Neuer Index zeigt: Schweiz bietet weltweit beste Bedingungen für den Kapitalismus
Die Schweiz führt den neuen Global Capitalism Index (GCI) an. Mit 96,9 von 100 möglichen Punkten liegt sie 2025 vor den USA (95,0), Hongkong (94,5), Kanada (93,8) und Singapur (93,3). Das zeigt die erste Ausgabe des Index, den Forschende der University of Virginia Anfang Oktober veröffentlicht haben. Auf dem letzten Platz der 161 bewerteten Länder liegt Venezuela mit 8,9 Punkten.
Die Forschenden haben den Global Capitalism Index rückwirkend bis 2009 berechnet. Damals führten Singapur und Hongkong die Rangliste an, die Schweiz lag auf Platz 5. Seither hat sie sich um vier Plätze verbessert. Auch für andere Länder ging es nach oben: die USA verbesserten sich beispielsweise von Rang 6 auf 2. Aus den Top 10 gefallen sind dagegen Grossbritannien, Irland, Finnland und die Niederlande. Neu dabei sind Kanada, Luxemburg, Australien und Norwegen.
Starke Banken als Trumpf
Der Aufstieg der Schweiz kommt im Ländervergleich überraschend, denn Westeuropa als Region verlor im Schnitt rund vier Punkte (von 89,2 auf 85,3). Sie hat jedoch davon profitiert, dass sie in jenen Bereichen besonders stark ist, in denen Europa und der Rest der Welt in den letzten Jahren an Offenheit verlor: Bei den Kapitalmärkten liegt die Schweiz auf Rang 2, beim Arbeitsmarkt auf Rang 1.
Besonders gut schneidet die Schweiz bei der Stabilität des Bankensystems ab, einem von acht Teilbereichen des Index. Im Schnitt der Jahre 2016 bis 2024 erreichte sie dort 91,3 Punkte. Das ist mehr als bei allen sechs westeuropäischen Vergleichsländern der Studie, etwa Luxemburg (90,2) oder Deutschland (63,6).
Weltweit blieb der Mittelwert nahezu stabil (von 64,1 auf 63,5 Punkte). Dahinter stecken gegenläufige Entwicklungen: Kapitalmärkte (minus 9,1 Punkte) und freier Kapitalverkehr (minus 5,5) sind seit 2009 weniger offen geworden, so die Studienautoren, die Stabilität der Banken hat dafür um 9,9 Punkte zugelegt.
Der Rückgang beim Waren- und Kapitalverkehr war breit abgestützt: Zwischen 2017 und 2020 verloren die indexierten Länder im Schnitt 5,6 Punkte, am stärksten Indien, Ungarn und Irland. Die USA hielten ihren Wert (2025: 84,7 Punkte, 2009: 80,4). Auch in der ersten Amtszeit von Donald Trump sank der Wert der USA in diesem Teilindex nicht. Die Folgen der Zollpolitik seit 2025 dürften in den Daten allerdings noch kaum erfasst sein.
Was der Index misst – und was nicht
Der GCI bewertet nicht Wohlstand oder Wirtschaftsleistung, sondern die institutionellen Voraussetzungen für funktionierende Märkte. Dazu zählen Eigentumsrechte, Wettbewerb, Arbeitsmarkt, Banken, Kapitalmärkte, Firmengründungen und der freie Waren- und Kapitalverkehr. Die Autoren verstehen Kapitalismus als System, das den möglichst freien Einsatz von Kapital erlaubt. Dem Staat sprechen sie eine Rolle zu: Er soll die nötigen Institutionen sichern.
Gemäss Studienleiter Scott Miller kann Kapitalismus generell komplett unterschiedlich interpretiert werden. Deshalb wolle man ihn definieren und messen.
Hohe GCI-Werte gehen tendenziell mit mehr Lebenszufriedenheit (Korrelation 0,71 mit dem Glücksindex) und etwas geringerer Einkommensungleichheit (minus 0,37) einher. Mit der Steuerbelastung hängt der Index nur schwach zusammen: Die nordischen Länder haben hohe Steuerquoten und trotzdem Spitzenwerte. Diese Korrelationen sind aber kein Beleg für Ursache und Wirkung.
Die Forschenden nennen auch Grenzen. Ein Teil der Daten stammt aus Befragungen von Führungskräften. Solche Umfragen fallen laut Studie tendenziell zu positiv aus, wo die Institutionen ohnehin stark sind. Zudem hängt die Qualität des Index von der Datenlage ab: Länder mit geschlossener Wirtschaft oder Konflikten fehlen teilweise ganz.
