Wirtschaft
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Standortattraktivität

In der Schweiz siedeln sich weniger ausländische Firmen an 

Die bereits angenommene Initiative und weitere, die sich in der Pipeline befinden, erhöhen die Unsicherheit für internationale Unternehmen. Das schlägt sich bei der Zahl der Ansiedelungen nieder.

Thomas Schlittler / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Vor genau sieben Monaten hat die Schweiz die Masseneinwanderungsinitiative der SVP angenommen. Die Warnungen, dass eine Annahme die bilateralen Verträge mit der EU gefährden könnten – und letztlich die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz – kümmerte eine Mehrheit des Stimmvolkes nicht. Für das politische und wirtschaftliche Establishment war es nach dem Ja zur Minder-Initiative die zweite Ohrfeige innert weniger Monaten. Mit der Unternehmenssteuerreform III und der Erbschaftssteuerinitiative stehen zudem weitere Themen auf der Agenda, die wichtig sind für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz.

Die anhaltende Verunsicherung scheint sich nun auf die Anzahl Neuansiedelungen auszuwirken: Die Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area (GZA) siedelte im ersten Halbjahr 2014 insgesamt 26 Firmen neu an. Das sind so wenige wie seit Jahren nicht mehr. Auch die Anzahl geschaffener Arbeitsplätze hat deutlich abgenommen. 

Sicht auf das Logo am Besucherparkplatz des Sicherheitskonzern Tyco an ihrem Sitz in Neuhausen am Rheinfall, aufgenommen am Sonntag, 4. Mai 2014. Der internationale Sicherheitskonzern Tyco verlegt seinen globalen Hauptsitz von Neuhausen SH nach Irland. Als Grund fuer den Wegzug gibt das Unternehmen die Annahme der Abzockerinitiative vor einem Jahr an. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Es kommen nicht nur weniger internationale Unternehmen, es gibt auch gewichtige Wegzüge: Der Sicherheitskonzern Tyco verliess die Schweiz Richtung Irland – offiziell wegen der Abzocker-Initiative.  Bild: KEYSTONE

Mehr Erklärungsbedarf

Die GZA vermittelt für die Kantone Glarus, Graubünden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Zug, Zürich sowie für die Region Winterthur und die Stadt Zürich die Kontakte zu ansiedlungswilligen internationalen Unternehmen. Damit ist die Organisation ein wichtiger Gradmesser für die Attraktivität des Standorts Schweiz. Die rückläufige Zahl der Ansiedelungen begründet GZA-Sprecher Lukas Sieber mit dem starken Wettbewerb unter den internationalen Metropolitanregionen: «Europa hat gegenüber den aufkommenden asiatischen Volkswirtschaften ganz allgemein einen schweren Stand.»

Die unsicheren Rahmenbedingungen in der Schweiz erschwerten die Arbeit aber zusätzlich. Sieber: «Wir haben deutlich mehr Erklärungsbedarf als früher. Dies führt dazu, dass Entscheidungsprozesse von Firmen hinsichtlich Ansiedlung oder Expansion mehr Zeit in Anspruch nehmen.» Teilweise schaffe es die Schweiz auch gar nicht mehr auf die Liste, wenn sich internationale Konzerne mithilfe grosser Prüfungsgesellschaften nach einem geeigneten Standort umsehen.

The BIZ tower, headquarters of the Bank for International Settlements, in Basel, Switzerland, pictured on December 5, 2012. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Der BIZ-Turm, Hauptsitz der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr, in Basel, aufgenommen am 5. Dezember 2012. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Blick auf Basel: Die dortige Standortmarketing-Organisation bestätigt, dass der Erklärungsbedarf gegenüber Interessenten aus dem Ausland zugenommen hat. Bild: KEYSTONE

Ansiedelungen nicht um jeden Preis

BaselArea, die Standortmarketing-Organisation der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft, bestätigt, dass der Erklärungsbedarf gegenüber ausländischen Interessenten zugenommen habe. Halbjahreszahlen betreffend Neuansiedelungen gibt die Organisation aber keine bekannt.  

