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MoneyTalks

Was du über «Meme-Stocks» wissen solltest

Ein neuer Anlagetrend oder reine Spekulation? Wie Kleinanleger die Aktienkurse beeinflussen, was «Meme-Stocks» sind, welche Möglichkeiten sie dir bieten und welche Risiken du kennen solltest.
02.09.2021, 13:48
Olga Miler
Olga Miler
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Kurse von scheinbar hoffnungslosen Aktien rasen auf einmal ohne wirklichen wirtschaftlichen Grund wie eine Rakete Richtung Mond. Getrieben werden die Schwankungen durch KleinanlegerInnen, die sich in sozialen Medien wie Reddit zu sogenannten «Flash-Mobs» zusammenschliessen und über Online-Plattformen wie Robin Hood, e-Toro oder Trade Republic koordiniert Aktien kaufen und verkaufen und so die Kurse beeinflussen.

Was im Januar mit der Gamestop-Aktie zu vielen Schlagzeilen führte, passiert wieder und nicht nur in den USA. Jüngere Beispiele diesen Sommer sind die Aktien der US-Kinokette AMC oder der Hype um windeln.de in Deutschland im Juni.

Social-Trading-Plattformen, auf denen sich NutzerInnen austauschen, um gemeinsam Kaufideen zu entwickeln, gibt es seit Jahren. Mit abnehmenden Handelsgebühren, neuen Apps und mehr Zeit während der Pandemie nimmt die Anzahl der Nutzer rasant zu. So eröffnete auch hier in der Schweiz Swissquote fast 50'000 neue Kundenkonten im ersten Halbjahr.

Bei den Spekulationen in den sozialen Medien geht es neben Gewinnen teilweise auch um Ideologie und einen Diskurs über Marktmacht, z.B. KleinanlegerInnen gegen Hedge-Funds oder inwieweit die Handelsplattformen selbst mitmischen dürfen, indem sie die AnlegerInnen im Sinne des «Risikoschutzes» einschränken, wie es Robin Hood oder Trade Republic taten, als sie den Handel temporär blockierten.

Aus der Bewegung scheint sich auch eine neue Bezeichnung von Aktien, sogenannte «Meme-Stocks», herauszuschälen. Eine Auswertung von Google-Trends zeigt, dass dieser Begriff in den Suchanfragen im Sommer stark zugenommen hat. Hier sind einige Fakten zu Meme-Stocks, wie du sie nutzen kannst und welche Risiken sie bergen.

Wie entsteht der Herdentrieb?

KleinanlegerInnen verabreden sich in Sozialen Medien zum Kauf einer Aktie, um den Kurs in die Höhe zu treiben. Spannend wird es, wenn bei den Aktien gleichzeitig grosse institutionelle Investoren mit Leerverkäufen (Short Selling) auf fallende Kurse gesetzt haben.

Was ist Short-Selling und Short-Squeeze?

Bei Leerverkäufen (short selling) leihen sich z.B. Hedge-Funds Aktien, verkaufen diese an der Börse und hoffen, dass der Kurs sinkt, um dann die gleichen Aktien zu einem tieferen Preis wiederzubeschaffen und dem Verkäufer zurückzugeben.
Die Differenz zwischen dem höheren Verkaufspreis und dem durch den zwischenzeitlich gesunkenen Kurs niedrigeren Einkaufspreis ist der Gewinn. Wenn der Kurs jedoch wider Erwarten, z.B. getrieben durch die Käufe von KleinanlegerInnen, steigt, dann müssen die Leerverkäufer die Aktie zu einem höheren Preis beschaffen, um sie dem Verkäufer zurückzugeben, und erleiden entsprechend Verluste.

Zu einem Short-Squeeze kommt es, wenn viele Leerverkäufer bei steigenden Kursen und geringem Angebot versuchen, ihre Aktien schnell zu kaufen, um ihre Verluste zu minimieren. Damit steigt die Nachfrage und die Preise explodieren.

