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KI-Kriegsführung: Mehr Angriffe - und weniger Kontrolle?

KI steckt längst in der Kriegsführung: Sie steuert Drohnen und schlägt zunehmend auch vor, welche Ziele angegriffen werden.
KI steckt längst in der Kriegsführung: Sie steuert Drohnen und schlägt zunehmend auch vor, welche Ziele angegriffen werden.bild: severin trösch
KI-Kosmos

Wenn die KI das Ziel auswählt: Wie Algorithmen den Krieg verändern

Ob Iran, Gaza oder Ukraine: Künstliche Intelligenz entscheidet im Krieg zunehmend mit, was angegriffen wird. Das macht die Kriegsführung schneller, aber nicht unbedingt sicherer.
25.10.2026, 22:3425.10.2026, 22:34

Der Irankrieg wurde von Beobachtenden als «KI-Krieg» bezeichnet, Israel nutzt KI zur Zielfindung in Gaza und in der Ukraine setzen beide Kriegsparteien zunehmend Drohnen mit autonomen Funktionen ein. KI ist also längst in der Kriegsführung angekommen. Dabei verändert sie nicht nur, wie Waffen eingesetzt, sondern zunehmend auch, wie Angriffsziele ausgewählt und militärische Entscheidungen getroffen werden. Schauen wir uns an, was dies bedeutet.

Stufen von Autonomie

Autonomie kommt bei Waffensystemen in Graustufen: Zwischen der einfachen Handfeuerwaffe und einem System, das von der Zielauswahl bis zum Abschuss alles selbst erledigt, nimmt die Autonomie stufenweise zu – und die menschliche Kontrolle stufenweise ab.

Teilweise autonome Waffen gibt es dabei seit Jahrzehnten: Cruise-Missiles wie die amerikanische «Tomahawk», beispielsweise, navigieren seit den 1980ern unbemannt zu einem vorgegebenen Ziel, bewaffnete Kampfdrohnen existieren seit der Jahrtausendwende und defensive Systeme wie der «Iron Dome» in Israel fängt seit den 2010er-Jahren automatisch anfliegende Raketen ab.

Viele dieser Technologien bauen dabei auf «alte» KI-Systeme – also Prä-ChatGPT. Bildverarbeitung zum Beispiel, wie sie auch bei der Gesichtserkennung im Handy eingesetzt wird. Vereinfacht: Man gibt einer Drohne ein Ziel vor und sie findet dieses mithilfe einer Bordkamera. Ein solches System führt automatisch aus, hat aber nichts mit der Zieldefinition selbst zu tun.

In den letzten Jahren dagegen – seit dem Aufkommen und dem Immer-Mächtiger-Werden der multimodalen KI-Modelle wie ChatGPT oder Claude – wird KI auch zunehmend zur Identifikation und Priorisierung von Zielen eingesetzt. Dies passiert mittlerweile auf grosser Skala: Die US-Armee nutzt seit 2024 umfangreich das «Maven Smart System», eine primär von Palantir Technologies entwickelte, KI-gestützte Plattform für Datenintegration und Zielauswahl.

Die Reporterin Katrina Manson, die im März 26 ein Buch zu Project Maven und dem Beginn der KI-Kriegsführung herausgab, nennt das Maven Smart System ein «Google Earth für den Krieg»: Man sieht auf einer Landkarte live alle Kampfkräfte, kann diverse Informationsquellen hinzuschalten und bekommt sogar Vorschläge zur Waffenauswahl.

Screenshot des Maven-Smart-Systems.
Screenshot des Maven-Smart-Systems.bild: palantir blog

Das Maven Smart System unterstützte im Februar 2026 die Operation «Epic Fury» – die Militärkampagne der USA gegen den Iran – und zwar bei der Analyse von Aufklärungsdaten, Identifikation und Priorisierung von Angriffszielen sowie der Operationsplanung. Während der ersten Angriffe war das Sprachmodell Claude von Anthropic als ein «Gehirn» in Maven integriert. Nach einem Streit zwischen Anthropic und dem Pentagon über die zulässige Nutzung der KI wurde Claude später durch andere Modelle ersetzt, darunter solche von OpenAI und xAI.

Wohlverstanden: Man ist beim US Department of Defense stets sehr bedacht, zu betonen, dass immer ein Mensch die finale Feuerentscheidung trifft. Ganz autonome «Kill-Chains» – Handlungsketten von der Zielauswahl bis zum Abzug – sind also noch keine Realität im Maven Smart System. Die Grundlage dafür ist aber eindeutig gelegt. Hinzu kommt der «Automation Bias»: Menschen neigen nachweislich dazu, automatisierten Empfehlungen zu oft zu vertrauen – speziell in Situationen, in denen der Druck sehr hoch ist.

