China-Schock 2.0: «Der Schweiz kann es ergehen wie Deutschland»
Ich möchte mit einer Frage beginnen, die der «Economist» kürzlich gestellt hat. Sie lautet: «China ist sehr innovativ. Seine Wirtschaft ist in Schwierigkeiten. Was wird sich durchsetzen?» Wie lautet Ihre Antwort?
Chinas Wirtschaft ist tatsächlich gespalten. Technologisch gesehen ist sie sehr innovativ, dynamisch und effektiv.
Und sehr kompetitiv.
Oh ja. Deshalb kann sie ihren globalen Marktanteil auch weiter ausbauen.
Aber?
Derzeit ist die wirtschaftliche Situation ziemlich düster. Das Wachstum hat sich markant verlangsamt, und die Immobilienkrise ist nach wie vor nicht verdaut worden. Auch die Konsumentenstimmung ist alles andere als euphorisch.
Was wird sich also durchsetzen?
Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Dinge noch länger koexistieren können, denn sie sind miteinander verbunden.
In welchem Sinn?
Der chinesische Staat hat beschlossen, der technologischen Entwicklung Priorität einzuräumen und die gesamten Reserven für diesen Bereich aufzuwenden. Das geht auf Kosten der Konsumenten und auf Kosten der Gewinne der Unternehmen.
Heisst das, dass den chinesischen Unternehmen – wie den japanischen in den 80er-Jahren – Marktanteile wichtiger sind als der Gewinn?
Es geht weniger darum, was die Unternehmen sich wünschen, sondern darum, was die Regierung will. Es trifft tatsächlich zu, dass die global erfolgreichen chinesischen Unternehmen ihren Marktanteil ausweiten können, aber gleichzeitig ihre Gewinnmarge sinkt.
Wie geht diese Rechnung betriebswirtschaftlich auf?
Die Regierung sorgt für günstige Kredite. Deshalb produzieren chinesische Unternehmen auch massive Überkapazitäten. Das wiederum führt zu Preiskriegen.
Es hat aber auch dazu geführt, dass China zum führenden Hersteller von Elektroautos, Batterien und Solarpanels geworden ist. Warum profitieren wir nicht davon, indem wir mit billigen, aber technisch hochwertigen Produkten unsere Wirtschaft ökologisch umbauen?
In der Schweiz wäre das vielleicht möglich. Aber stellen Sie sich den deutschen mittelständischen Unternehmer vor, der seinen Angestellten erklärt: Sorry, ich muss euch entlassen, denn die chinesischen Produkte sind gut und billig. Oder den deutschen Politiker, der mit den gleichen Worten sagen muss: Sorry, die Arbeitsplätze sind halt weg. Oder die EU-Vertreter, die erklären müssen: Wir haben jetzt eine Null-Emissionen-Wirtschaft, aber auch keine Jobs mehr.
Fairerweise muss hier eingewendet werden, dass die Chinesen wie folgt argumentieren: Wir wollen nicht den ganzen Kuchen haben, sondern nur den Anteil, den die westlichen Unternehmen in China haben. Was ist daran falsch?
Schauen Sie mal, was mit der Autoindustrie in Thailand passiert ist.
Bitte.
In der Hoffnung auf grosse Investitionen hat Thailand seine Grenzen für chinesische Unternehmen geöffnet. Das Resultat ist jetzt, dass es massive Überkapazitäten und Preiskriege gibt. Toyota, das einen beachtlichen Marktanteil in Thailand besass, musste sich zurückziehen. Sicher erklären die Chinesen nicht, wir wollen die Autoindustrie anderer Länder zerstören. Aber in der Realität geschieht genau das.
Wie lauten die Lehren aus Thailand für Europa?
BYD & Co. können locker einen Preiskrieg mit VW & Co. anzetteln, der Jahre dauert und die Gewinnmargen gegen null sinken lässt, denn sie können darauf vertrauen, dass sie weiterhin Geld von den chinesischen Staatsbanken erhalten.
Auch Deutschland wird seine Autoindustrie nicht kampflos aufgeben. Bei VW ist das Bundesland Niedersachsen ein bedeutender Aktionär.
Ja, aber die staatliche Unterstützung lässt sich nicht mit derjenigen Chinas vergleichen.
Der Irankrieg ist ein Geschenk des Himmels für die chinesische Autoindustrie. Elektroautos haben gewaltig Auftrieb erhalten.
In dieser Hinsicht ist China tatsächlich ein Gewinner des Irankrieges. Es zahlt sich nun aus, dass es seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen abgebaut hat und dass es – was Elektroautos und Solarpanels betrifft – nicht wie die EU ständig die Ziele verändert hat. Es lässt sich auch nicht bestreiten, dass China sehr viel dazu beigetragen hat, dass sich Produkte durchgesetzt haben, die weit weniger Emissionen verursachen.
Ist es nicht extrem dumm von den USA, dass sie ihrerseits den ökologischen Umbau der Gesellschaft nicht nur behindern, sondern teilweise gar rückgängig machen wollen?
Es scheint mir tatsächlich nicht sehr intelligent zu sein, zumal es ja nicht nur um Ökologie, sondern auch um technischen Fortschritt geht. Elektroautos sind schlicht besser als Verbrenner. Dazu kommt, dass viele damit verbundene Technologien ebenfalls nicht gefördert werden.
Woran denken Sie konkret?
An die sogenannten Spillover-Effekte. Bessere Batterien, die auch in Drohnen oder in der Robotik eingesetzt werden können. Solar- und Windenergie haben in China auch dazu geführt, dass ein Smart Grid, ein intelligentes Stromnetz, entsteht.
