Wirtschaft
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Bis zu 600 Medikamente sind in der Schweiz nicht lieferbar – was bedeutet das?

Das Thema ist ein Dauerbrenner: Seit Jahren können gewisse Medikamente in der Schweiz nicht geliefert werden. Auch diese Session gingen wieder Vorstösse von besorgten Politikern ein. Was unternimmt der Bund? Und wie Ernst ist die Situation? Die wichtigsten Antworten.

Anna Wanner / ch media



ARCHIV - Der Kommissionierautomat im Lager der neu sanierten Spitalpharmazie im Inselspital holt Medikamente fuer eine Bestellung aus den Regalen am Donnerstag, 2. Mai 2013 in Bern. - Falsch abgegebene Medikamente koennen schwere Folgen für Spitalpatienten haben. Fachleute der Berner Fachhochschule haben nun eine Methode entwickelt, mit der sich Fehler in der Medikamentenabgabe verringern lassen. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

In den Spitälern, Pflegeheimen und Arztpraxen sind die Lieferengpässe von wichtigen Medikamenten zu einem täglichen Problem geworden. Bild: KEYSTONE

Sie gehörte lange zu den einsamen Rufern in der Gesundheitspolitik: Die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim befasst sich seit Jahren mit den Schwierigkeiten der Medikamentenversorgung in der Schweiz. Reihenweise Interpellationen und Fragen darüber, wie Versorgungsprobleme zu lösen sind und welche Massnahmen der Bundesrat dagegen trifft, sind inzwischen auch von anderen Politikern eingegangen.

Bea Heim, SP-SO, spricht waehrend der Fruehlingssession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 21. Maerz 2019 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Bea Heim, SP-Nationalrätin aus Solothurn, befasst sich seit Jahren mit dem Problem der Lieferengpässe. Bild: KEYSTONE

Bea Heim geht nun noch einen Schritt weiter, sie hat eine parlamentarische Initiative eingereicht, welche den Bund auffordert die Armeeapotheke zu einer «Volksapotheke» aufzubauen und so aufzustocken, dass die Versorgung nicht nur für Armeeangehörige reicht, sondern für die ganze Bevölkerung. Das würde bedeuten: Bei Knappheit darf die «Volksapotheke» Arzneimittel einführen, handeln und sogar herstellen - allenfalls unter Abweichung vom Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit.

Wie gravierend ist die Lage, dass solche Massnahmen gefordert werden?

Alle paar Tage aktualisiert das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung die Liste der Versorgungsengpässe von lebenswichtigen Arzneimitteln. Die Anzahl und die Art der Medikamente variiert. In den Jahren 2017 und 2018 wurden insgesamt 177 Versorgungsengpässe bei 81 Wirkstoffen gemeldet. Das mag nach wenig klingen. Doch erstens ist die Rede von einer Zunahme von 46 Prozent zwischen 2017 und 2018. Zweitens gehören wichtige Antibiotika, Krebsmedikamente sowie Kinderimpfstoffe zu den Mitteln, die plötzlich knapp wurden. Drittens hat das zuständige Bundesamt in einem Bericht unlängst festgestellt, dass die Anzahl und die Schwere der Versorgungsstörungen zunehmen.

Wieso ist dann von mehreren hundert fehlenden Medikamenten die Rede?

Der Bund erfasst über die Meldestelle für lebenswichtige Humanarzneimittel die aktuellen Versorgungsengpässe von lebenswichtigen Medikamenten (aktuell sind es 51) und Impfstoffen (aktuell sind es 10). Der Berner Spitalapotheker Enea Martinelli führt hingegen eine Liste aller nicht verfügbaren Medikamente. Seine Liste drogshortage.ch zählt 593 Lieferengpässe, darunter über 100 verschiedene Blutdruckmittel, über 30 Schmerzmittel und 20 Antibiotika. Die Häufung von Medikamenten mit gleicher Wirkung hängt mit der Herstellung der Wirkstoffe zusammen: Meist gibt es nur noch einen oder zwei Hersteller eines wichtigen Bestandteils des Medikaments. Fällt dieser aus, verzögert oder verunmöglicht dies die gesamte Produktion.

Was unternimmt der Bundesrat, um die Lieferengpässe zu überbrücken oder gar zu verhindern?

