Wirtschaft
Digital

Hitzebedingter Server-Ausfall bei Schweizer Cloud-Firma Proton

Andy Yen, Chef und Mitgründer von Proton.
Andy Yen ist das öffentliche Gesicht des Unternehmens – und kommuniziert transparent zu einer folgenschweren Panne.Bild: PD

Hitzebedingter Server-Kollaps bei Schweizer Firma Proton – das wissen wir

In der Nacht auf Donnerstag legte ein Kühlungs-Ausfall in einem Frankfurter Rechenzentrum die Proton-Dienste lahm. Der Chef informierte daraufhin offen über das Drama hinter dem «globalen Ausfall».
27.08.2026, 10:2227.08.2026, 12:19

Proton-Chef Andy Yen hat sich auf der Social-Media-Plattform X und bei Reddit zu einem schweren Vorfall geäussert. Demnach stieg in einem Rechenzentrum in Frankfurt am Main die Raumtemperatur kurzfristig auf bis zu 60 Grad Celsius an und drohte die Server-Hardware zu zerstören.

Hier sind die wichtigsten Informationen und bislang bekannten technischen Hintergründe.

Was ist passiert?

In der Nacht auf Donnerstag, kurz nach Mitternacht, mussten in einem Rechenzentrum in Frankfurt am Main die Proton-Server notfallmässig heruntergefahren werden. In der Folge standen die Cloud-Dienste des Schweizer Unternehmens während geraumer Zeit nicht zur Verfügung.

Auf der Status-Webseite des Unternehmens wurde als Ursache ein kritischer Ausfall der Kühlung («Critical Cooling Failure») angegeben. Der Totalausfall des redundanten Kühlsystems liess gemäss Andy Yen die Lufttemperatur in der Anlage rapide auf 50 bis 60 Grad ansteigen.

Auf der X-Plattform kommentierte er:

«Es ist wirklich beängstigend, wie schnell die Temperaturen in einem Rechenzentrum mit hoher Leistungsaufnahme steigen können, wenn die Kühlung komplett ausfällt. Der Ausgangswert liegt bei 30 °C, der Höchstwert bei 60 °C. Das entspricht einem Temperaturanstieg von 30 °C in etwa 20 Minuten.»
Tweet von Andy Yen am 27. August 2026 zum Server-Ausfall wegen drohender Überhitzung.
Screenshot: x.com

Die Hitze nahm derart extreme Ausmasse an, dass das technische Personal vor Ort den Serverraum nicht mehr betreten konnte, ohne die Gesundheit zu gefährden.

Yen betonte, dass eine Temperatur von 60 Grad ausreichen würde, um millionenschwere Server-Schränke mit ihren leistungsstarken Prozessoren zu zerstören – die Folgen wären vergleichbar mit denen eines tatsächlichen Brandes.

CEO ist überraschend ehrlich

Die vollständige Wiederherstellung der Dienste dauerte über eine Stunde – laut Andy Yen viel zu lang.

Als ein User auf X die Reaktionszeit der Proton-Techniker lobte, widersprach der Proton-Chef: «Um ehrlich zu sein, das war es nicht.» Er räumte ein, dass die Panne hätte schneller behoben müssen. So habe man die den Kunden vertraglich zugesicherten Verfügbarkeiten deutlich verfehlt.

«So we fucked up, and will do better.»
Andy Yen

Was war mit dem Backup?

Ein Backup-Rechenzentrum stand bereit, aber das automatische Umschalten – «Failover» genannt – erfolgte nicht. Der Proton-Chef liefert die Erklärung: Da die Hitze die Server nicht alle gleichzeitig, sondern nacheinander und zufällig in die Notabschaltung zwang, hätten die Überwachungssysteme nur ein «teilweise totes» Rechenzentrum gemeldet.

«Wir haben auf ein Backup umgeschaltet, aber es hat länger gedauert als üblich. Das Rechenzentrum war nur teilweise ausgefallen, sodass unsere Systeme nicht entscheiden konnten, ob es ausgefallen war oder nicht. Die Entscheidung musste von Menschen getroffen werden, doch diese waren zunächst damit beschäftigt, die Kühlung wieder in Gang zu bringen, bevor unsere Server dauerhaft beschädigt wurden.»
Andy Yenquelle: x.com

Die Techniker vor Ort waren also im Dilemma und mussten letztlich die Systeme notabschalten, um die teure Hardware (CPUs und GPUs) vor dem «Hitzetod» zu bewahren.

Warum war Proton nicht besser vorbereitet?

«Murphys Gesetz hat zugeschlagen.»

Andy Yen gibt unumwunden zu, dass Proton dieses spezifische Ausfallszenario zwar auf dem Radar hatte. Wegen der als äusserst gering eingeschätzten Eintrittswahrscheinlichkeit seien entsprechende Gegenmassnahmen jedoch nicht priorisiert worden. «Murphys Gesetz hat zugeschlagen», resümierte der Proton-Chef. Man arbeite nun unter Hochdruck an Anpassungen, um eine Wiederholung auszuschliessen.