Ist es so gesehen ein Fehler, dass die USA den Import von chinesischen Elektroautos mit hohen Zöllen de facto verhindern?
Nur bedingt. Sie wollen auch vermeiden, dass sie von chinesischen Produkten abhängig werden.
China und die USA liefern sich ein hart umkämpftes Rennen um die Künstliche Intelligenz. Wer wird gewinnen – oder ist das eine dumme Frage?
Es ist keine dumme Frage und alle stellen sie. Die Amerikaner wenden Unsummen auf, um in der Forschung führend zu sein. Die Chinesen gehen pragmatischer vor. Sie fördern die Anwendung von KI. Allerdings müssen wir bedenken: KI ist nicht ein gewöhnliches Industrieprodukt. Ein Auto, ob ein Luxus- oder ein Alltagsauto, befördert Passagiere von A nach B, obwohl das Fahrerlebnis verschieden sein kann. KI ist anders, der Unterschied ist ein Entweder-oder: Höhere Intelligenz kann Probleme lösen, Aufgaben erledigen und sich selbst intelligenter machen. Tiefere Intelligenz kann dies nicht. Daher kann ich mir ein Szenario vorstellen, in dem die Amerikaner grundsätzliche Fortschritte erzielen und den Abstand zu den Chinesen vergrössern.
Der Irankrieg entwickelt sich zunehmend zu einem Desaster für die Amerikaner. Sind die Chinesen auch politisch gesehen die Profiteure?
Die These, wonach China die Macht ist, die für Stabilität auf der Welt sorgt, hat sicherlich Auftrieb gewonnen. Im Gegensatz zur Trump-Regierung hat China keinen einzigen Konflikt vom Zaun gebrochen. Wie weit dies China in die Karten spielt, bleibt abzuwarten. Sicherlich sind die Europäer angewidert vom Verhalten des US-Präsidenten und schätzen die Chinesen als berechenbarer ein. Trotzdem sehen sie das Ungleichgewicht im Handel zwischen Europa und China und zögern, weil es ihnen Angst macht.
Die USA haben nach wie vor weit mehr von dem, was man Soft Power nennt. Will heissen, die amerikanische Kultur steht uns viel näher. Ist das der Grund?
Ich bin Realistin und halte Soft Power für überbewertet. Sollte Soft Power so mächtig sein, dann wäre Kanada das mächtigste Land der Welt. Letztlich ist es nach wie vor die harte Macht – Militär und Wirtschaft –, die ausschlaggebend ist.
Da Sie Kanada erwähnen: Weil Trump Ärger macht, haben die Kanadier die Grenzen für chinesische Importe weit geöffnet. Wie beurteilen Sie das?
Ich halte es für einen Fehler. Wie können Sie chinesische Autos oder chinesische Investitionen zulassen, ohne die chinesische Überproduktion zu vermeiden? Dazu kommt, dass die Gefahr besteht, dass die einheimischen Lieferketten zerstört werden. Chinesische Autohersteller werden auch chinesische Zulieferer bevorteilen. Das Low-Profit-Modell wird sich auf der ganzen Linie durchsetzen und die bestehende einheimische Wirtschaft zerstören.
Und die Löhne sinken lassen.
Dieses Risiko besteht. Zudem kann Kanada im Gegenzug zu den technischen chinesischen Importen nur Rohstoffe anbieten, vor allem Öl. Das scheint mir ein Rezept für einen industriellen Abstieg zu sein.
Die Schweiz hat nach wie vor einen grossen Handelsüberschuss mit China. Können wir es uns deshalb leisten, chinesische Autos zu importieren?
Dank der hochentwickelten Wirtschaft befindet sich die Schweiz in einer privilegierten Situation. Denken Sie etwa an die Robotik oder die Medizinaltechnik, die weltweit führend sind.
Es stellt sich jedoch die Frage, wie lange die Schweiz diese privilegierte Position verteidigen kann.
Ich befürchte, es könnte den Schweizern ergehen wie den Deutschen. Vor zehn Jahren haben sich die Deutschen den Chinesen weit überlegen gefühlt. Jetzt sind sie etwa bei den Elektroautos von ihnen überholt worden. Die Schweiz muss sich daher anstrengen, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleidet. Zudem sehe ich eine indirekte Gefahr.
Was meinen Sie damit?
Europa ist ein bedeutender Handelspartner für die Schweiz. Es erleidet derzeit den China-Schock 2.0. Seine Wirtschaft gerät ins Hintertreffen. Das wird auch die Schweiz zu spüren bekommen.
Will China die alleinige Wirtschaftssupermacht der Welt werden?
Präsident Xi Jinping hat 2024 ausdrücklich erklärt, China wolle vom Rest der Welt wirtschaftlich weniger abhängig sein, und gleichzeitig solle der grosse chinesische Markt die anderen Länder von China abhängiger machen.
Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Kann China diese Ziele auch erreichen, wenn es in so tiefen wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt?
Durchaus. Die Uno sagt voraus, dass China bereits im Jahr 2030 rund 45 Prozent der weltweiten Industrieproduktion beherrschen wird. Derzeit sind es rund 35 Prozent.
Sind die aktuellen wirtschaftlichen Probleme Chinas somit bloss ein temporäres Phänomen?
Ich sehe das anders. Eine Volkswirtschaft kann viele Schwächen haben und trotzdem global dominierend sein. Das kann man auch in den USA sehen. Ein Teil der amerikanischen Wirtschaft ist extrem innovativ, aber die Inflation ist nicht besiegt und die Reichtumsschere öffnet sich immer weiter. Das trifft auch auf China zu. Seine Wirtschaft kann gleichzeitig innovativ sein – und in Schwierigkeiten stecken.