Der Bund hat 2015 die Meldepflicht bei Mangel oder Lieferengpässen von lebenswichtigen Medikamente eingeführt. Zudem sind private Firmen (Hersteller und Importeure) verpflichtet, ein Lager für bestimmte Medikamente zu halten. Da sich die Engpässe häuften, hat der Bund die Pflichtlagerhaltung in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Zusätzlich zu Antibiotika wurden auch starke Schmerzmittel und Opiate sowie Mittel zur Behandlung der Tuberkulose in die Pflichtlagerhaltung aufgenommen.

Hält der Bundesrat die Massnahmen für ausreichend?

Aus Sicht des Bundesrats funktioniert das System der Pflichtlager, wie er auf eine Frage von SVP-Nationalrätin Verena Herzog (TG) geantwortet hat. Die Liste werde ständig angepasst und die Behörden seien im Kontakt mit der Industrie und den Spitälern und könnten so Engpässe frühzeitig erfassen. Über die Pflichtlager konnten fehlende Medikamente trotzdem zur Verfügung gestellt werden: In den vergangenen zwei Jahren mussten sie 29 Mal angezapft werden, um Engpässe zu überbrücken. Das zuständige Bundesamt prüft, ob allenfalls zusätzliche Medikamente auf die Liste lebenswichtiger Medikamente aufgenommen werden sollen. Zudem schiebt der Bund die Verantwortung den Akteuren des Gesundheitssystems zu: Pharmahersteller, Grossisten, Apotheken und Spitäler müssten die Versorgung sicherstellen. «Erst in schweren Mangellagen, denen die erwähnten Akteure nicht mehr selber zu begegnen vermögen, muss der Staat intervenieren», schreibt der Bundesrat in einer Antwort auf einen Vorstoss von FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois (FR). Allerdings dringt in der Antwort zwischen den Zeilen durch, dass bereits heute nicht jede Mangellage gemeistert werden kann: «Der Aufbau der Pflichtlager ist im Gang, kommt aber aufgrund von Lieferproblemen nur zögerlich voran, weil dem knappen Markt nicht noch Waren zu Lagerzwecken entnommen werden können.»

Wieso ist die Einschätzung der Situation so unterschiedlich?

Von den Engpässen direkt Betroffene wie der Spitalapotheker Enea Martinelli sind jeden Tag mit Patienten konfrontiert, die unter den Lieferengpässen leiden. Ärzte und Apotheker müssen Kreativität beweisen: Etwa Medikamente anpassen oder neue verabreichen. Das ist nicht nur ein zusätzlicher Aufwand (Stichwort Kosten), es ist auch nicht immer möglich, gerade weil die Wirkungen und Nebenwirkungen sich je nach Wirkstoff stark unterscheiden können.

Wie kommt es denn zu solchen Lieferengpässen?

Laut Bundesrat sind die Ursachen «vielfältig und komplex». Kurzfristig ist meist ein Herstellungsproblem für einen Lieferengpass verantwortlich. Wenn wie vor zwei Jahren die Produktionsstätte eines wichtigen Antibiotikums in China explodiert, fehlt bald nicht nur das Antibiotika, das weltweit keine andere Firma mehr herstellt. Auch ähnlich wirkende Präparate sind schneller vergriffen, weil die Ärzte und Apotheker alle auf dieselben Antibiotika ausweichen. Gleichzeitig sind Verunreinigungen von Medikamenten zunehmend ein Thema: Im Mai wurde das Antirheumatikum Ponstan zurückgerufen, weil es die zulässige Dosis an Blei und Lithium überschritten hatte. Auch bei verunreinigten Medikamenten spielt die Globalisierung eine Rolle: Wichtige Hilfsstoffe für Medikamente werden teilweise nur noch von einem einzigen Hersteller produziert. Läuft etwas schief, ist die Produktionskette für viele Medikamente mit demselben Wirkstoff unterbrochen. Von Lieferengpässen ist deshalb nicht nur die Schweiz betroffen, doch sie hat ein zusätzliches Problem.

Was ist in der Schweiz anders?

In der Schweiz entstehen längerfristige Versorgungslücken oft, weil ein Produkt aus Rentabilitätsgründen eingestellt wird. Weil der Schweizer Markt relativ klein ist, lohnt es sich auch nicht für jeden Hersteller, eine Zulassung zu erlangen. Diese muss für jedes Medikament eingeholt werden, auch wenn es beispielsweise in Europa längst abgegeben wird. Was für die Konsumenten als Besserung verkauft wird, hat also eine Schattenseite: Die Medikamentenpreise in der Schweiz purzeln ständig, dabei waren die hohen Margen bis anhin ein Versorgungsgarant. Unter dem Strich führt aber der weltweite Preisdruck gerade bei Produkten, deren Patent abgelaufen ist, zu einem Verzicht vieler Hersteller, weiter zu produzieren. Dazu gehören gerade auch wichtige Antibiotika oder Impfstoffe. Die Preise können zuweilen die Gestehungskosten nicht mehr decken, kaum eine Firma will deshalb solche Arzneimittel herstellen. Es bleiben also wenige Produzenten in China oder Indien, welche den Weltmarkt weiterhin beliefern. Doch das hat laut Experten direkten Einfluss auf die Qualität: Sie sprechen von «Ramsch», analog etwa zu den Plastikspielzeugen, die in den Billiglohnländern hergestellt werden.

