fläche zum Volumen, um die Oberfläche zu verringern. Deshalb sollen die Haufen idealerweise in Form einer Halbkugel angelegt werden. Auch sind drei grössere Schneedepots besser als sechs kleine.
«Wenn der Schnee gut geschützt wird, spielt es auch keine grosse Rolle, wie viel Schatten der Lagerplatz bietet. In Livigno beispielsweise ist er unten im Tal gelagert – an einem Ort, der im Sommer praktisch uneingeschränkt der Sonne ausgesetzt ist», erklärt Fabian Wolfensperger. «Und es funktioniert gut.» Allerdings ergibt ein extrem trockenes Klima über längere Phasen grundsätzlich einen grösseren Schneeverlust, vor allem bei der Isolierung durch Holz, weil dieses mit der Zeit austrocknet.
Welche Gefahren gibt es für den Schnee?
Der Worst Case bleibt die Bildung von grösseren Lücken in der Isolation – beispielsweise nach Unwettern. Ein grosses Risiko birgt auch der Wassereintrag, wenn insbesondere Wasser am Boden in den Schnee gelangt oder sich nach heftigen Regenfällen Wasserpfützen auf dem Schneedepot bilden. Diese haben einen sehr negativen Einfluss auf den darunter liegenden Schnee, weil das Wasser rund neunmal mehr Sonnenenergie aufnimmt als die Schutzabdeckung und dadurch viel Wärme speichert. Zudem zieht Wasser auch Dreck in den Schnee rein.
Was ist beim Auslegen des Schnees im Herbst zu beachten?
Hier ergeben sich verschiedene logistische Herausforderungen. Sind die Temperaturen zu warm, lässt sich der Schnee nicht gut präparieren. Auch die Verfügbarkeit von Helfern und Maschinen muss koordiniert werden. Es gibt viele Beispiele, bei denen die Verteilung des Schnees unterbrochen werden musste, weil die Geräte im Schnee einsackten. So musste vor zwei Jahren die Loipenpräparation in Livigno für eine Woche unterbrochen werden.
Auch die Frage nach dem Zeitpunkt, wann das Angebot für den – zuvor beworbenen – Tourismus verfügbar sein soll, entscheidet über den Zeitpunkt der Schneepräparation. Bisweilen nutzt aber alles Timing nichts. Im vergangenen Jahr wurde die Langlauf-Loipe im Schwarzwald am 1. Dezember eröffnet und wegen de
Welche Herausforderungen ergeben sich für das Snowfarming sonst noch?
Eine Herausforderung kann auch der Ort der Schneelagerung sein. Es wird relativ viel Platz benötigt, der mehreren Kriterien entsprechen muss. Gehört das Land einem Landwirt, dem Staat oder dem Anlagenbetreiber? Beim Snowfarming für den Ski-Weltcup in Adelboden opponierten Naturschutzorganisationen juristisch gegen den Standort des Schneedepots. Eine wissenschaftliche Studie von 2023 wies beträchtliche ökologische Schäden an der unter dem Schnee liegenden Flora aus.
Ein Faktor ist auch der Untergrund des Schneedepots. Feuchtigkeitseinfluss sowohl von oben wie von unten führt zu einer Verschmutzung des Schnees. Problematisch betreffend Abfluss von Wasser sind vor allem Depots in Mulden.
Welche Rolle spielt Swiss Ski?
In vielen Beispielen von Snowfarming deckt das Schneedepot mehrere Ansprüche ab – Tourismus, Leistungstraining und Wettkampf. Die in den nächsten Tagen eröffnende Loipe im Flüelatal ist bestes Beispiel dafür. Sie dient den Trainings des nationalen Langlauf-Kaders in Davos, dem Tourismus und auch den Weltcuprennen im Dezember.
Entsprechend ist Swiss Ski bei verschiedenen Schneedepots in der Schweiz direkt involviert. Finanziert werden solche Projekte auch aus dem Nationalen Sportanlagenkonzept (Nasak). Im Ski alpin findet sich solches Snowfarming in Kooperation mit dem Skiverband in Saas Fee (Längfluh), auf der Diavolezza, in Adelboden und am Titlis. Im Bereich Nordisch sind es Davos und Lenzerheide und im Bereich Freestyle am Schilthorn und am Corvatsch.
Welche Öko-Bilanz hat diese Art von Pistenpräparation?
Hauptkostentreiber beim Snowfarming sind der Transport und die Verteilung des Schnees im Herbst. Deshalb empfiehlt Fabian Wolfensperger strategisch platzierte Lagerstätten mit kurzen Transportwegen zum Einsatzgebiet.
Fabian Wolfensperger sagt, man dürfe die ökologische Bilanz nicht ausblenden. Snowfarming führt zu einem erhöhten Ressourcenaufwand. Im Vergleich zu einem Trainingslager in Südamerika schneidet die Öko-Bilanz der Schneelagerung in den heimischen Bergen auf jeden Fall besser ab. Wolfensperger sagt aber auch, dass die Produktion von Kunstschnee eine Energieleistung von 1 bis 3 Kilowattstunden pro Kubikmeter benötigt, das Snowfarming hingegen 3 bis 6 Kilowattstunden. Eine konkrete Aussage zur Öko-Bilanz sei aber schwierig, weil es für jedes einzelne Depot standortabhängig sei.
In Zukunft wird in Bezug auf Snowfarming vor allem die Verfügbarkeit des Wassers zum Thema. Kritisch ist es vor allem dort, wo das Wasser aus kleineren Bächen entnommen wird, und in generell wasserarmen Umgebungen. Und bei einer sommerlichen Wasserknappheit dürfte sich die Frage, wer wann Anrecht auf Wasser aus Speicherseen hat, zukünftig noch akzentuieren. (schweizheute.ch)

