Mutti-Patron warnt vor China-Tomaten: So reagieren Migros und Coop auf den Verdacht
Francesco Mutti versteht etwas vom Tomaten-Geschäft. Er führt das gleichnamige Familienunternehmen aus Parma, bekannt für seine Pelati-, Passata- oder Polpa-Dosen, in vierter Generation. Alle Tomaten, die Mutti verarbeitet, stammen aus Italien.
Doch dem Firmenpatron sind günstige Tomaten aus China seit längerem ein Dorn im Auge. So forderte er beispielsweise 2024 auf deren Importe EU-Zölle in der Höhe von 60 Prozent. Erfolglos.
Im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» doppelte er kürzlich nach. Das Thema hänge eng mit dem autonomen Gebiet Xinjiang zusammen. «China ist selbst kein grosser Tomatenkonsument», sagt Mutti. Der Staat fördere den Anbau dort, um die Region stärker zu kontrollieren. «Das grösste Tomatenunternehmen gehört dem Militär, und Uiguren werden zur Arbeit auf den Feldern gezwungen.» Inzwischen gehöre China zu den grössten Tomaten-Produzenten der Welt.
Mutti geht es nicht nur um menschenrechtliche Aspekte. «Es gibt auch grosse Fragezeichen bezüglich der Umweltstandards.» Europa stelle seiner eigenen Industrie strenge Anforderungen, könne sie bei chinesischen Produkten aber kaum kontrollieren. Er vermutet, dass sich auch in Europa chinesische Tomaten in gewissen Produkten finden.
Die Regeln lassen Spielraum
Tatsächlich steht bei vielen Tomaten-Produkten in Schweizer Supermärkten nur, wo der Artikel produziert wurde, zum Beispiel: «Hergestellt in Italien». Doch woher die Tomaten in der Dose, in der Kartonverpackung oder im Glas stammen, wird nicht erwähnt. Auch nicht bei Eigenmarken von Grosshändlern wie Coop und Migros, wie ein Blick ins Regal zeigt.
Beide Detailhändler verweisen auf die gesetzlichen Vorgaben, an die man sich bei der Kennzeichnung der Produkte halte. «Bei verarbeiteten Lebensmitteln besteht nicht für alle Zutaten eine Pflicht zur Herkunftsdeklaration», sagt Migros-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir.
Die Regeln sehen vor, dass die konkrete Herkunft der Tomaten nur deklariert werden muss, wenn sie mehr als 50 Prozent eines Produkts ausmachen. Das trifft zwar auf die meisten Tomatenkonserven zu. Doch warum steht dann auf der Dose gehackte Tomaten der Coop-Billiglinie Prix Garantie, die deutlich mehr als 50 Prozent Tomaten enthält, keine Herkunftsangabe?
Das hat mit einer weiteren Bedingung zu tun, die neben der 50-Prozent-Grenze erfüllt sein muss. Eine Deklaration ist nur dann zwingend, wenn bei einem Produkt auch «die Aufmachung des Produkts eine falsche Herkunft der Zutat vermuten lässt», heisst es beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit.
Demnach müsste Coop also die Herkunft seiner «Pomodori triturati» angeben, sobald sich auf der Packung etwa «eine italienische Flagge zusammen mit anderen Abbildungen wie einem Kolosseum prominent auf der Etikette befindet», wie der Bund ausführt. Da aber keine solchen Elemente auf der Packung prangen, braucht es keine Deklaration.
Können die beiden Grossverteiler ausschliessen, dass chinesische Tomaten in ihren Eigenmarken-Produkten enthalten sind? Die Migros antwortet mit einem klaren Ja. Man stelle hohe Anforderungen an die Lieferanten, «inklusive der Einhaltung sozialer Standards und Menschenrechte». Lieferanten müssten auch einen entsprechenden Verhaltenskodex unterschreiben, der unter anderem Zwangsarbeit verbiete.
«Unsere Lieferanten müssen die Herkunft der eingesetzten Rohstoffe nachweisen können und die geltenden Anforderungen und Vorgaben der Migros erfüllen», sagt Migros-Sprecherin Huguenin-dit-Lenoir. Die Überprüfung erfolge unter anderem über Spezifikationen, Deklarationen, Besuche vor Ort und weitere Kontrollmechanismen entlang der Lieferkette. «Bei festgestellten Verstössen werden entsprechende Massnahmen eingeleitet.»
Auch Coop-Sprecherin Laura Beugger schliesst chinesische Rohstoffe in den Produkten kategorisch aus: «Die Tomaten wurden und werden allesamt in Italien angebaut.» Die Lieferanten würden die lückenlose Nachvollziehbarkeit der Lieferketten gewährleisten. Coop nennt ähnliche Kontrollmechanismen wie die Migros.
«Wir arbeiten grundsätzlich nur mit Geschäftspartnern zusammen, die sich an geltende lokale Gesetze halten und faire Arbeitsbedingungen gewährleisten.» Durch die Rückverfolgbarkeit könne Coop auch garantieren, dass keine Tomaten aus der «Terra dei Fuochi» südlich von Neapel bezogen und verarbeitet werden. Die Region ist bekannt für moderne Sklavenarbeit in der Landwirtschaft.
