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Russland

Ein Vater durchlebt in der Ukraine die Hölle

Autor Artem Tschech im Kriegseinsatz für die Ukraine.
Autor Artem Tschech im Kriegseinsatz für die Ukraine.bild: privat/zvg

«In dieser Seele gibt es nur den Tod»: Vater durchlebt in Ukraine die Hölle

Der Schriftsteller Artem Tschech bekämpft die russische Invasion seit Anbeginn des Krieges. In Bachmut bleibt ihm nur noch, auf den Tod zu warten - und er überlebte dennoch.
05.10.2026, 05:3205.10.2026, 05:32
Pascal Moser / ch media

Von der Entscheidung erfährt er in der Online-Zeitung «Ukrajinska Prawda»: Der Präsident habe die Einberufung der ersten operativen Reserve verkündet. Artem Tschech gehört zu dieser Einheit: «Verdammt», schreibt er.

Mit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 rückt der ukrainische Schriftsteller an die Front. Schon 2015 kämpfte der heute 41-jährige Tschech als Soldat. In beiden Fällen hat er seine Eindrücke als Buch verarbeitet. Nun ist dieses auf Deutsch erschienen und kann als Versuch gelesen werden, die psychische Ausnahmesituation eines ganzen Landes zu ergründen.

Artem Tschech. Musik für einen Soldaten. Klett Cotta Verlag.
Artem Tschech. Musik für einen Soldaten. Klett Cotta Verlag.bild: zvg

Auf das «blanke Entsetzen», das ihm noch begegnen soll, hat ihn auch die Erfahrung im früheren Krieg nicht vorbereiten können. Es beginnt mit dem Entscheid, in der Ukraine zu bleiben, zu kämpfen, und seine Familie zurückzulassen.

Die Einladung zu einem Literaturanlass in Zürich lehnt er ab. Stattdessen will  der Familienvater zum Gewehr greifen. Eben hat er noch seinen Sohn zum Schwimmunterricht angemeldet.

Putins Rede, die dem Angriff vorausgeht, kommentiert er trotz der offenen Drohungen mit Spott. Immerhin haftet der politischen Realität etwas Unwirkliches, ja Absurdes an. Die Kämpfe, die ihm drohen, fanden zuvor noch auf der Spielkonsole des Sohnes oder in Geschichtsbüchern statt. Als das alles plötzlich Wirklichkeit ist, flieht sich Tschech in den Suff.

Der Sohn bangt um seinen Vater

Am Tag danach packt er seine Militärtasche. In ihr sind Dinge, die er nie wieder benutzen wollte: Verbandstasche, Sommeruniform, Stiefel, eine taktische Weste und ein Dreipunktgurt für das Sturmgewehr. «Die verdammte Apokalypse stand bevor.» Wie nahe sie bereits war, kann er nicht ahnen.

Wenige Stunden später reisst ihn der erste russische Angriff aus dem Schlaf. «Die schwärzeste Nacht meines Lebens: Mein Atem war unregelmässig, die Schläfen pochten, mir bisher unbekannte Panikattacken wechselten mit der tückisch-meditativen Erkenntnis der nahenden Katastrophe.» Kraft gewinnt er, als er in diesem emotionalen Fegefeuer den Soldatentod als «beinahe unumstössliche Tatsache, eine unwiderrufliche Wahrscheinlichkeit» akzeptiert.

Die Bevölkerung reagiert indes ambivalent auf die Gefahr. «Wo werden wir die Russen alle begraben?», zitiert Tschech einen der siegessicheren Twitterbeiträge, die er durchscrollt. Andere prophezeien einen Atomkrieg. Der Sohn, auch er wuchs im Krieg auf, bleibt kurioserweise fröhlich. Er «scherzte und machte sich über die allgemeine Vorkriegsstimmung lustig.» Tschech schreibt mit Mitleid von dessen psychischer Versehrtheit, die hier verdrängt zutage tritt. Schon zum zweiten Mal wird er um seinen Vater bangen müssen.

«Unterwegs, um zu töten und getötet zu werden»

Military mobility of Ukrainian soldiers in the direction of Bakhmut BAKHMUT, UKRAINE - JANUARY 8: Ukrainian serviceman from 30th brigade operates a mobile howitzer in the direction of Bakhmut, Ukraine ...
Bachmut, im Osten der Ukraine, einer der schwersten Kriegsschauplätze.Bild: www.imago-images.de

Schon heben die Soldaten Schützengraben am Kiewer Fernsehturm aus. Die ukrainische Armee mobilisiert sich. Auf die Angst in der ersten Angriffsnacht folgt Mordlust: «Die Wut weckte den Wunsch zu töten. Den Wunsch, das Blut des Feindes zu sehen, seine Eingeweide zu sehen, die Angst in seinen Augen zu sehen, seinen verkohlten, stinkenden Leichnam im Panzer zu riechen, seine abgerissenen Beine und Arme zu sehen.»