Wie kann das Problem der Lieferengpässe behoben werden?

Die Schweiz alleine kann das globale Problem nicht lösen. Einzelne Staaten haben nun damit begonnen, den Export von Arzneimitteln zum Schutz der eigenen Bevölkerung einzuschränken. Eine Verbesserung der aktuellen Situation ist laut SP-Gesundheitspolitikerin Bea Heim möglich. Denn sie ist überzeugt, dass der freie Markt nicht mehr in der Lage sei, Lieferverzögerungen auszugleichen. «Es ist daher Zeit, den Ausbau der Armeeapotheke zur Volksapotheke anzugehen, zum Beispiel mit der Erweiterung der Eigenproduktion», verlangt sie in der eingangs erwähnten Initiative. Da die Kosten zur Überbrückung der Versorgungsengpässe steigen, mache eine Volksapotheke auch diesbezüglich Sinn. «Die durch die Volksapotheke entstehenden Kosten sind jenen gegenüber zu stellen, mit denen bei einer Beeinträchtigung der Volksgesundheit und der Volkswirtschaft aufgrund zunehmendem Mangel an Medikamenten und Impfstoffen zu rechnen wäre.» Allerdings ist Heims Vorschlag nur ein Ansatzpunkt. Die Gewährung von Parallelimporten würde das Problem ebenfalls mindern. Und die Diskussion um die Generikapreise, die im Herbst neu aufgenommen wird, erhält vor diesem Hintergrund ebenfalls neue Aktualität: Macht es Sinn die Preise so stark zu drücken, wenn es letztlich dazu führt, dass sich Hersteller aus dem Markt zurückziehen und so die Versorgungssicherheit gefährden?

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24
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    Alle Leser-Kommentare
  • The Destiny // Team Telegram 21.06.2019 18:52
    Highlight Highlight Patentrecht für Medikamente welche nicht angeboten werden aufheben!
  • Sherlock_Holmes 21.06.2019 17:55
    Highlight Highlight Das Thema ist nicht neu (vgl. TA)

    Auf Dauer ist dies kein haltbarer Zustand.
    Je öfter auf die Pflichlager zurück gegriffen werden muss, desto tiefer sinkt der Bestand und umso schwieriger wird es, diesen wieder anzuheben.

    Die Abhängigkeit von immer weniger Konzernen offenbart eine der verletzlichsten Schwachstellen unsrer medizinischen Versorgung.

    Wenn die Erhöhung und Ausweitung der Pflichtlager nicht mehr sicher gestellt werden kann, wird schliesslich der Bund gezwungen sein, die Produktion zu übernehmen.

    Die Alternativen will sich niemand vorstellen – geschweige denn erfahren – wollen.
  • Töfflifahrer 21.06.2019 15:50
    Highlight Highlight Mittlerweile muss ich sagen, ich unterstütze die Idee mit der Erweiterung der Armee- zur Volks-Apotheke. Es ist nun genügend bewiesen, der Markt regelt das alles eben nicht.
    • Alnothur 21.06.2019 23:31
      Highlight Highlight Und dann erscheinen aus dem Nichts plötzlich Medikamente, die momentan zum Einlagern in die Pflichtlager fehlen?
  • Alnothur 21.06.2019 15:30
    Highlight Highlight Verstehe ich das richtig, der Bund soll zum Pharmaunternehmen werden und selbst produzieren? 🤦‍♂️
    • leu84 21.06.2019 17:18
      Highlight Highlight Nein, mehr einlagern.
    • Alnothur 21.06.2019 23:30
      Highlight Highlight «Es ist daher Zeit, den Ausbau der Armeeapotheke zur Volksapotheke anzugehen, zum Beispiel mit der Erweiterung der Eigenproduktion»

