Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Analyse

Der neue Nationalismus in Europa ist beides: gefährlich und lächerlich

UKIP-Anführer Nigel Farage am Sonntag in London. Bild: AFP

Die Stimmung unter den europäischen Nationen ist mies. Wenn sie nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken wollen, müssen sie sich zusammenraufen.

Michail Schischkin, einer der führenden russischen Gegenwartsautoren, hat in der NZZ zu Europa Folgendes geschrieben: «Das Gefühl Europas als gemeinsames europäisches Haus, über das sich seine Erbauer, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, freuten, hat sich mit der Zeit aufgelöst. Das passiert mit jedem grossen Neubau. Nach der gemeinsamen ‹house warming party› verlernen es seine Bewohner allmählich, die Gemeinsamkeiten zu spüren. Alltagsprobleme und andere Wirren verhindern ein Leben in guter Nachbarschaft und trennen diejenigen voneinander, die nebeneinander wohnen. Denn was kann man schon von Nachbarn erwarten? Der eine verschmutzt den Eingang, der andere lärmt in der Nacht, der dritte zahlt die Miete nicht, und wieder ein anderer versucht mit solcher Beflissenheit die allgemeine Ordnung herzustellen, dass er allen auf die Nerven geht.»

Die Vorstellung eines Europas, in dem man gut nachbarschaftlich miteinander lebt, in dem man sich über den Gartenzaun freundlich grüsst, sich gegenseitig gelegentlich Milch und Eier borgt und in Ferienzeiten die Katze füttert, ist zwar weit verbreitet, aber sie ist gescheitert. Europa funktioniert ganz einfach nicht so. 

Wirtschaftskrise, Staatsschulden, Angst vor Überfremdung und politische Unfähigkeit haben einmal mehr dazu geführt, dass die Stimmung unter den Nachbarn auf dem alten Kontinent mies geworden ist.

Das lehrt uns die Geschichte, und das zeigt uns die Gegenwart. Wirtschaftskrise, Staatsschulden, Angst vor Überfremdung und politische Unfähigkeit haben einmal mehr dazu geführt, dass die Stimmung unter den Nachbarn auf dem alten Kontinent mies geworden ist. Ist daher eine neue Welle des Nationalismus unabwendbar geworden?

Die vernünftige Seite des Nationalismus

Nationalismus wird zu Recht als grosse Gefahr für Wohlstand und Freiheit der Menschen gesehen, doch Nationalismus ist nicht einfach nur ein Gift, das von teuflischen Menschen mit bösen Absichten verspritzt wird. Der Nationalstaat hat auch eine wichtige Funktion. Er ist der Retter in letzter Instanz in Zeiten von Wirtschaftskrisen. 

Alters- und Arbeitslosenversicherungen, aber auch Gesundheits- und Sozialwesen sind national organisiert. Wenn sich die Menschen in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Grossen Depression hilfesuchend an den Staat wenden, dann hat das einleuchtende Gründe. Von der Wirtschaft haben sie nichts zu erwarten. Sie steht unter dem Diktat multinationaler Konzerne, die auf der Jagd nach immer happigeren Gewinnen Löhne drücken und Arbeitsplätze rationalisieren. 

Deshalb hat der Nationalismus auch eine sehr rationale Seite. Die Leistungen der einzelnen Nationalstaaten unterscheiden sich jedoch zum Teil stark. 

Trotz EU ist auch in Europa der Nationalstaat nach wie vor der Retter in letzter Instanz in Zeiten sozialer Not. Deshalb hat der Nationalismus auch eine sehr rationale Seite. Die Leistungen der einzelnen Nationalstaaten unterscheiden sich jedoch zum Teil stark. Franzosen gehen früher in Rente als Deutsche. Dänen und Schweden haben längeren Mutterschaftsurlaub als Österreicher und Italiener etc. Das schürt Neid uns Missgunst. 

Eine Harmonisierung dieser Leistungen ist daher eine Grundvoraussetzung zur Verhinderung nationalistischer Gefühle. Solange die Nordeuropäer von der Angst besessen sind, dass sie ein angebliches Faulenzerleben der Südeuropäer mitfinanzieren müssen, bleibt die Stimmung in der europäischen Nachbarschaft angespannt. 

Die irrationale Seite des Nationalismus

Die Bewältigung der rationalen Probleme allein reicht nicht. Wie die Religion hat auch der Nationalismus eine irrationale Seite. Er zapft die Ängste der Menschen an und verbindet sie mit ihren Allmachtsfantasien, eine brisante Mischung. Wie religiöse Fundamentalisten werden Nationalisten so zu Heilsverkündern mit simplen Rezepten.

