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«Le Monde» und «New York Times» streiten über Zensur

«Le Monde» und «New York Times» streiten über Zensur – wer gewinnt den Kampf?

Die Weltblätter «New York Times» und «Le Monde» liefern sich einen Kulturkampf über den Atlantik. Es geht um Cancel Culture und Meinungsfreiheit.
20.02.2021, 13:0220.02.2021, 13:02
Stefan Brändle aus Paris / ch media
ZUR LEGITIMIERUNG DES BURKA-VERBOTS IN FRANKREICH DURCH DEN EUROAEISCHEN GERICHTSHOF FUER MENSCHENRECHTE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - A niqab clad woman walks with a child ...
Verhüllte Frauen - ein Stein des Anstosses.Bild: EPA

Zwei linksliberale Zeitungen, offen, tolerant und weltläufig. Aber sie können auch anders. Frankreich sei blind für seinen Rassismus und «unfähig, sich einer veränderten Welt anzupassen», schreibt die «New York Times» an die Adresse jenes Landes, «das früher eine Grossmacht war». «Le Monde» kontert, die USA behinderten die Redefreiheit und würden «zerstört» durch die politische Korrektheit und die Cancel Culture. Die NYT bringt keine Karikaturen mehr; und nach der brutalen Ermordung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty titelte sie: «Die französische Polizei schiesst und tötet einen Mann nach einer tödlichen Messerattacke in der Strasse.»

Als die französische Regierung ein hartes Durchgreifen gegen Dschihadisten ankündigte, unterstellte die ­«Financial Times» Präsident Macron, er spalte sein Land mit einer «Kriegserklärung gegen den islamischen Separatismus».

«Washington Post» und «New York Times» behaupteten, Paris grenze mit seinem Kopftuchverbot die muslimische Gemeinschaft als Ganzes aus, damit fördere sie indirekt den Zulauf, den salafistische Moscheen in der Banlieue erlebten. Darauf rief Macron den Medienredaktor der NYT persönlich an und schalt ihn, er legitimiere letztlich die Gewalt gegen Karikaturisten und Lehrer.

Vor einer Woche feuerte die «New York Times» wieder eine Breitseite über den Atlantik. Ihr Pariser Korrespondent Norimitsu Onishi fragt im ­Titel eines langen Beitrags unverhohlen ironisch: «Bedrohen die amerikanischen Ideen etwa die französische ­Kohäsion?» Seine These: Die amerikanischen Rassismus-, MeToo- oder ­Gender-Debatten entlarvten das «französische Einheitsdenken», das keine kulturellen Unterschiede oder Abweichungen von der Norm zulasse.

Französisches Einheitsdenken vs. amerikanisches Kulturcanceln

Der NYT-Korrespondent argumentiert, die US-Gesellschaft lebe von der Vielfalt der Kulturen und der Respektierung ethnischer, sexueller oder anderer Minderheiten; Frankreich dagegen lasse nicht einmal «rassische» Statistiken zu und verschliesse damit die Augen vor seinen gesellschaftlichen Realitäten. Diese Haltung wurzle in Frankreich in einer «langen Geschichte der Negierung des Rassismus, der Kolonialvergangenheit und des Sklavenhandels».

Einen solchen Angriff konnte «Le Monde» nicht stehen lassen: «‹Die New York Times› vergisst zu sagen, dass Frankreich nicht den Antikolonialismus anprangert, sondern dessen Missbräuche.» Die amerikanische Zeitung übergehe «Dutzende von Beispielen der Zensur in den USA, dazu eine galoppierende Selbstzensur sowie die erschreckende Einengung der Wortwahl für Akademiker und Kulturschaffende.» Als Beleg führt «Le Monde» eine Umfrage an, wonach 65 Prozent der Franzosen die Cancel Culture als Gefahr für die Demokratie sehen. Dadurch ermuntert, kommt das Pariser Renommierblatt zum Schluss: «Zum Glück ist Frankreich noch nicht Amerika.»

Ein solcher nationaler Raster erstaunt vonseiten eines betont liberalen Blattes. Dabei bräuchte es nicht viel, um zu verstehen, dass die französische «pensée unique» (Einheitsdenken) ähnliche Folgen zeitigen kann wie das amerikanische Kulturcanceln. Im nordfranzösischen Lille wurde der keineswegs reaktionäre Ex-Präsident François Hollande an einem Universitätsauftritt gehindert, weil er zu wenig soziale Positionen vertrete.

epa05838788 French President Francois Hollande arrives at the European spring summit in Brussels, Belgium, 09 March 2017. European leaders will mainly focus on election of the European Council Preside ...
François HollandeBild: EPA/EPA

In Bordeaux sagte die Fakultät eine Konferenz mit der Philosophin Sylviane Agacinski ab, nachdem die Gattin des ehemaligen sozialistischen Premiers Lionel Jospin ethische Bedenken gegen die Zulassung der künstlichen Befruchtung für lesbische oder andere Frauen geäussert hatte.

Selbstzensur ist einfacher als Selbstkritik

Die Rückzieher mögen durch amerikanische Debatten beeinflusst sein. Aber sie haben französische Urheber und auch sonst etwas sehr Französisches, wie der konservative Politphilosoph Frédéric Mas festhält:

«Das französische Politspiel besteht darin, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, wenn sie das eigene Lager begünstigt; den Konkurrenten verweigert man sie aber.»

So werden die «Charlie»-Karikaturen mit Verweis auf die Meinungsfreiheit oft durch alle Böden verteidigt – abweichende Meinungen zum neuen Gender­diskurs aber mit handfesten Methoden unterbunden. Die Sorbonne musste einen Zyklus zum Thema «Radikalisierung» annullieren, weil der algerische Islamismuskritiker Mohamed Sifaoui – dem Gegner Islamophobie vorwerfen – teilnehmen sollte.

Hinter dieser Absage standen zweifellos eher innerfranzösische Motive als amerikanischer Einfluss. Aber Selbstzensur ist einfacher als Selbstkritik. Indem die «New York Times» den Franzosen den Spiegel vorhält und «Le Monde» umgekehrt den Amerikanern, befolgen die beiden Redaktionen lieber Jean-Paul Sartres Bonmot: Die Hölle, das sind die anderen.

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