Der Herdentrieb entsteht durch die Absprache und Aktion der KleinanlegerInnen und die damit verbundene psychologische Wirkung des FOMO (fear of missing out), also der Angst, etwas zu verpassen. Diese führt dazu, dass schnell viele Menschen dabei sein wollen. Zusätzlich befeuert wird die Bewegung dann durch die Aktionen von grösseren Playern, welche entweder schnell Verluste minimieren müssen oder einsteigen, um ebenfalls auf steigende Kurse zu setzen

Was sind Meme-Stocks?

Genau definiert ist der Begriff heute noch nicht. Grob charakterisieren kann man einen Meme-Stock mit 3 Merkmalen:

  • Aktien von Unternehmen mit schlechteren Aussichten, von welchen man aufgrund von Wirtschaftsdaten wie Umsätzen und Gewinnen erwarten würde, dass der Kurs stark sinken wird.
  • Von institutionellen Anlegern stark leerverkauft.
  • Hohe Prominenz in Foren und sozialen Medien, wo KleinanlegerInnen zusammen kommen.

Der Meme-Stock durchläuft dann verschiedene Phasen:

  • Early Adoption: Anleger entdecken eine Aktie und fangen an, sie zu kaufen. Die Kurse steigen etwas.
  • Aufmerksame Beobachter bemerken den Anstieg, immer mehr Menschen stossen hinzu.
  • FOMO: Die Information verbreitet sich in den sozialen Medien rasant und immer mehr Menschen stossen hinzu, der Kurs steigt sehr schnell innert Tagen an.
  • Gewinnmitnahme: erste Verkäufe finden statt bis wegen des FOMO-Effekts immer mehr Menschen verkaufen und der Kurs rapide sinkt.

Vorteile und Risiken

Anders als beim klassischen Anlegen mit Fonds oder Einzelaktien spielen bei Meme-Stocks die Wirtschaftsdaten des Unternehmens eher eine zweitrangige Rolle. Die Aktienkurse explodieren plötzlich, ohne dass das Unternehmen z.B. Umsatzzahlen oder gute Neuigkeiten publiziert hätte.

Wer es ausprobieren will, sucht nach Aktien mit grossem Interesse an sinkenden Kursen seitens institutioneller Anleger und viel Aufmerksamkeit in sozialen Medien und Kleinanleger-Foren.

Der Kauf von Meme-Stocks ist reine Spekulation, der gesamte Zyklus geht schnell und ist extrem volatil, da die Entwicklung vor allem von der Mobilisierung und dem Herdenverhalten der KleinanlegerInnen abhängt. Wirklich messen oder vorhersagen kann man die Bewegung nicht. Das Schwierigste dabei ist, den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg und den Ausstieg zu erwischen. Eine CFA-Studie zu Meme-Stocks hat ermittelt, dass sowohl die Volatilität als auch die Korrelation zu anderen Meme-Stocks ansteigt, sobald eine Aktie den «Meme-Zustand» erreicht.

Meme-Stocks versprechen zwar schnell grosse Gewinne, es handelt sich aber um eine hochriskante Spekulation und niemand sollte sich von Erfolgsstorys über neue Millionäre blenden lassen. Die Risiken sind sehr gross, frühere Studien zeigen, dass AnlegerInnen bei Marktmanipulationssituationen im Durchschnitt 30% ihrer Anlagesumme verlieren. Ähnlich ernüchternde Resultate zeigen auch die Risikoinformationen der Handelsplattformen: Die Verlustquote der Trader bei den EU-ansässigen CDF-Brokern liegt zwischen 65 und 85%.

Habt ihr schon mit Meme-Stocks gehandelt und welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Ist dies wirklich ein neuer Trend, der bleiben wird, oder nur eine Sache für Menschen, die gerne spekulieren?

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Olga Miler ...
... war über zehn Jahre in verschiedenen Funktionen bei der UBS tätig, unter anderem hat sie dort das Frauenförderungsprogramm und den UBS Gender ETF aufgebaut. Jüngst gründete sie das Start-up SmartPurse, eine Plattform, auf der sie digitale Kurse und Workshops zum Thema Finanzen für Frauen anbietet. Letztes Jahr schrieb Miler den watson-Blog «Frauen und Geld» und wird uns dieses Jahr mit «MoneyTalks» an ihrer Expertise teilhaben lassen.
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