300 erfolglose Bewerbungen: KV-Lehrabgänger verzweifelt bei Jobsuche
Florian Graber kann sie inzwischen im Schlaf aufsagen, die Sätze in den Absagemails. Man habe sich für eine andere Person entschieden, die den Anforderungen besser entspreche. Vielen Dank für das Interesse. Vor etwas mehr als einem Jahr hat der 22-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, die kaufmännische Lehre erfolgreich abgeschlossen. Seither befindet er sich auf Stellensuche.
Zwanzig, manchmal dreissig Bewerbungen schickt er pro Monat ab. Insgesamt seien es mittlerweile über 300 gewesen. Eingeladen wurde er zu einem einzigen Vorstellungsgespräch. Dabei verlief seine Ausbildung problemlos. Die KV-Ausbildung in einer Schule hat er mit Noten zwischen 4,5 und 5 bestanden. Noch während der Rekrutenschule begann er, sich zu bewerben, zwischenzeitlich half er in einem Unternehmen aus. Sein Ziel war klar: so schnell wie möglich richtig ins Berufsleben zu starten.
Doch daraus wurde nichts.
Absagegrund: zu wenig Berufserfahrung
Stattdessen versucht er nun selbst, Struktur in seinen Alltag zu bringen. «Es ist schon recht eintönig, wenn man fast nie irgendwohin muss.» Er joggt, spielt Fussball im Verein und verbringt Zeit in der Natur. Und er schreibt viele Bewerbungen.
Besonders häufig hört Graber als Absagegrund, er habe zu wenig Berufserfahrung. Nur: «Wie soll ich Erfahrung sammeln, wenn mir niemand eine Chance gibt?», fragt er sich. Er hat mittlerweile einen Bewerbungskurs besucht und seine Unterlagen aufpoliert. Gebracht habe das wenig. «Mittlerweile denke ich, dass Unternehmen generell abgeneigt sind, Lehrabgänger einzustellen», sagt er.
Aufgeben will er trotzdem nicht. Er bewirbt sich quer durch verschiedene Branchen und sieht sich nebenbei nach Weiterbildungen um. Doch die lange Suche setzt ihm zu: «Nach so vielen Anläufen beginnt man zwangsläufig, an sich selbst zu zweifeln.» Auch ein Auszug von zu Hause liegt finanziell nicht drin – er wohnt derzeit noch bei seinen Eltern.
Immer mehr KV-Abgänger auf Stellensuche
Graber ist wohl ein Extremfall. Doch er ist nicht der einzige KV-Absolvent, der sich bei der Stellensuche abmüht. Die kaufmännische Ausbildung ist noch immer die beliebteste Lehre der Schweiz und galt lange als sicherer Wert. Diese Sicherheit bröckelt allerdings.
Gemäss der jüngsten Lehrabgänger-Umfrage des Kaufmännischen Verbands Schweiz liegt der Anteil der jungen Erwachsenen, die vier Monate nach Abschluss auf Stellensuche sind, bei 9,6 Prozent. Vor zwei Jahren betrug der Wert noch 5,6 Prozent. Rund sechs Prozent der Befragten gaben an, mehr als 50 Absagen erhalten zu haben.
Viele KV-Abgänger stehen vor derselben Hürde wie Graber: Fast 65 Prozent der Lehrabgänger auf Stellensuche gaben an, dass fehlende Berufserfahrung als Absagegrund genannt wurde. Deshalb seien auch die Arbeitgeber gefordert, so der Verband. «Juniorstellen sollten echte Einstiegsstellen bleiben und nicht bereits mehrere Jahre Berufserfahrung voraussetzen», so Jana Frischmann, Fachverantwortliche Berufsbildung beim Kaufmännischen Verband.
Das sei zwar ein Phänomen, das nicht ausschliesslich KV-Lehrabgänger betrifft, heisst es beim Verband. Hinzu kommt aber eine Entwicklung, die gerade für junge Kaufleute heikel sein kann: künstliche Intelligenz. Denn ausgerechnet jene Aufgaben, mit denen Berufseinsteiger früher Erfahrung sammeln konnten, lassen sich heute besonders einfach automatisieren oder mit KI erledigen. Auch der Kaufmännische Verband sieht, dass bestimmte Tätigkeitsprofile dadurch unter Druck geraten können.
Gleichzeitig könne man daraus nicht schliessen, «dass KI klassische Einstiegsstellen grundsätzlich ersetzt», so Frischmann. Vielmehr veränderten sich die Aufgaben und Anforderungen – heute seien neben dem klassischen kaufmännischen Fundament digitale Kompetenzen wichtiger geworden. Genau hier setze die neu konzipierte KV-Lehre, die im August 2023 in Kraft trat, unter anderem an. Sie sei stärker auf den Umgang mit KI und kritisches Denken ausgerichtet.
KI sorgt für Verunsicherung
Den Wandel auf dem Arbeitsmarkt für junge Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger erlebt Sibylle Frei täglich. Sie ist Beraterin beim Laufbahnzentrum der Stadt Zürich und Mitglied des nationalen Fachverbands Profunda Suisse. Gerade bei Tätigkeiten, die stärker von KI betroffen sind, beobachtet sie vermehrt Schwierigkeiten beim Berufseinstieg – etwa in den Bereichen Marketing, Administration, Finanzen und IT.
Das wirke sich wiederum auffällig auf die Eltern von Schülerinnen und Schülern aus, die vor der ersten Berufswahl stehen. «Es gibt eine allgemeine Verunsicherung», sagt Frei. Die Berufswahl sei ohnehin anspruchsvoll, der Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt nähre diese Unsicherheit.
Frei warnt dennoch davor, bestimmte Berufe vorschnell abzuschreiben: «Die meisten Berufe werden nicht abgeschafft, sondern ihre Inhalte verändern sich.» Entscheidend sei weiterhin, wo die eigenen Stärken lägen und dass man einen ersten Abschluss in den Händen halte. Auch wer bereits auf Stellensuche sei, könne aktiv reagieren, so Frei. Sie empfiehlt, Stelleninserate gezielt daraufhin zu prüfen, welche Kompetenzen gefordert werden, bestehende Lücken zu schliessen und sich insbesondere im Umgang mit KI weiterzubilden.
Für Graber steht fest, dass er im Beruf bleiben will. Eine zweite Lehre komme für ihn nicht infrage: «Ich habe die KV-Lehre gemacht, um als Kaufmann zu arbeiten.» Der Job mache ihm Spass. Vorläufig wird er allerdings weiterhin Bewerbungen schreiben. (schweizheute.ch)
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