Solange die Nordeuropäer von der Angst besessen sind, dass sie ein angebliches Faulenzerleben der Südeuropäer mitfinanzieren müssen, bleibt die Stimmung in der europäischen Nachbarschaft angespannt.

Bei religiösen Fanatikern lässt sich dabei ein an sich groteskes Phänomen feststellen: Gerade weil sie die Einmaligkeit ihres Glaubens herausstreichen, sind sie einander so ähnlich. Der französische Religionssoziologe Olivier Roy stellt daher fest, dass die eigentliche Trennlinie nicht zwischen den verschiedenen Religionen verläuft, sondern zwischen Fundamentalisten und Modernen. 

Folgendes Beispiel soll diese These untermauern. «In Frankreich haben sich ein Bischof, ein evangelikaler Pfarrer, ein Rabbi und ein Imam in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Schwulen-Ehe ausgesprochen», sagt Roy. «Wir haben neuerdings auch islamische Fundamentalisten, die sich wie christliche Fundamentalisten gegen die Evolutionstheorie von Darwin wenden.»



Der internationale Nationalismus ist ein Widerspruch in den Begriffen

Das gleiche Paradox lässt sich bei Nationalisten feststellen: Stets betonen sie die Einmaligkeit ihrer Nation, doch ausgerechnet diese Einmaligkeit ist bei allen sehr ähnlich. Die Reden der Nationalisten, ihre Symbole und ihre Uniformen gleichen sich wie ein Ei den anderen. Es gibt daher so etwas, das in sich selbst ein Widerspruch ist, der «internationale Nationalismus».

Das kann natürlich nicht sein und führt zu teils absurden Auswüchsen: Die englische UKIP will nichts mit dem französischen Front National zu tun haben, dieser wiederum nichts mit der griechischen Faschistenpartei «Goldene Morgenröte», während die «Alternative für Deutschland» sich von allen und jedem distanziert. 

Europa ist nicht mehr der Nabel der Welt

Nebst den inneren Widersprüchen leiden die Nationalisten auch darunter, dass sich die geopolitische Realität gegen sie gewendet hat. Vor dem Ersten Weltkrieg war Europa der Nabel der Welt. Finanzen und Kultur wurden in London, Paris und Wien geregelt. Heute droht Europa der Abstieg in die Zweitklassigkeit. 

Die Nationalisten versuchen zwar krampfhaft, die EU dafür verantwortlich zu machen. Das ist jedoch wenig überzeugend. Brüssel ist nicht daran schuld, dass Frankreich keine «Grande Nation» mehr ist, wie der Front National behauptet. Und selbst wenn England die EU verlassen sollte, wie die UKIP das will, werden die Briten die Weltmeere nicht mehr beherrschen, wie sie es vor dem Ersten Weltkrieg taten. 

Auch hier stossen die europäischen Nationalisten auf ein Paradox: Wenn sie wieder auf der Weltbühne ein entscheidendes Wort mitreden wollen, brauchen sie ein geeintes Europa. In Asien zeichnet sich ebenfalls eine neue nationalistische Welle ab, allerdings mit ungleich viel mehr Potenzial. China und neuerdings auch Indien sind die aufstrebenden Supermächte. Auf sich alleine gestellt haben weder Deutschland noch Frankreich und Grossbritannien dem etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen.

In Asien zeichnet sich ebenfalls eine neue nationalistische Welle ab, allerdings mit ungleich viel mehr Potenzial.

Der Phantomschmerz zweier ehemaliger Weltmächte

Marine Le Pen und Nigel Farage bedienen so gesehen einen Phantomschmerz zweier Nationen in einem Niedergang, der längst besiegelt ist. Der neue Nationalismus in Europa ist daher beides: gefährlich und lächerlich. Gefährlich, weil erneut mit Emotionen gespielt wird, die leicht ausser Kontrolle geraten und dabei sehr viel Unheil anrichten können. Lächerlich, weil er weder auf die wirtschaftlichen noch auf die geopolitischen Herausforderungen der Zukunft eine Lösung bieten kann. 

Ob es uns passt oder nicht, Europa ist zur Einheit verdammt, oder wie Michail Schischkin sich ausdrückt: «Es muss aufhören, sich als Aschenputtel zu fühlen und sollte sich auf seine einheitliche Kraft und Stärke besinnen. Das Europa des 21. Jahrhunderts ist viel zu klein geworden, als dass noch jedes europäische Land seinen eigenen Brei kochen und nur noch an sich selber denken könnte.» 

