Schweiz zählt zu den stabilsten Demokratien der Welt – die USA im freien Fall
Dass das US-Justizministerium eine neue Ballsaal-Erweiterung fürs Weisse Haus im April 2026 mit «nationaler Sicherheit» begründet, zeigt exemplarisch, wie weit die Grenzen zwischen exekutiver Macht und rechtsstaatlicher Kontrolle in den USA bereits verschoben sind.
Der heute veröffentlichte «Global State of Democracy 2026»-Bericht des International IDEA dokumentiert diese Demokratie-Erosion eindrücklich mit Zahlen: Fast die Hälfte der 30 Indikatoren, mit denen die Organisation amerikanische Demokratie misst, liegt auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Datenerhebung 1975 – darunter Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Zugang zur Justiz und die Wirksamkeit des Parlaments.
• Repräsentation – glaubwürdige Wahlen, Parteienfreiheit, wirksames Parlament
• Rechte – Justizzugang, bürgerliche Freiheiten, Gleichstellung
• Rechtsstaatlichkeit – unabhängige Justiz, Schutz vor Korruption und Gewalt
• Partizipation – Zivilgesellschaft, Engagement, Wahlbeteiligung
Der Absturz ist laut IDEA kein Zufall, sondern Folge einer bewussten Strategie: Die zweite Trump-Administration hat die Macht der Bundesregierung systematisch im Weissen Haus gebündelt – auf Kosten von Kongress, Bundesgerichten und der übrigen Exekutive. Dahinter steht die sogenannte «Unitary Executive Theory», wonach der Präsident die alleinige und letztgültige Autorität über die gesamte Exekutive besitzt; Kritiker sprechen von radikalem Präsidentialismus.
Der Kongress, kontrolliert von einer aussergewöhnlich loyalen republikanischen Mehrheit, hat laut Bericht kaum Widerstand geleistet – etwa als das Weisse Haus per «Impoundment» bereits vom Parlament bewilligte Gelder eigenmächtig zurückhielt. Die Folge: der tiefste «Effective Parliament»-Wert in der Geschichte der GSoD-Indizes.
In der Kategorie Repräsentation stürzte die USA innert Jahresfrist um acht Plätze auf Rang 51 ab, bei den Rechten verlor die einstige Vorzeige-Demokratie 15 Ränge (neu Platz 42), bei der Rechtsstaatlichkeit 9 Ränge (Platz 37) und bei der Partizipation 14 Ränge (Platz 19).
IDEA-Generalsekretär Kevin Casas-Zamora bringt es auf den Punkt: Die Erosion der Gewaltenteilung in Washington schwäche das globale Vertrauen in die internationale Ordnung und ermutige autoritäre Regierungen. Die Ursachen reichen dabei tiefer als in die Trump-Jahre zurück: Der Bericht verweist auf jahrzehntealte, ungelöste Konflikte um wirtschaftliche Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung, die den Boden für die aktuelle Entwicklung bereitet hätten.
Schweiz bleibt in der Spitzengruppe
Die Schweiz zeigt fast das Gegenteil. Zusammen mit Dänemark und Deutschland bildet sie gemäss dem Bericht seit 2024 die Spitzengruppe bei den Grundrechten – mit stabiler, praktisch unveränderter Leistung. Auch bei Rechtsstaatlichkeit (Rang 3) und Partizipation (Rang 2 von 173 untersuchten Ländern) gehört sie zur globalen Elite, einzig bei der Repräsentation reicht es wohl wegen des fehlenden Wahlrechts für Ausländerinnen und Ausländer «nur» für Platz 18.
Generell deckt sich der Befund mit dem, was politikwissenschaftlich oft als Erklärung für Schweizer Stabilität angeführt wird: eine über Kantone und Gemeinden verteilte Macht, die referendumsfähige direkte Demokratie und eine Konsensregierung ohne dominante Einzelperson an der Spitze – ein System, das genau jene Machtkonzentration erschwert, die den USA gerade zum Verhängnis wird.
Eingebettet ist der US-Absturz in einen globalen Trend: 2025 war weltweit das elfte Jahr in Folge, in dem mehr Länder demokratisch zurückfielen als sich verbesserten – die längste ununterbrochene Abwärtsspirale seit Beginn der Datenerhebung.
International IDEA warnt, dass schwache Demokratien mit eingeschränkter politischer Konkurrenz überdurchschnittlich oft in gewaltsame Konflikte verwickelt sind. Für die Schweiz bedeutet das: Ihre Stabilität ist in diesem Umfeld nicht die Regel, sondern eine zunehmend seltene Ausnahme.