«Transparenz ist uns wichtig», sagt Migros-Sprecherin Huguenin-dit-Lenoir. Wieso also nicht einfach die Herkunftsländer der Tomaten deklarieren, um jegliche Zweifel aus dem Weg zu räumen? «Ob und bei welchen Produkten zusätzliche Herkunftsinformationen künftig auf der Verpackung ausgewiesen werden, wird im Rahmen unserer laufenden Überprüfungen beurteilt.»
Coop sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Man versichere schon heute glaubhaft gegenüber der Kundschaft, dass die Eigenmarken-Tomatenkonserven ausschliesslich italienische Tomaten beinhalten würden.
Die Warenhauskette Manor und die Migros-Tochter Denner kündigen derweil auf Anfrage an, zu prüfen, ob künftig auch die Herkunft der Tomaten auf der Verpackung angegeben werden kann (s. Box unten).
Es wäre ein Schritt in die Richtung, wie ihn Italien bereits gemacht hat. Dort ist die Herkunftsangabe Pflicht. Für Tomaten-Patron Francesco Mutti ist klar: «Wissen ist die Voraussetzung für Wahlfreiheit. Wenn ich nicht weiss, woher ein Produkt stammt, kann ich nicht fundiert entscheiden.» (schweizheute.ch)
Bei den beiden in Italien hergestellten Tomatensaucen, die das Warenhaus als Eigenmarke führt, wird die Tomaten-Herkunft nicht ausgewiesen, wie ein Sprecher bestätigt. Er verweist wie auch Coop und Migros auf die gesetzlichen Vorgaben, die das nicht in jedem Fall vorschreiben. Man könne jedoch ausschliessen, dass chinesische Tomaten darin enthalten sind. «Für die beiden Manor-Tomatensaucen werden ausschliesslich Tomaten aus Italien verwendet», sagt der Sprecher. Die Produkte würden von einem langjährigen und vertrauenswürdigen Partner für Manor hergestellt. Man werde prüfen, ob diese Information künftig auf der Verpackung stehen kann.
Denner
«Aktuell wird auf unseren Eigenmarken-Produkten die Herkunft der Tomaten nicht einheitlich ausgewiesen», sagt Sprecher Thomas Kaderli. Die Migros-Discounttochter schliesst jedoch aus, dass Tomaten aus China verwendet werden. «Wir definieren die zulässige Herkunft der Tomaten für jeden Artikel in unseren Produktanforderungen verbindlich, beispielsweise Italien», sagt Kaderli. «Unsere Lieferanten sind verpflichtet, diese Anforderungen einzuhalten.» Man werde jedoch prüfen, ob man die Deklaration zur Herkunft der Tomaten künftig transparenter deklarieren könne.
Aldi Suisse
Aldi Suisse nennt die Herkunftsländer der Rohwaren nicht und eine Anpassung dieser Handhabung ist auch nicht geplant. Aber die Medienstelle betont: «Alle Eigenmarkenprodukte auf Tomatenbasis in der Kategorie Dosentomaten und Pastasaucen, die in unseren Filialen verkauft werden, stammen von Tomaten, die in Europa, Nordamerika, Südamerika und Afrika angebaut wurden.» Die Mehrheit dieser Produkte stamme aus Italien, Griechenland und Spanien. Als international tätige Unternehmensgruppe mit Lieferketten auf der ganzen Welt sei man sich der eigenen Verantwortung bewusst, die Menschenrechte entlang der Lieferketten zu achten.
Spar
Spar verkauft unter der Eigenmarke Produkte wie Pelati, Polpa in Dosen und Passata in Gläsern. Auf ihnen steht bloss «Hergestellt in Italien». Dies sei der allgemeine Deklarationsstandard der Produzenten, heisst es bei der Medienstelle. «Um sicherzustellen, dass nur italienische Tomaten verarbeitet werden, fordern wir für unsere Eigenmarken bei den italienischen Produzenten die Spezifikationen an.» Es kämen nur lokale Tomaten zum Einsatz.
Lidl Schweiz
Der deutsche Discounter führt unter seinen Eigenmarken verschiedene Tomatenprodukte in Dosen, Kartonverpackungen, Gläsern und Tuben im Sortiment. Man halte sich an die gesetzlichen Vorgaben des Schweizer Lebensmittelrechts, sagt Sprecherin Nicole Graf. «Auf einigen unserer Tomatenprodukte ist die genaue Herkunft direkt auf der Verpackung angegeben.» Bei anderen Produkten verzichte man jedoch bewusst auf einen festen Herkunftsaufdruck auf der Verpackung. Der Grund dafür liege in der Flexibilität der Beschaffung: «Je nach Ernteertrag, Saison und Verfügbarkeit beziehen wir unsere Tomaten von unterschiedlichen qualitätsgeprüften Lieferanten.» Die Verwendung von chinesischen Tomaten könne man allerdings ausdrücklich ausschliessen. Dies sei mit den Lieferanten vertraglich abgesichert und man führe auch regelmässig Kontrollen durch. (bwe)

