Die unterschätzte Blackout-Gefahr durch unsichere Solaranlagen: Das raten die Fachleute
Im weltberühmten Thriller «Blackout – Morgen ist es zu spät» von Marc Elsberg wird ein europaweiter Stromausfall durch einen gezielten Hackerangriff ausgelöst. Die Angreifer manipulieren sogenannte «Smart Meter» – das sind übers Internet erreichbare Stromzähler.
Nun berichtete diese Woche die SRF-«Rundschau» über ein Blackout-Risiko, das von Solaranlagen ausgeht. Den technischen Hintergrund für den Bericht bildet eine Untersuchung des Nationalen Testinstituts für Cybersicherheit NTC.
Das im Kanton Zug angesiedelte NTC ist auch als «Cyber-Empa» bekannt. Wobei anzumerken ist, dass es sich um eine private gemeinnützige Organisation handelt, die mit staatlichen Stellen zusammenarbeitet.
Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.
Warum sind kleine Solaranlagen ein nationales Sicherheitsrisiko?
Eine private Solaranlage ist zwar unbedeutend für die Schweizer Stromerzeugung. Doch die grosse und weiter wachsende Zahl der Anlagen hat sehr wohl einen Einfluss.
Gemäss NTC-Bericht waren Ende 2025 in der Schweiz rund 338'000 Photovoltaikanlagen mit rund 9,5 Gigawatt Leistung installiert. Diese decken an sonnigen Mittagen regelmässig über die Hälfte des momentanen Stromverbrauchs.
Die Dezentralisierung führt dazu, dass Hunderttausende kleine, oft gleich konfigurierte und mit dem Internet verbundene Anlagen an die Stelle grosser Kraftwerke treten. Dadurch werden sie in ihrer Gesamtheit zu einer kritischen Infrastruktur, die für grossangelegte Cyberangriffe anfällig ist.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung?
Das NTC untersuchte 11 in der Schweiz weit verbreitete Produkte: sieben Wechselrichter und vier Energiemanagement-Systeme (dazu unten mehr). Laut Mitteilung vom Donnerstag wurden über 50 Schwachstellen entdeckt. Sieben Risiken wurden als kritisch und sechs als hoch eingestuft. Bei vier der elf Produkte konnten die Prüfer die vollständige Kontrolle über das Gerät erlangen, sogenannten Root-Zugriff.
Die SRF-«Rundschau» berichtete in der Sendung vom 15. September vorab über die NTC-Untersuchung unter dem Titel: «Blackout-Gefahr – Cyber-Risiko Solaranlage».
Die Befunde seien den Herstellern vertraulich gemeldet worden, hält das NTC in seiner Mitteilung fest. Die meisten Firmen hätten rasch reagiert. Die Behebung der Schwachstellen sei bei einigen Produkten noch im Gang.
Rät die Cyber-Empa von Solaranlagen ab?
Aber nein. Im Gegenteil.
Das NTC hält fest:
Liegt das grösste Risiko bei den Geräten selbst?
Nein, das grösste Risiko ist struktureller Natur und entsteht durch die Abhängigkeit von wenigen Hersteller-Clouds. Die Wechselrichter, die mit den Solaranlagen auf dem Dach verbunden sind, werden grösstenteils über das Internet gesteuert und mit Software-Updates versorgt.
Wenn es einem Hacker gelingt, eine solche zentrale Cloud zu kompromittieren, kann er theoretisch Zehntausende Anlagen gleichzeitig manipulieren. Dieses Klumpenrisiko wird durch eine starke Marktkonzentration verschärft: Im Jahr 2025 stammten gut 80 Prozent der neu verbauten Wechselrichter in der Schweiz von nur vier Herstellern.
Welche Produkte sind betroffen?
Gemäss NTC wurden im Laufe eines Jahres insgesamt 11 Produkte «einer umfassenden technischen Sicherheitsanalyse unterzogen»: Es handle sich um 7 Wechselrichter und 4 Energiemanagement-Systeme von insgesamt 8 Herstellern, darunter seien «die marktbestimmenden Anbieter».
2025 sei über die Hälfte der neu verbauten Wechselrichter von einem einzigen Hersteller gekommen, rund 80 Prozent verteilten sich demnach auf folgende vier Anbieter:
- Huawei: ein chinesischer Tech-Konzern.
- Fronius: ein Familienunternehmen aus Österreich.
- Sungrow: ein weiterer Hersteller aus China.
- SolarEdge: eine Firma aus Israel.
Dem NTC geht es nicht um das Anprangern einzelner Akteure. Die von Cybersicherheits-Fachleuten erstellten Analysen dienen vielmehr dazu, übergreifende Risiken innerhalb einer Branche oder Technologie aufzuzeigen.