Mit keinem Wort beschönigt Tschech die psychischen Vorgänge der Soldaten, weder die Angst der Soldaten noch den Hass, den sie empfinden. Sie denken an das Monster Putin, an die «wilden Tiere» aus Russland, die überall ihre Fäkalien hinterlassen. Sind das Helden? «Quatsch, wir sind ukrainische Soldaten, die unterwegs sind, um zu töten und getötet zu werden.»

Military mobility of Ukrainian army continues in direction of Bakhmut DONETSK OBLAST, UKRAINE - DECEMBER 6: Ukrainian soldiers walk through a trench towards their FH-70 artillery position, in the dire ...
Ukrainische Soldaten verharren in den Schützengräben.Bild: www.imago-images.de

Tschech wird an die belarussische Grenze geschickt. An Orte, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Er steht da, verloren und heimatlos. Tagsüber wird ihm die Stille zur Qual, nächtliche Sirenenangriffe, Wachtdienste und Schlaflosigkeit ermüden ihn dermassen, dass er einen Luftangriff verschläft. Später bekommt er den Auftrag, eine neue Mission zu leiten. Er soll eine hart umkämpfte Position einnehmen. In Bachmut. Nicht einmal ein Gewehr hat er dabei, als er den Zielort erreicht, wartet keine Rückendeckung, nur in Rauch liegende Häuser.

Fünf Tage blickt er aus einer Grube in den Himmel und wartet auf den Tod. In zehn Monaten an der früheren Front habe er nicht so viele Angriffe wie hier erlebt. Nie war er dem Tod so nahe gewesen.  «Ich erfuhr, wie eine verbrannte Stadt riecht, wie mehrere Tage alte Leichen riechen und wie schnell man sich an diese Gerüche gewöhnt.»

Für das Elend reichen bald nur noch mythologische Bilder. Als die ukrainischen Truppen wieder aus Bachmut abziehen, schreibt er: «Entlang der Strasse standen Höllenhunde, Erinnyen, Minos, Pluto und Geryon. Es roch nach Tod. Hier lebte der Schmerz. Und wir, die Letzten, die Bachmut verliessen, mussten da durch.»

Musik ist die Rettung

Auch ein seelisches Schlachtfeld erkundet Tschech auf den rund 200 Seiten. Es beginnt mit einer fast schon ungeduldigen Vorahnung auf den Krieg und der (stets ausgeschlagenen) Möglichkeit, einfach abzuhauen. Es führt in den Wahnsinn, dem der begegnet, der unter Bomben zu schlafen versucht. In die Aussichtslosigkeit auf dem Feld, getötete Freunde, bald auch seine eigene «tote Seele», in der sich nichts mehr echt anfühlt. Und es endet mit der Frage, wie man weiterleben soll, nachdem der Tod schon als Gewissheit akzeptiert wurde. Eine Traumatherapie, so viel wird klar, steht den wenigsten offen.

Vor dem Wahnsinn rettet Tschech die titelgebende Musik. «An einem schwarzen Punkt» entdeckt er sie als Rettung der Menschlichkeit. «Musik macht aus einem Soldaten einen Menschen und pflanzt ihm den wertvollen Wunsch ein zu leben.» Tschech hört Lieder, wenn er Militärwagen fährt, nimmt Kopfhörer mit aufs Schlachtfeld und vergisst so das Grauen des Krieges.

Schon der Sohn, an den er immer wieder denkt, spielt Gitarre: «Ob ich es noch erleben würde, dass er endlich «Yesterday» von den Beatles spielen kann?» Später spenden ihm die tiefen Frauenstimmen etwa von Lana del Rey ein wenig Wärme. «Sie sind wie ein zärtlicher Hauch aus der Welt der Liebe und des Friedens.»

Das kann zu Tränen rühren, weil man dem Autor glaubt. Die Lieder der «anderen Welt» bleiben zuletzt trotzdem mehr Trost als Rettung. Der zum Schluss um einen endlos langen Schlaf bettelnde Tschech wirkt fast schon lebensmüde. Und sein Buch ist das unbeschönigte Zeugnis einer mentalen Zerstörung. Der Krieg ist die Hölle.

Artem Tschech. Musik für einen Soldaten. Klett Cotta Verlag. 192 Seiten. (schweizheute.ch)

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