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Astrazeneca-Impfung – warum der Vergleich mit der Antibaby-Pille hinkt

Auch bei der Antibaby-Pille gibt es ein Thrombose-Risiko.
Auch bei der Antibaby-Pille gibt es ein Thrombose-Risiko. bild: shutterstock

Das Problem mit der Astrazeneca-Impfung – warum der Vergleich mit der Antibaby-Pille hinkt

16.03.2021, 20:4917.03.2021, 13:38

Kaum setzte Deutschland Corona-Impfungen mit dem Präparat des Herstellers Astrazeneca aus, tauchte im Internet ein Vergleich auf. Bei der Einnahme der Antibaby-Pille sei das Thrombose-Risiko viel höher als bei einer Astrazeneca-Impfung und trotzdem störe das niemanden, so der Vorwurf. Vergleiche mit der Antibabypille wurden tausendfach geteilt. Doch so einfach geht die Rechnung nicht – der Vergleich hinkt.

Drei tödliche Fälle

Doch von vorne. Gestern Montag verkündete das deutsche Bundesgesundheitsministerium, dass es die Corona-Impfungen mit Astrazeneca zunächst aussetzt. Gesundheitsminister Jens Spahn berief sich dabei auf ein Empfehlung des zuständigen Paul-Ehrlich-Institutes. Damit folgte Deutschland diversen weiteren europäischen Ländern, die das Astrazeneca-Vakzin vorerst auch nicht mehr spritzen. Am Dienstag zogen Schweden, Luxemburg, Portugal und Lettland nach. In der Schweiz hat Swissmedic dem Astrazeneca-Impfstoff übrigens noch keine Zulassung gegeben. Das BAG setzt in Zukunft aber ebenfalls auf diesen Impfstoff.

Der Grund für den Impf-Stopp liegt gemäss Spahn bei «sehr selten» aufgetretenen Fällen von Thrombosen (Blutgerinnseln). Nach Verabreichung von 1,6 Millionen Impfdosen seien sieben Fälle mit einer Hirnvenenthrombose (Sinusvenenthrombosen) aufgetreten, sagte der Gesundheitsminister. Von den sieben Fällen verliefen drei tödlich, wie der zuständige Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes, Klaus Cichutek, später in den ARD-«Tagesthemen» sagte. Betroffen sind auch junge Personen, die nicht zur Risikogruppe zählen.

Derzeit gibt es Hinweise, dass die Fälle im direkten Zusammenhang mit dem Astrazeneca-Impfstoff stehen. Dies sagte auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, einer der profundesten Corona-Kennern Deutschlands, in der Fernseh-Sendung «hart aber fair». Es sei «überwältigend wahrscheinlich», dass die Thrombose-Fälle durch den Astrazeneca-Impfstoff verursacht worden seien.

Sehr wenige Fälle

Im Gegensatz zu Spahn hätte Lauterbach die Impfungen mit Astrazeneca jedoch nicht aufs Eis gelegt, sondern die Vorfälle untersucht und gleichzeitig weitergeimpft. Der Schaden durch den Stopp sei grösser als der Nutzen, so der Gesundheitsexperte.

Doctor Khizer Hanif prepares the AstraZeneca vaccine at a Pharmacy in Edgeware, London, Tuesday, March 16, 2021, as Britain continues use of the vaccine. In recent days, countries including Denmark, I ...
Eine von rund 250'000 Personen erlitt nach der Astrazeneca-Impfung in Deutschland eine Gehirnvenenthrombose. Bild: keystone

Ähnlich klang es auch aus Grossbritannien, wo der Astrazeneca-Impfstoff schon über elf Millionen Mal gespritzt wurde und auch nicht gestoppt wurde. Der britische Experimentalmediziner Peter Openshaw verurteilte die Aussetzung scharf. «Ich denke, das ist ein Desaster für die Akzeptanz von Impfungen in Europa, die in einigen Ländern ohnehin schon auf wackeligem Boden steht», sagte der Forscher des Imperial College London am Dienstag der BBC. «Es ist sehr eindeutig, dass die Vorteile einer Impfung die mögliche Sorge vor dieser seltenen Art der Blutgerinnsel weit überwiegen», so Openshaw.

Tatsächlich ist das Auftreten der Gehirnvenenthrombose nach einer Astrazeneca-Impfung selten. In Deutschland betrifft es etwa eine Person von 250'000. Dennoch sind die sieben Fälle auffällig. Normalerweise werden in Deutschland pro Jahr nur rund 50 Fälle mit einer Sinusvenenthrombose registriert. Spahn sprach deswegen auch von einem «überdurchschnittlichen Risiko».

Weshalb der Vergleich hinkt

Hier kommen wir zum Vergleich zur Antibabypille zurück. Zwar treten als Nebenwirkung bei der Antibabypille auch Thrombose-Fälle auf. Diese entstehen aber in den meisten Fällen nicht im Gehirn, sondern in den Beinen. Ungefährlich sind auch diese nicht. Sie können im schlimmsten Fall zu einer Lungenembolie führen. Deshalb ist auch wichtig, dass Frauen vor der Einnahme über dieses Risiko informiert sind. Jedoch sind Thrombosen in den Beinen weit weniger gefährlich als die oben beschriebenen Gehirnthrombosen und sie treten viel häufiger auf.

«Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, die sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen.»
Karl Lauterbach

Vom Vergleich mit der Antibaby-Pille hält auch Karl Lauterbach wenig. Das sei ein anderes Risiko sagte er am Dienstagmorgen gegenüber Deutschlandfunk. «Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, die sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen.»

EMA untersucht Vorfälle

Momentan prüft die Europäische Zulassungsbehörde (EMA) den Astrazeneca-Impfstoff. Lauterbach geht davon aus, dass sie die Nutzung des Impfstoffs weiter empfehlen werde. Die Hirnvenenthrombosen seien zwar eine «schwerwiegende Komplikation», aber die Grössenordnung reiche wahrscheinlich nicht aus, um den Impfstoff auszusetzen.

«Nach wie vor gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Impfung die Gerinnsel ausgelöst haben.»
Emer Cooke, Direktorin EMA

In einer Stellungnahme schrieb die EMA am Dienstag, dass es am Donnerstag eine Entscheidung darüber geben werde, wie die Empfehlungen zum Astrazeneca-Impfstoff in Zukunft aussehen werden. Emer Cooke, Direktorin der EMA, versicherte, dass man jeden Hinweis auf Blutgerinnsel sehr ernst nehme und jeder Fall von einem Expertenteam untersucht werde.

Im Gegensatz zu Lauterbach meinte Cooke aber, es gebe keinen Hinweis, dass die Impfung das Gerinnsel ausgelöst habe. «Wir sind immer noch überzeugt, dass der Nutzen der AstraZeneca-Impfung die Risiken überwiegt». Tausende von Menschen stürben jeden Tag weltweit, die Berichte über die Blutgerinnsel hingegen seien sehr selten.

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