Um Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastrukturen zur Teilnahme an unabhängigen Sicherheitstests zu motivieren, werde in der Regel Anonymität zugesichert.
Könnte ein Hackerangriff tatsächlich zu einem Blackout führen?
Ja, eine gezielte, gleichzeitige Manipulation vieler Anlagen kann das Stromnetz destabilisieren. Angreifer könnten dies erreichen, indem sie Solaranlagen im Takt der Netzregelung ab- und zuschalten oder die Spannung manipulieren.
Eine vom NTC zitierte Berechnung zeigt, dass bereits die Kontrolle über rund 4500 Megawatt (MW) im europäischen Verbundnetz für einen flächendeckenden Stromausfall ausreichen könnte. Diese Leistung entspricht ungefähr viereinhalb grossen Atomkraftwerken wie Gösgen SO.
Am besten erklären wir das Problem bildhaft:
- Stell dir das Stromnetz wie eine riesige Wippe vor. Auf der einen Seite wird Energie ins Stromnetz gepumpt – das sind die Kraftwerke und Solaranlagen. Auf der anderen Seite wird der Strom verbraucht, etwa durch unsere Haushaltsgeräte oder in Fabriken.
- Diese Wippe muss immer perfekt im Gleichgewicht sein, damit der Strom mit einer konstanten Frequenz von 50 Hertz fliesst. Wenn das Gleichgewicht plötzlich wegfällt, fängt die Wippe an zu kippen – die Frequenz sinkt.
- Wenn Hacker gleichzeitig die Kontrolle über so viele Solaranlagen übernehmen, dass diese Anlagen zusammen eine Leistung von 4500 Megawatt haben, könnten sie die Wippe mit einem Schlag extrem ins Wanken bringen.
- Schalten die Hacker diese Menge an Stromerzeugung blitzartig aus dem Netz, sinkt die Frequenz so schnell und so stark (unter 49 Hertz), dass als Notfallmassnahme ein automatischer Lastabwurf erfolgt. Das heisst, ganze Städte oder Regionen werden automatisiert vom Stromnetz getrennt, um den totalen Kollaps zu verhindern.
4500 MW mag nach viel klingen, entspricht europaweit gesehen aber nur rund 1 Prozent aller an die öffentliche Stromversorgung angeschlossenen Solaranlagen. Und das macht das Szenario aus Sicht des NTC so gefährlich.
Gibt es hierzu keine Sicherheitsvorschriften des Bundes?
Die geltenden Cybersicherheitsvorgaben der Strombranche richten sich an Organisationen. Für Stromerzeuger greifen diese erst ab einer Leistung von 100 Megawatt, die über ein einziges System gesteuert wird. Eine durchschnittliche Dachanlage liegt jedoch im Bereich von maximal 25 Kilowatt. Somit fallen praktisch alle Photovoltaik-Kleinanlagen durch die gesetzlichen Maschen. Und für das Risiko, das erst aus ihrer Summe entsteht, scheint niemand zuständig.
Politik und Behörden sollten die gesetzliche Lücke für Kleinanlagen schliessen, hält der NTC-Bericht fest.
Für Solaranlagen bestehe mit dem Sicherheitsnachweis bereits ein obligatorisches Kontrollverfahren, das sich «um Cybersicherheitspunkte erweitern liesse».
Was können Anlagenbetreiber tun?
An Betreiberinnen und Betreiber kleiner Solaranlagen gerichtet, schreibt das NTF: Am wirksamsten sei zunächst die Wahl eines etablierten Anbieters, dem man neben der Installation auch den technischen Betrieb übertrage.
Die Anlagen-Besitzer sollten sich bei der Übergabe durch die Solaranlagen-Bauer bestätigen lassen, dass individuelle Passwörter gesetzt seien. Der Wechselrichter sollte zudem nicht direkt übers Internet erreichbar sein. Sprich: Es braucht ein schützendes Netzwerkgerät (Router etc.).
Ausserdem gelte es, vertraglich festzuhalten, wer für Software-Updates und «den Ereignisfall» zuständig sei. Und man solle auf eine nicht benötigte Fernsteuerung verzichten.
Quellen
- ntc.swiss: Cybersicherheit von Photovoltaikanlagen, Medienmitteilung (17. September)
- ntc.swiss: Cybersicherheit von Photovoltaikanlagen – Erkenntnisse und Empfehlungen (PDF)
- srf.ch: Sicherheitsexperten: Blackout-Risiko wegen Solaranlagen (16. September)