Geschwindigkeit, Volumen und Präzision

Durch KI assistiert wurden im Rahmen von Epic Fury innerhalb der ersten 24 Stunden mehr als 1000 Ziele angegriffen – eine Frequenz, die ohne KI-Informationsverarbeitung undenkbar wäre. Neben dem steigenden Volumen von Angriffen – so hört man oft von Befürwortenden der autonomen Kriegsführung – nehme aber auch die Präzision zu. Es werde also ein gewolltes Ziel öfter getroffen, ohne dabei Kollateralschaden anzurichten, also ungewollte Ziele zu zerstören. Ganz nüchtern mathematisch betrachtet nützt diese höhere Präzision puncto Minderung der Kollateralschäden aber nur dann etwas, wenn die kleinere Fehlerwahrscheinlichkeit pro Angriff nicht durch das steigende Angriffsvolumen wieder wettgemacht wird.

KI-Systeme arbeiten schneller als Menschen – aber auch nicht fehlerfrei.
KI-Systeme arbeiten schneller als Menschen – aber auch nicht fehlerfrei.bild: severin trösch

Inwiefern die heutigen KI-gestützten Kriegssysteme wirklich präziser sind als rein menschliche, ist aufgrund der geheimen Natur dieser Technologien schwierig sauber zu studieren. Unbestritten ist nur die Zunahme der Geschwindigkeit der Abläufe – und dies erhöht den Druck auf die menschlichen Entscheidungen. Expertin Katrina Manson sagt, dass heute bereits oft die menschliche Situationsbeurteilung, respektive die folgende Angriffsentscheidung, der langsamste Teil in der Kette sei. Der Anreiz, auch diesen Flaschenhals durch eine KI auszumerzen und somit die ganze Kill-Chain zu automatisieren, liegt also auf der Hand – und genau dies ist, angesichts der vielen Episoden von Kontrollverlust über KI-Systeme, sehr heikel.

Kosten des Kontrollverlustes

Die Infokanäle waren in den letzten Monaten voll von Meldungen über Situationen, in denen Menschen die Kontrolle über KI-Systeme verloren haben, beispielsweise bei autonomen Hackerangriffen auf fremde Organisationen. Generell scheint es mit zunehmender Fähigkeit der KI immer schwieriger, sie vollständig im Griff zu haben. In Anbetracht dieser Tatsache ist es – gelinde gesagt – sehr fragwürdig, ob wir der KI wirklich Waffensysteme überantworten wollen. Faustregel: Je grösser die Kosten eines Kontrollverlustes sind, desto mehr sollten wir sicherstellen, dass nichts schiefgehen kann. Für KI-Waffensysteme hiesse dies, dass wir – pun intended – bombensicher sein müssten, wie das System in welchen Situationen handelt. Und dies sind wir eindeutig nicht.

KI-Kontrollverlust: Was ist passiert?
Im Sommer 2026 brach ein «Schwarm» von KI-Agenten autonom aus einer vermeintlich sicheren Umgebung bei OpenAI aus und hackte widerrechtlich die Organisation «Hugging Face». Der Vorfall ist das bisher prominenteste, aber nicht das einzige Beispiel von KI-Agenten, die sich verselbständigen.

In diesem Sinn werden internationale Anstrengungen unternommen, autonome Waffensysteme streng zu regulieren: Anfang September 2026 verabschiedete eine UN-Expertengruppe in Genf einen Bericht, der die Grundlage für weitere internationale Regeln schaffen soll. An der UN-Konferenz Mitte November sollen die nächsten Schritte beschlossen werden. Das Ziel dieser Konferenz im diplomatischen Jargon auf den Punkt gebracht hat ein Communiqué der Französischen Delegation: “Gespräche über die Schaffung eines künftigen internationalen Rechtsinstruments aufzunehmen, das vollständig autonome Waffensysteme verbietet”. Bonne Chance sage ich da - im Namen der ganzen Menschheit.

Zur Person
Severin Trösch ist der KI-Kopf bei der Datahouse AG – einer Firma, die alles mit Daten macht und fast alles davon kann. Die Komplexität hinter der KI hat ihn nicht nur seine letzten Haare gekostet, sondern auch motiviert, das KI-Kauderwelsch so zu erklären, dass auch Nicht-Nerds den Durchblick kriegen. Er spricht und schreibt zu den wichtigsten KI-Entwicklungen und deren Implikationen.
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