Wirtschaft
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WhatsApp-Deal: Der Wahnsinn hat Methode

Facebook, Google, Apple & Co. kaufen alles auf, was sich bewegt und sichern sich so ihre Monopolmacht. So entsteht eine «Gewinner-nehmen-alles»-Wirtschaft. 



Die WhatsApp-Übernahme durch Facebook ist der bisher spektakulärste Deal in einem Jahr, das alle Rekorde zu sprengen verspricht. Allein in den ersten zwei Monaten 2014 haben Facebook, Google, Apple & Co. für rund 50 Milliarden Dollar eingekauft. Auf den ersten Blick erinnert dies an die verrückte Zeit des Dotcom-Booms der 1990er Jahre. Damals wurden Firmen übernommen, die Tierfutter, Spielzeuge und Flugzeugtickets über das Internet verkauften. 

Rational war das nicht zu begreifen. Die Start-ups hatten ausser riesigen Verlusten und dem Kürzel .com wenig zu bieten. Trotzdem wurden Milliarden hingeblättert. All dies schien verrückt zu sein – und war es auch. Beim Platzen der Dotcom-Blase 2002 gingen die meisten dieser zuvor gehypten Start-ups Pleite. 

Was mit WhatsApp und Facebook abgeht, scheint der gleichen irren Logik zu folgen. Ein Unternehmen, das es knapp zehn Jahre gibt und rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt, übernimmt ein Start-up mit rund 50 Mitarbeitern für 19 Milliarden Dollar. Doch der Wahnsinn hat Methode. Dahinter steckt die Logik der neuen digitalen Wirtschaft. Was es mit dieser Logik auf sich hat, beschreiben Eriks Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Ökonomen am Massachusetts Institute of Technology (MIT), in ihrem soeben erschienen Buch «The Second Machine Age». 

«Die Ökonomie der Massenfertigung wird ausser Kraft gesetzt.»

Der Übergang von der analogen zur digitalen Wirtschaft stellt vieles, das bisher selbstverständlich war, in Frage. In der digitalen Wirtschaft fallen Transport- und Materialkosten weg, und die Skalenökonomie der Massenfertigung wird ausser Kraft gesetzt – es ist nicht mehr nötig, möglichst grosse Massen herzustellen, damit das Produkt billig wird – und es entstehen völlig neue Geschäftsmodelle. Dazu braucht es drei Voraussetzungen: 

Bei Musik, Film und Medien sind diese Bedingungen bereits erfüllt. Die analogen Träger verschwinden, die Inhalte werden gestreamt und auf Laptops, Tablets und Smartphones konsumiert. Wenn die materiellen Kosten verschwinden, dann geschehen merkwürdige Dinge. Albert Einstein soll einmal gesagt haben: «Schwarze Löcher sind entstanden, weil Gott durch Null dividiert und damit die Gesetze der Physik ausser Kraft gesetzt hat.» Etwas Ähnliches passiert in der Wirtschaft, wenn das Gesetz der Grenzkosten nicht mehr gilt. 

Albert Einstein. Bild: AP

«Schwarze Löcher sind entstanden, weil Gott durch Null dividiert und damit die Gesetze der Physik ausser Kraft gesetzt hat.»

Exemplarisch kann man das am Schicksal von Kodak aufzeigen. In der analogen Wirtschaft war Kodak der führende Player im Fotogeschäft. Das – im übrigen vorbildlich sozial geführte Unternehmen – beschäftigte einst weltweit über 140'000 Mitarbeiter und war für das Wohlergehen der Kleinstadt Rochester im Bundesstaat New York verantwortlich. 

Obwohl so viele Fotos geschossen werden wie noch nie, gibt es das Unternehmen nicht mehr. Die Menschen benutzen digitale Kameras, die Bilder werden nicht mehr auf Fotopapier ausgedruckt oder auf Dias gespeichert. Fotografieren kennt keine Grenzkosten mehr und ist damit praktisch gratis geworden. 

