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Analyse

Alte weisse Männer gegen den Green New Deal

«SonntagsBlick»-Kolumnist Frank A. Meyer wettert gegen elitäre «Weltumbauer». Doch der kleine Mann will einen ökologischen Umbau der Wirtschaft.
08.06.2020, 12:1908.06.2020, 12:30

Schön, dass es wirtschaftlich wieder aufwärts geht. Weniger schön hingegen ist es, wenn das zum Anlass genommen wird, gegen eine ökologische Erneuerung der Wirtschaft zu polemisieren.

Beispiel Frank A. Meyer. In seiner jüngsten «SonntagsBlick»-Kolumne beweist er einmal mehr, dass die Menschen im Alter nicht weise, sondern meist bloss reaktionär werden. Meyer polemisiert gegen eingebildete «Weltumbauer» – was für ein schreckliches Wort – und warnt:

«Wer den Rückblick auf die Zeiten vor Corona zum finsteren Schreckensbild einer rücksichtslos produzierenden und hemmungslos konsumierenden westlichen Zivilisation ausmalt, der missbraucht den gesundheitspolitisch angebrachten Ausnahmezustand für eigene Zwecke.»

Meyer, der selbst in einer 500-Quadratmeter-Wohnung in Berlin haust, entwickelt sehr viel Empathie für die Menschen, die «mit ihren Kindern in Dreizimmerwohnungen ausharren mussten», und die jetzt ihren «Benzinwagen ausfahren» möchten. Er donnert:

«Jawohl, die unzähligen einfachen Leute, die kleinen Bürger, die Kleinbürger, die von elitärer Warte aus so leichthin verachteten Spiesser – sie fordern ihr Recht. Auf ihren Alltag. Mit Recht.»

Weder der an Max Frisch angelehnte Sprachstil noch die Zitate des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno – dessen Schriften übrigens genauso schlecht gealtert sind wie Meyers Kolumnen – können über dieses unterirdische «Buure-Z’Morge»-Niveau hinwegtäuschen.

«SonntagsBlick»-Kolumnist Frank A. Meyer.
«SonntagsBlick»-Kolumnist Frank A. Meyer.

Auch die «SonntagsZeitung» mochte nicht hintanstehen. Sie stellt erleichtert fest, dass in der Schweiz der Rückhalt für ein Konjunkturprogramm fehle, und stellte stattdessen im grossen Interview dem Motorenentwickler Fritz Indra eine sehr grosse Bühne zur Verfügung.

Darauf kann der mittlerweile 80-jährige Österreicher den Verbrennungsmotor lobpreisen, längst widerlegte Thesen über Batterien verbreiten und ausgemachten Unsinn in die Welt setzen wie: «Viele Tesla-Fahrer haben aber auch noch einen Ferrari oder Porsche in der Garage.»

Wieder klares Wasser in Venedig.
Wieder klares Wasser in Venedig.Bild: AP

Zum Glück erinnert uns am Montag Martin Läubli im «Tages-Anzeiger» daran, dass die Schweiz das Klimaabkommen von Paris ratifiziert und sich verpflichtet hat, «die Emissionen der Treibhausgase bis 2030 um 50 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren». Von diesem Ziel sind wir weit entfernt.

Die Coronakrise hat uns ein paar ökologische Highligths beschert. Etwa, dass in Venedig nun Fische anstatt überdimensionierte Kreuzfahrtschiffe im Meer schwimmen oder dass sich in Indien erstmals wieder seit Menschengedenken ein blauer Himmel über Neu Dehli wölbt.

Doch es besteht auch, wie der ETH-Raumplaner Ruedi Meier jüngst in einem «watson»-Interview erklärt hat, die «Gefahr, dass wir die alte Wirtschaft einfach wieder hochfahren».

Niemand will die Coronakrise für weltfremde Experimente einer abgehobenen Elite missbrauchen. Auch die von «NZZ»-Chefredaktor Eric Gujer verbreitete Angst vor einem «Seuchen-Sozialismus» ist Quatsch. Hingegen drückt das leicht abgedroschene Zitat von Churchill perfekt aus, worum es jetzt geht: Man sollte keine Krise nutzlos verstreichen lassen.

Ebenfalls im «Tages-Anzeiger» lesen wir heute von 100’000 Arbeitslosen, die wir möglicherweise bald haben. Ein Konjunkturprogramm im Sinne eines Green New Deal macht daher ökonomisch und ökologisch Sinn – und wir sind in der Lage, ein solches Programm kurzfristig auf die Beine zu stellen. Nochmals Ruedi Meier:

«In der Schweiz befinden wir uns in der glücklichen Lage, dass wir seit einiger Zeit Klimapolitik betreiben. Der Charme unseres Programms besteht darin, dass wir dort ansetzen, wo wir bereits heute aktiv sind: Gebäude werden energieeffizienter, Wärmepumpen ersetzen Ölheizungen und auch bei der Elektromobilität tut sich etwas. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass es genügend Elektro-Ladestationen gibt. Der Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF) macht es möglich, dass wir – zusammen mit der Wirtschaft – weitere wirksame Massnahmen ergreifen können.»

Nicht nur Wirtschaftsführer und Bankiers haben begriffen, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft höchste Priorität hat. Es ist auch bei der Bevölkerung angekommen. «NZZ am Sonntag» zitiert eine Greenpeace-Umfrage, die besagt: 80 Prozent der Befragten wollen, dass der Staat klimaschonend zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Schäden der Pandemie investiert. Mit anderen Worten: Der kleine Mann ist deutlich smarter als der alte weisse Mann in Berlin. Er braucht Meyers Paternalismus nicht.

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137 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Stinkstiefel
08.06.2020 12:53registriert Juni 2015
"... der kleine Mann will einen ökologischen Umbau der Wirtschaft"

Das ist schon ziemlich weit simplifiziert. Vor allem wenn der einzige Beleg dafür eine Umfrage von Greenpeace ist. Nüchtern betrachtet zählen für den kleinen Mann (wie auch für sein reiches Pendant) kurz- bis mittelfristig wohl immer noch die finanziellen Anreize. Das ist ja genau der Grund, weshalb es beim Klimaschutz harzt.
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oknxsw
08.06.2020 12:46registriert Juli 2016
Und wenn wir schon über Elitarismus sprechen:

Die wenigsten «Buure-Z’Morge» sind politisch, sondern es geht um geselliges Beisammensein, um frisches, feines Essen von den Höfen in der Region, um das Näherbringen der „das Gute liegt so nah“-Erkenntnis für die nicht-ländliche Bevölkerung.

Auch wenn die SVP einige davon organisiert und für ihre Zwecke gebraucht (vielleicht auch mal missbraucht) hatte und hat: Ich sehe nicht, dass das (Gesprächs-)Niveau da unterirdisch wäre.

Löpfes Definition des «Buure-Z’Morge-Niveau» ist mindestens so schrecklich, wie er den Begriff «Weltumbauer» empfindet.
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walsi
08.06.2020 13:13registriert Februar 2016
Ich stelle mir gerade vor, ich würde junge schwarze Männer so beurteilen und abstempeln, wie es Herr Löpfe mit den alten weissen Männern tut. Man würde mich zurecht als Rassisten beschimpfen.
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