«Wir haben es vermasselt und werden es künftig besser machen», gelobt der Proton-Chef. Und hat aber auch noch einen Profi-Tipp für die User parat: Die Browser-Erweiterungen sowie die Desktop- und Mobile-Apps von Proton verfügten über einen Offline-Modus. Wer diesen nutzt, habe auch bei netzwerkseitigen Totalausfällen weiterhin Zugriff auf die bereits lokal synchronisierten E-Mails und Daten.

Proton legt grössten Wert darauf, keine Drittanbieter-Clouds (wie Amazon Web Services oder Microsoft Azure) zu nutzen. Das Unternehmen besitzt gemäss eigenen Angaben die gesamte Server-Infrastruktur, die Festplatten und die Netzwerk-Hardware wie Router und Switches. Hingegen betreibt das Unternehmen in der Schweiz, Deutschland und Norwegen keine eigenen Rechenzentren, sondern mietet bei spezialisierten Rechenzentrums-Betreibern abgesicherte Räume. Dort liegt auch die Verantwortung für die Kühlung und Stromversorgung solcher «Colocation»-Anlagen.

Wie geht es weiter?

Auf der Status-Webseite zu den Proton-Diensten hat das Unternehmen angekündigt, einen detaillierten «Post-Mortem»-Bericht zu veröffentlichen, sobald die Aufräumarbeiten nach dem Vorfall vollständig abgeschlossen seien.

Update: Auf Anfrage erklärte Proton am Donnerstag:

«Verantwortlich war ein externer Drittanbieter, den wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht namentlich nennen möchten. Wir haben jedoch bereits entsprechende Massnahmen ergriffen, um ein erneutes Auftreten eines solchen Vorfalls zu verhindern.»
Martina Dach, Mediensprecherin, Proton AG

Die weltweit bekannten Proton-Dienste, allen voran das mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützte Cloud-Webmail, werden von der Proton AG betrieben. Deren Hauptaktionärin ist die gemeinnützige Proton Foundation in Genf.

Alles Cloud oder was?

On-Premise-Infrastruktur (oft auch «on prem» oder «On-premises IT» genannt) meint Hardware und Software, die von einem Unternehmen selbst betrieben wird, respektive im eigenen Rechenzentrum läuft. Die Server befinden sich auf Gelände im eigenen Verantwortungsbereich und werden von eigenem Personal gewartet.

Hingegen bieten Hyperscaler wie Amazon Web Services (AWS) oder Microsoft ihre massive Infrastruktur als Public-Cloud-Dienste an, die für jeden zugänglich sind. Dazu betreiben sie weltweit verteilt Rechenzentren (mitsamt eigenen Datennetzen). Gegen Bezahlung können sich Dritte einmieten und je nach Bedarf Server-Leistung sowie Speicherplatz und Softwarepakete beziehen.

Eine Private Cloud kombiniert die Vorteile einer Public Cloud mit der Sicherheit und Kontrollierbarkeit der Infrastruktur vor Ort. Die Software kann innerhalb des eigenen Rechenzentrums eines Unternehmens, in einer Dritteinrichtung oder über einen Private-Cloud-Anbieter «gehostet», also dort betrieben werden.

Colocation (auch Server Housing genannt) bedeutet, dass ein Unternehmen seine eigenen Server in einem externen Rechenzentrum auf einer angemieteten Fläche betreibt. Strom, Kühlung, Netzwerk und physische Sicherheit gibt es durch den Vertragspartner, für die Server-Hardware ist man aber selbst verantwortlich.

Editorial Bild
bild: www.imago-images.de

Quellen

    DANKE FÜR DIE ♥
    Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
    (Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
    5 CHF
    15 CHF
    25 CHF
    Anderer
    Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
    Wie die Techkonzerne das Internet kaputtmachen
    1 / 16
    Wie die Techkonzerne das Internet kaputtmachen

    Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mag sich als Nerd verkleiden, doch das ändert nichts daran, dass der Techmilliardär ein Totengräber des freien Internets ist. In diesem Beitrag erfährst du, warum jede neue Plattform für uns User im Desaster endet...

    quelle: keystone / nic coury
    Auf Facebook teilenAuf X teilen
    ZDF-Journalist zeigt Alice Weidel ihre eigene Scheinheiligkeit auf
    Video: watson
    Das könnte dich auch noch interessieren:
    Mehrere tausend Autos betroffen: VW bereitet Rückruf wegen fehlerhafter Batteriezellen vor
    Wenige Wochen nach einem Millionenrückruf wegen einer fehlerhaften Schraube bereitet der Autobauer VW eine weitere Rückrufaktion in Deutschland vor. Betroffen seien einige Tausend Fahrzeuge, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.
    Zur Story