Im digitalen Zeitalter ist Kodak ersetzt worden durch Instagram, ein Start-up, das vor ein paar Jahren für eine Milliarde Dollar ebenfalls von Facebook gekauft worden ist. Instagram stellt eine Software zur Verfügung, mit der man im Internet problemlos Bilder tauschen kann. Zum Zeitpunkt, als das Unternehmen von Facebook übernommen wurde, beschäftigte es gerade mal knapp ein Dutzend Mitarbeiter. 

In der analogen Wirtschaft war Kodak der führende Player im Fotogeschäft.  Bild: AP

«Der technische Fortschritt, speziell im digitalen Bereich, führt zu einer historisch einmaligen Umverteilung von Vermögen und Einkommen.»

Beim Übergang von analog zu digital ändert sich nicht nur die Technik. Es entsteht eine völlig andere Wirtschaftsordnung. Sie wird «Gewinner-nehmen-alles»-Wirtschaft genannt. Was dies bedeutet, beschreiben Brynjolfsson und McAfee wie folgt: «Es wird mehr Wohlstand mit weniger Arbeit geschaffen. Im derzeit bestehenden Wirtschaftssystem hat dieser Effekt gewaltige Effekte auf die Verteilung von Einkommen und Wohlstand. (...) Der technische Fortschritt, speziell im digitalen Bereich, führt damit zu einer historisch einmaligen Umverteilung von Vermögen und Einkommen.» 

Es sind somit nicht nur Abzocker, Banker-Boni und überrissene Managerlöhne, die dazu führen, dass sich die Einkommensschere immer weiter öffnet. Es sind vor allem die Folgen des technischen Fortschritts im bestehenden Wirtschaftssystem. Nochmals: Kodak hat einst mehr als 140'000 Mitarbeitern anständige Löhne bezahlt und damit geholfen, einen gesunden Mittelstand in Arbeit und Brot zu erhalten. Instagram hat dafür gesorgt, dass es im Silicon Valley ein paar Milliardäre mehr gibt.

«Kodak hat einst mehr als 140'000 Mitarbeitern Arbeit und Brot gegeben. Instagram hat dafür gesorgt, dass es im Silicon Valley ein paar Milliardäre mehr gibt.»

Die neuen IT-Milliardäre setzen alles daran, ihre Stellung zu sichern und kaufen alles, was sich bewegt. Dabei kann es gelegentlich zu Revierkämpfen kommen. Anscheinend war auch Google an einer Übernahme von WhatsApp interessiert, soll aber bloss zehn Milliarden geboten haben. Doch es zeichnet sich ab, dass im Silicon Valley neue Titanen heranwachsen, die den IT-Kuchen unter sich aufteilen werden.

Jaron Lanier, ein Pionier der virtuellen Realitätsszene, spricht in seinem Buch «Wem gehört die Zukunft?» von «Sirenen-Servern», die sich immer mehr zu Monopolisten entwickeln (siehe Interview mit watson). Was verheerend dabei ist: Sobald diese Monopole einmal gesichert sind, wird sich auch der technische Fortschritt verlangsamen, denn ein solcher Fortschritt könnte die Macht der neuen Titanen gefährden. Oder glauben Sie, dass Microsoft je etwas unternehmen wird, das seine de facto Monopolstellung bei den Betriebssystemen in Frage stellen könnte?  

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    Alle Leser-Kommentare
  • schnilzer 07.03.2014 18:44
    Highlight Highlight Hmmm erscheint watson auch auf Papier? So als richtiges Printmedium?
    Oder wird es dann irgendwann an Facebook verkauft? Soll man online Zeitungen boykottieren? Ich mein wegen den arbeitslosen Druckern....Denk doch mal drüber nach...Grüsse
  • Mike Schwede 23.02.2014 00:00
    Highlight Highlight Falsch gedacht - im Gegenteil.
    1. Vom Zentralismus zu Pear-to-Pear: Früher hatte derjenige Macht, der über die Rohstoffe, Herstellung und Verteilung der Waren die Macht hatte. Die Musikindustrie ist da ein gutes Beispiel. Wenige Konzerne, haben entschieden, was wir zu hören hatten und die gesamte Wertschöpfungskette kontrolliert. Und der Künstler hat den kleinsten Teil vom Geld erhalten, das wir bezahlt haben. Alles war in Stein gemeiselt und Konzerne haben sich während Jahrzehnten, Jahrhunderten an der Macht gehalten. Heute kann jeder Künstler, unabhängig von ein paar Konzernen, Zielgruppen erreichen und auch Geld verdienen.