Das könnte dich auch interessieren:

Fotograf schiesst DAS Foto der Notre-Dame und muss sich nun gegen Fake-Vorwürfe wehren

Link zum Artikel

Das grösste Verdienst von Tesla sind nicht die eigenen Autos

Link zum Artikel

Schluss mit Lügen! So lässt sich die ganze Welt allein mit grüner Energie versorgen

Link zum Artikel

Vergiss Tinder! Hier erfährst du, welches Potenzial deine Fassade hat 😉

Link zum Artikel

17 katastrophale Tinder-Chats, die definitiv niemanden antörnen

Link zum Artikel

Vermisst und wieder aufgetaucht – 9 Fälle von Kindern, die verschwunden waren

Link zum Artikel

Mit diesen 21 Fakten kannst du beim kommenden «Game of Thrones»-Marathon angeben

Link zum Artikel

«SRF Deville» verkündet Pfadi-Putsch in Liechtenstein – diese finden's gar nicht lustig

Link zum Artikel

Brauchen wir einen Green New Deal, um eine Rezession zu vermeiden?

Link zum Artikel

Wie rechte Ideologen den Brand von Notre-Dame für ihre Zwecke instrumentalisieren

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
sentifi.com

Watson_ch Sentifi

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • va bene 28.05.2014 06:31
    Highlight Highlight Beste analyse zu den europäischen rechtspopulisten auf meinem medieneradar. Und das auf watson. Die kritiker des artikels scheinen demarkativ-konservativ vernebelt
  • huntziker 27.05.2014 17:22
    Highlight Highlight der folgende vergleich mag hinken: adolf hitler und die nsdap haben den aus dem niedergang des deutschen kaiserreiches und der österreichischen monarchie resultierten phantomschmerz nach dem 1. weltkrieg bedient. und sie waren auch beides: mörderisch gefährlich und clownhaft lächerlich!
  • jdd2405 27.05.2014 14:38
    Highlight Highlight Worte eines schlechten Verlierers. Herr Löpfe, nach meinen unzähligen Kommentaren zu Ihren Artikeln wissen Sie bestimmt, das wir das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Aber dieser Artikel sprengt wieder mal den Heuschober. Sie verteufeln alles, das nicht Ihrer Ideologie entspricht. Sie schreiben sozialistische Propaganda am Laufmeter und sind nicht in der Lage, zu erkennen, dass Sie den Menschen ihre Identität rauben.
    • phreko 27.05.2014 15:06
      Highlight Highlight Man könnte ja mal als Experiment in ein paar Gemeinden die Verwaltung komplett auflösen und schauen wie die Leute sich Organisieren. Wie die Wasserversorgung, Verkehr, Abfall, Bildung u.s.w. organisiert würde. Wahrscheinlich würde dann ein Grossunternehmen (China) kommen und dies zu horrenden Preisen une miesem Service anbieten..
    • Philipp Löpfe 27.05.2014 15:47
      Highlight Highlight Trotz unzähligen Kommentaren kann ich mir unter jdd2405 nicht allzuviel vorstellen und habe daher keine Ahnung, wessen Heuschober ich angeblich gesprengt haben soll.
    • Joe_1 27.05.2014 17:37
      Highlight Highlight Der Schritt von Identität zu Rasse ist ein ganz kleiner.
      Identität ist etwas ganz persönliches, auf jeden fall nicht das was Blocher uns einzutrichtern versucht
    Weitere Antworten anzeigen

Ja, in der Schweiz gibt es Obdachlose – und so leben sie

Man weiss, es gibt sie, man sieht sie aber kaum: Obdachlose in der Schweiz. Eine neue Studie liefert nun erstmals Anhaltspunkte darüber, wer sie sind, wie sie leben und wie man ihnen am besten helfen kann.

Sie schlafen bei Bahnhöfen, breiten ihre paar Habseligkeiten unter einer Brücke aus und wärmen sich, so gut es geht, vor Ladeneingängen: Gassenarbeiter von Genf bis Zürich sagen alle, es gebe immer mehr Obdachlose in den Schweizer Strassen. Belegen lässt sich das nicht. Die Obdachlosigkeit ist ein statistisches Niemandsland. Keiner weiss, welche Schicksale sich hinter den Personen ohne Wohnung verbergen, wie sie genau leben und wie viele es hierzulande gibt.

Eine Studie der Fachhochschule …

Artikel lesen
Link zum Artikel