Auch Aargau Services, die Standortförderung des Kanton Aargaus, publiziert nur einmal pro Jahr Zahlen über den Geschäftsgang. Die stellvertretende Leiterin Monika Ulrich sagt aber: «Die Anzahl Anfragen und Ansiedlungen gingen seit 2011/2012 in fast allen Kantonen zurück.» Als Gründe nennt sie die weltweit härter werdende Konkurrenz, die Wirtschafts- und Finanzkrise, die Steuerdiskussionen sowie den starken Schweizer Franken. Zudem würden Abstimmungsvorlagen wie die Minder- oder Masseneinwanderungsinitiative im Ausland aufmerksam verfolgt. Diese und die noch nicht abgeschlossene Unternehmenssteuerreform III hätten das Vertrauen in die Wirtschaftsfreundlichkeit der Schweiz geschwächt, sagt Ulrich. 

Für die Zukunft ist sie deshalb wenig optimistisch: «Wir rechnen damit, dass die Anzahl Anfragen und Ansiedlungen weiterhin niedrig bleibt.» Für den Standort Schweiz sei es nun sehr wichtig, dass möglichst bald entschieden werde, wie die Masseneinwanderungsinitiative konkret umgesetzt werde. «Für Unternehmen ist Unsicherheit und damit Unplanbarkeit etwas vom Schlimmsten.» 

Im Vergleich zu den Standortmarketingorganisationen der Kantone gibt sich Switzerland Global Enterprise (S-GE) gelassener. Die ehemalige Osec rechnet zwar ebenfalls mit einem Rückgang der Ansiedlungsprojekte – dies sei aber teilweise so gewollt: «Wir haben den Kantonen bereits Anfang 2012 die Stossrichtung einer neuen Strategie in der Standortförderung aufgezeigt, die auf die nachhaltige Positionierung der Schweiz als Standort fokussiert: für die Ansiedlung von ausländischen Unternehmen, die eine zusätzliche Wertschöpfung durch Investitionen oder die Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen erbringen.» Anders formuliert: Ausländische Firmen sollen nicht mehr um jeden Preis in die Schweiz gelockt werden, sondern nur dann, wenn die Schweiz wirklich von der Ansiedelung profitiert.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 10.09.2014 09:17
    Highlight Highlight Die Schweiz braucht keine Standortförderung!
    Staatliche Massnahmen zur Standortförderung sind schwer zu begründen. Sie nützen vor allem dort, wo ein offensichtlicher Mangel an Effizienz, Offenheit, Innovationskraft und Beschäftigung besteht. In sehr innovativen Volkswirtschaften mit Vollbeschäftigung wirken Standortförderungsmassnahmen kaum positiv. Das gilt ganz besonders für die Schweiz. Denn der wirtschaftliche Erfolg eines Landes beruht auf der Qualität der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und diese auf der Qualität seiner politischen Institutionen.
  • Zeit_Genosse 09.09.2014 13:03
    Highlight Highlight Wer mit Gift spielt muss damit rechnen sich selbst zu vergiften. Was gesellschaftspolitisch gewünscht wird muss eben nicht wirtschaftlich förderlich sein. Nur sollte man bei Abstimmungen wissen wofür man stimmt. Eine wirtschaftlich vergiftete Situation wird nämlich schnell zum gesellschaftspolitischen Thema, wenn im Verhältnis noch weniger Arbeitsplätze trotz weniger Ausländern zur Verfügung stehen. Und wenn das Gift zudem noch brennbar ist, sollte man nicht auch noch mit dem Feuer spielen. Die Schweiz braucht eine starke Wirtschaft, mit der sie den Wohlstand und die Wohlfahrt absichern kann. Die politische Agenda mag der Realität scheinbar nicht folgen. Doch vielleicht stimmt die Einschätzung gar nicht und ist Propaganda, um den Druck auf die Politik zu erhöhen, damit diese rasch Unsicherheiten beseitigt.

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