      Aha. Ja, das tönt ja voll nach einlagern.
    • Patrik Hodel 23.06.2019 09:52
      Highlight Highlight Die nötige Infrastruktur und das Wissen wärenvorhanden, die Idee ist nicht schlecht.
      Ich weis nicht, was Alnothur zu bemängeln hat?
  • 7immi 21.06.2019 15:06
    Highlight Highlight War beim Tamiflu auch so, die Armeeapotheke produzierte einen Grossteil des schweizer Bestandes.
  • WerWillSchonStringenzUndSachkenntnis 21.06.2019 14:25
    Highlight Highlight Da schrieben uns die Medien doch immer, die Medis seien überteuert. Und hier heisst‘s, dass es sich für Hersteller nicht mehr lohnt.
    Vielleicht sind die Unternehmen doch nicht immer nur die Bösen...
    • Patrik Hodel 23.06.2019 09:53
      Highlight Highlight Die Frage ist, was die Hersteller als "sich lohnend" betrachten.
      Wohl nur, was dem höchsten Kader und den Aktionären riesige Gewinne beschert.
  • Sam139 21.06.2019 14:07
    Highlight Highlight Ich als Spitalapotheker kann das nur unterschreiben. Grauenhafte Situation, welche viel Arbeit und Kosten generiert. Import von deutschen Arzneimitteln zur Überbrückung ist alltäglich. Tja zu tiefe Medikamentenpreise (Ausnahme Krebs, Immun) führen bei den Firmen halt zum knallharten Einstellen der Produkte.

    Aber schön immer kleinere Margen verlangen....
    • Pisti 21.06.2019 14:22
      Highlight Highlight Die Margen sind in der Schweiz jenseits von gut und böse. Viele Medikamente fehlen einfach, weil man damit zu wenig Gewinn macht. Und wenn man sich ein in der Schweiz überteuertes Medikament selbst aus dem Ausland holt, zahlt es die KK nicht. So viel zum Thema Kosten senken.
      Unser Gesundheitswesen ist wohl mit Abstand das teuerste in der Welt, spitze aber schon längst nicht mehr.
    • Triumvir 21.06.2019 14:30
      Highlight Highlight Als ob hier in der Schweiz zu kleine Margen verlangt werden. Witz komm raus ...
    • Loe 21.06.2019 15:43
      Highlight Highlight Unser Gesundheitswesen ist nicht einmal annähernd eines der teuersten. Aber hauptsache mal etwas Frust ablassen.

    Weitere Antworten anzeigen
  • Momos 21.06.2019 14:06
    Highlight Highlight Wahnsinn... diese Gier der Pharma aufgrund zu tiefer Margen... 🤷‍♂️ Darum muss die Politik in diesem Fall steuern und nicht der Markt!
    • loplop717 21.06.2019 14:20
      Highlight Highlight Das Problem ist das zum Teil die Preise von Medikamenten gedrückt werden, welche schon fast keine Margen haben z.B. Antibiotika.
    • Gipfeligeist 21.06.2019 14:21
      Highlight Highlight zu tiefe Margen nichts mit der Pharma-Gier zu tun, sondern mit Knallharter Marktwirtschaft. Wenn China billiger produziert, lohnt es sich halt nicht mehr...
    • Töfflifahrer 21.06.2019 15:51
      Highlight Highlight Und dieser Bande werden nun noch mehr Steuergeschenke gemacht!
  • Xonco aka. The Muffin Man - Eingebünzelt 21.06.2019 14:04
    Highlight Highlight Macht es Sinn die Preise so stark zu drücken, wenn es letztlich dazu führt, dass sich Hersteller aus dem Markt zurückziehen und so die Versorgungssicherheit gefährden?


    Ja macht es, sollen wir uns dadurch einschüchtern lassen?

    Wer kommt auf solche Argumente?

    Ich kauf kein Fahrrad weil die Decke nachts Warm genug gibt?

Migros warnt vor Peperoncino-Öl – wegen Glasteilen im Glas

Für das aus Italien stammende Produkt wurde eine Rückrufaktion lanciert.

Die Migros und Haecky Import AG rufen Eccellenze d'Italia «Aglio, olio e peperoncino» von Gruppo Fini zurück. In dem Produkt können möglicherweise Glasteile enthalten sein, wie es in einer Mitteilung heisst.

Kundinnen und Kunden werden gebeten, dieses Produkt nicht zu konsumieren. Kunden, die das betroffene Produkt zu Hause haben, können dieses in ihre Migros-Filiale zurückbringen und erhalten den Verkaufspreis zurückerstattet

Vom Rückruf betroffen ist folgender Artikel:

Auf der Migros-Website …

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