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This Oct. 6, 2014, photo shows a new vertical part of the Yarkon cemetery outside of the city of Petah Tikva, Israel. With real estate at a premium, Israel is at the forefront of a global movement building vertical cemeteries in densely populated countries. The reality of relying on finite land resources to cope with the endless stream of the dying has brought about creative solutions. (AP Photo/Dan Balilty)

Ein Friedhof geht in die Höhe: In Petach Tikva bei Tel Aviv wurde das Gebäude errichtet, um Raum für neue Bestattungen zu schaffen. Bild: AP

Vertikaler Friedhof in Israel

Hochhäuser für die Toten: «Wenn wir schon übereinander leben, dann können wir auch übereinander sterben»

Auf vielen Friedhöfen in Israel wird der Platz knapp. Ein radikales Konzept soll nun das Problem lösen – und stösst auf Widerstand. Dabei wird in Grossstädten weltweit ähnlich gedacht.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Es sieht aus wie Tausende andere Betonbauten auch: grau, stufenförmig angelegt, verwechselbar. Doch das Gebäude neben einer Schnellstrasse bei Tel Aviv wird in manchen Kreisen als bahnbrechend angesehen: Es wird nur Tote beherbergen – ein Friedhof in der Vertikalen.

Das Konzept ist aus der Not geboren. Grundstücke sind in Israel knapp, in dichtbesiedelten Gebieten ist für neue oder erweiterte Friedhöfe kein Platz. Mit dem Bau ist Israel aber nicht allein. Von Brasilien bis Japan gibt es derartige Bestattungsstätten. In Israel sollen sie bald Standard sein. 

«Wenn wir schon übereinander leben, dann können wir auch übereinander sterben.»

Architekt Tuvia Sagiv

Vertikaler Friedhof

Von religiöser Seite sind die Bauten akzeptiert, auch von ultraorthodoxen Juden – angesichts überfüllter Friedhöfe bleibt keine andere Wahl. «Es gibt einfach keinen Platz», sagt Architekt Tuvia Sagiv. «Es ist unsinnig, dass wir in Apartment-Hochhäusern übereinander leben und dann in Villen sterben. Wenn wir schon übereinander leben, dann können wir auch übereinander sterben.»

Der Yarkon-Friedhof am Rand von Tel Aviv ist Sagivs Vorzeigeprojekt. Er ist der Hauptfriedhof für die Grossstadt, 110'000 Grabplätze auf rund 60 Hektar. Dank 30 Vertikal-Bestattungsbauten soll die Kapazität um 250'000 Gräber steigen, ohne dass mehr Land benötigt wird. Dadurch sollte für die nächsten 25 Jahre genug Raum für Bestattungen sein. 

«Es ist schon gewöhnungsbedürftig», sagt Sagiv, als er auf dem ersten fertiggestellten Gebäude steht. Es ist 22 Meter hoch. «Aber es ist einfach am sinnvollsten.» Pro Stockwerk gibt es quasi einen Friedhof.

«Gott hat uns das Land zum Leben gegeben, nicht zum Sterben»

Das Problem überfüllter Friedhöfe hat nicht nur Israel. Im brasilianischen Santos steht ein Gebäude mit 32 Stockwerken, in dem bis zu 180'000 Menschen beerdigt werden können. In Tokio gibt es einen Vertikal-Friedhof, bei dem Besucher mit speziellen Karten die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen über ein Fliessbandsystem zu sich bringen lassen können. In Zukunft werden die platzsparenden Lösungen wohl noch weiter in die Höhe gehen. Es gibt Pläne für Friedhofstürme in Paris und Mumbai. In Mexiko-Stadt soll ein «Turm für die Toten» errichtet werden – inklusive eines 250 Meter tiefen Kellers für weitere Bestattungen. In Peking wird der Kauf von Grabplätzen in vertikalen Friedhöfen subventioniert. 

Aber nur in Israel gibt es offenbar einen von der Regierung unterstützten Masterplan. Nur wer sich schon einen Platz gesichert hat, bekommt noch ein traditionelles Einzelgrab. Ansonsten werden sie nicht mehr angeboten.  

Befürworter sagen, das neue System sei umweltfreundlich und mache Besuche einfacher. Doch viele sehen den Wandel kritisch. In einem Fall drohte eine Familie, falls der Verstorbene ein Grab in einer Wand bekomme, werde man den Friedhofsverwalter ebenfalls dorthin befördern. 

Zu den Kritikern gehört auch Shmuel Slavin. Er hat einen Bericht über Israels Friedhofskrise verfasst. In Gegenden wie der Negev-Wüste gebe es genug Raum für neue Friedhöfe, sagt er. Er sehe keinen Grund, eine althergebrachte Tradition auf so emotionale Weise zu verändern. Die neuen «Totenstädte» müssten teuer erbaut und unterhalten werden. Und: «Hier gibt es Traditionen. Die Leute wollen wie ihre Eltern begraben werden.»

Befürworter entgegnen, wer das wolle, habe immer noch diese Option – man müsse dann nur weiter fahren und dafür bezahlen. Friedhöfe seien aber für die Lebenden gebaut, die ihre toten Angehörigen besuchten. «Wenn es keinen Platz mehr gibt, um in Jerusalem Häuser zu bauen, ziehe ich es vor, Leute in mehreren Schichten übereinander zu bestatten», sagt ein Friedhofsmanager. «Gott hat uns das Land zum Leben gegeben, nicht zum Sterben.»

(ulz/AP)

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