    2. Schnellere Machtverschiebungen
    Wird Facebook in 10 Jahren noch relevant für uns sein? Nein. War es vor zehn Jahren? Nein. In der digitalen Wirtschaft kommt es schneller zum Wechsel als man meint.

    3. Aber: Arbeitsplätze werden weniger
    Natürlich fallen durch die digitale Wirtschaft mehr Arbeitsplätze weg, als geschaffen werden. Politiker, die das Gegenteil behaupten lügen oder sind naiv. Umgekehrt ist es aber eine schöne Entwicklung: Wir müssen für unseren Wohlstand weniger arbeiten, nicht mehr alle müssen arbeiten. Wir können den Wohlstand einfach nicht mehr klassisch über Lohn verteilen. Grundeinkommen? Vielleicht eine Lösung.
    • adrian_ulrich 23.02.2014 20:43
      Highlight Highlight Pear to Pear? Also birne zu birne? Du meinst vermutlich peer to peer..
  • Beasial 22.02.2014 20:59
    Highlight Highlight Es funktioniert nach dem Kauf nichts mehr.. das finde ich sehr doof
  • papparazzi 22.02.2014 19:34
    Highlight Highlight Mir macht neben den wilden Aufkäufen um den Fortschritt kontrollieren zu können auch der Datenschutz ganz grosse Sorgen.

    Haben Sie eine Ahnung wie viele Schweizer die Whats App brauchen und dementsprechend auch Ihre Daten und Telefonnummern angegeben haben? Und wie ist das jetzt mit dem Gesetzt für Datenschutz? Gilt nicht das Gesetz vom jeweiligen Standort des Servers? Also der facebook server steht ganz bestimmt nicht in der Schweiz... aber die NASA ist immer noch in Amerika... ut (dp)

    Bleibt nur zu hoffen, dass nach Whats App die watson nicht aufgekauft wird:-)
  • Adiii 22.02.2014 17:01
    Highlight Highlight Hier werden zwei Themen vermischt. Kodak hat lieber geschlafen, statt das System auf den Kopf zu stellen... Instagram und WhatsApp haben ihren Erfolg verdient. Dass es in der virtuellen Welt weniger Arbeiter braucht, um etwas zu machen, gibt die Möglichkeit, mehr zu machen. Das gewisse für ihre Arbeit viel zu viel Geld "verdienen", ist ein ganz anderes Problem.
  • Pius Baumeler 22.02.2014 16:40
    Highlight Highlight Guter Artikel. Ich frage mich seit Jahren, was ich dagegen tun kann. Wenn ich solche Firmen boykottiere, schneide ich mir vielleicht selbst ins Fleisch. Ich habe schon immer auf Microsoft und Facebook verzichten können.
    Also setzte ich auf Ethik und bin der Meinung, dass Kinder die eingeschult werden in Ethik Unterricht werden sollten.
  • minimal i 22.02.2014 15:39
    Highlight Highlight Darum lese ich diesen Artikel mit einen Firefox OS Knochen von Geeksphone und trinke ein Appenzeller Bier dazu
    Prost und weiter so an watson
  • Robaha 22.02.2014 12:57
    Highlight Highlight Dann sollte man ein gewisses ABBA Lied hören.
  • Romeo 22.02.2014 09:21
    Highlight Highlight @ Philipp Löpfe: sehr interessanter Artikel. Weiter so.
  • Biene Maja 22.02.2014 08:30
    Highlight Highlight Gut geschriebener und sauber recherchierter Beitrag mit hoher Relevanz und unbestreitbarer Aktualität. Bravo! Wünsche mir mehr solcher Beiträge, denn damit, liebes Watson-Team, könnt ihr euch von der Online-Konkurrenz abheben.

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