Friedensdeal hin oder her: Inflation und Zinsen steigen vorerst weiter
Vielleicht klappt es diesmal mit dem Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran. Immerhin soll am Freitag in Genf eine entsprechende Absichtserklärung erstmals in schriftlicher Form vorgelegt und unterschrieben werden. Doch dreieinhalb Monate nachdem die ersten Bomben auf Teheran niedergingen, haben die Märkte Fakten geschaffen, die sich mit etwas Papier und Tinte nicht mehr so schnell aus der Welt schaffen lassen.
Die Inflation ist in vielen Ländern auf ein Niveau zurückgekehrt, das die Notenbanken nicht mehr mit ihrem Auftrag zur Wahrung der Preisstabilität vereinbaren können. Im Euro-Raum ist die Gesamtinflation im Mai gemäss Schätzung von Eurostat auf 3,2 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit September 2023, und er liegt weit über dem Zielwert von 2 Prozent, den die Europäische Zentralbank (EZB) anstrebt.
Alte Fehler vermeiden
Wie schon vor fünf Jahren sind es auch diesmal vor allem die Energiepreise, die den Teuerungsschub bewirken. Ignorieren und abwarten war im Sommer 2021 die Strategie, mit der die EZB unter der Führung von Christine Lagarde auf jenen Anstieg der Energiepreise reagierte. Das ging gründlich schief. Im Herbst 2022 kletterte die Teuerung in der Euro-Zone auf über 10 Prozent und die EZB sah sich gezwungen, den Leitzins von 0 Prozent im Juli 2022 auf 4 Prozent im September 2023 zu erhöhen.
In der Folge musste unter anderem auch Deutschland, der wichtigste Handelspartner der Schweiz, die Hoffnung auf eine kräftige Erholung des seit Jahren gedrückten Wirtschaftswachstums auf eine unbestimmte Zukunft verschieben.
Und mit einer baldigen Leitzinssenkung rechnen unsere Nachbarn auch dann nicht, wenn im Nahen Osten die Waffen länger schweigen sollten. «Selbst wenn die Meerenge von Hormus demnächst wieder befahrbar sein sollte, wird es Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert», erklärt Bundesbank-Präsident Joachim Nagel.
Viele wichtige Euro-Hüter haben nach der EZB-Leitzinserhöhung vom Donnerstag öffentlich zu verstehen gegeben, dass sich die in den vergangenen Monaten gestiegenen Energiepreise bereits tiefer in die Inflationserwartungen eingefressen hätten. Das könnte die EZB im Juli oder im September zu einer weiteren Leitzinserhöhung zwingen.
Bittere Pille für Trump
Für die US-Notenbank, bei der der neue Chef Kevin Warsh am Mittwoch erstmals öffentlich eine Zinsentscheidung vertreten wird, ist die Lage anders, aber nicht einfacher. Die Fed hat den Leitzins im Dezember in den Bereich 3,5 Prozent bis 3,75 Prozent gesenkt und seither nicht mehr verändert. Bis vor wenigen Wochen waren in den USA fürs laufende Jahr noch viele Beobachter von weiteren Zinssenkungen ausgegangen. Das ist auch die ausdrückliche Erwartung von Präsident Donald Trump, der Warshs Vorgänger Jerome Powell wiederholt und heftig kritisiert hatte.
Nun aber muss sich auch Warsh überlegen, wie er eine Inflation von 4,2 Prozent drücken kann, damit sich das verbreitete Gefühl vieler amerikanischer Tieflohn- und Rentenbezüger nicht weiter verschärft, immer mehr Kaufkraft zu verlieren und ärmer zu werden.
Das beste Rezept dagegen wären Leitzinserhöhungen, was auch zahlreiche Ökonomen erwarten. Doch Leitzinserhöhungen laufen Trumps Bemühungen zuwider, die Wirtschaft mit immensen Investitionsstimuli auf Wachstumskurs zu halten. Auf tiefere Energiepreise zu warten, ist für Warsh keine Option, zumal der Haupttreiber der US-Inflation die starke Nachfrage im Inland ist.
Privilegierte Nationalbank
Kein solches Dilemma hat zum Glück die Schweizerische Nationalbank (SNB), die am Donnerstag eine Fortsetzung ihrer Nullzinspolitik bekannt geben dürfte. Zwar ist auch in der Schweiz die Inflation seit Anfang Jahr von 0,1 Prozent auf 0,6 Prozent im Mai gestiegen. Doch bei einem Teuerungsziel von 0 bis 2 Prozent kann bei der SNB noch lange nicht von Handlungszwang gesprochen werden.
Allerdings könnten die steigenden Zinsen in Europa und in den USA in den nächsten Monaten für eine markante Abschwächung des Frankenkurses sorgen, was über höhere Importpreise wiederum die hiesige Teuerung antreiben würde. Die Nationalbank verfügt jedoch über die nötigen Instrumente, den Franken nötigenfalls auch wieder zu stärken. Und vor allem hat sie das Privileg, mit der eigenen Währung eine Entwicklung (Energiepreise) ziemlich direkt steuern zu können, auf die sie eigentlich keinerlei Einfluss hat. (schweizheute.ch)

