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«Zutiefst beunruhigend» – Antarktis-Eis wächst so langsam wie noch nie

THIS IMAGE SHOWS: The US Antarctic Program research vessel Nathaniel B. Palmer working along the ice edge of the Thwaites Eastern Ice Shelf in February 2019. FEATURE STORY: The Thwaites Glacier in Wes ...
Die Ausdehnung des Meereises in der Antarktis ist derzeit auf einem Rekordtief für den Juli.archivBild: imago-images.de

«Zutiefst beunruhigend» – Antarktis-Meereis wächst so langsam wie noch nie

Die Antarktis hat aktuell so wenig Meereis wie noch nie zuvor. Es fehlt eine Fläche der Grösse von Grönland. Noch rätseln Forscherinnen und Forscher über die genauen Ursachen – in einem sind sie sich aber einig.
28.07.2023, 06:1228.07.2023, 12:39

Über Jahrzehnte schien es, als würde die Antarktis dem Trend der Erderwärmung trotzen. Während in der Arktis seit Jahren immer weniger Eis gemessen wurde, nahm die Ausdehnung am Südpol sogar leicht zu. Doch seit wenigen Jahren gibt es auch in der Antarktis eine andere Entwicklung: Seit 2016 liegt die Ausdehnung des Meereises meist unter dem langjährigen Schnitt.

Monatliche Anomalie der antarktischen Meereis-Ausdehnung

Rot = überdurchschnittliche Ausdehnung.Blau = unterdurchschnittliche Ausdehnung.
Rot = überdurchschnittliche Ausdehnung.
Blau = unterdurchschnittliche Ausdehnung.
grafik: national Snow and ice data center

Und aktuell ist sie gemäss Daten des National Snow and Ice Data Center an der US-Universität von Boulder (Colorado) gar so tief wie noch nie seit Beginn der Satellitenmessungen Ende der 1970er-Jahre. Bereits im Februar wurden Minusrekorde verzeichnet, nach einer kurzen Stabilisierung im April zeigen die Daten jetzt wieder massiv nach unten.

Zwar wächst die Eisdecke rund um den Südpol derzeit, schliesslich ist in der südlichen Hemisphäre Winter und im Südpolarmeer werden bei ständiger Dunkelheit Temperaturen von rund minus 40 Grad Celsius gemessen. Doch es bildet sich deutlich weniger Eis als in früheren Jahren. Am 26. Juli 2023 waren nur 14,36 Millionen Quadratkilometer der Antarktis mit Eis bedeckt. Das sind rund 2,35 Millionen Quadratkilometer weniger als im langjährigen Mittel von 1981 bis 2010. Zum Vergleich: Die Fläche, die fehlt, entspricht derjenigen von Grönland und damit fast 60 Mal der Fläche der Schweiz.

Antarktische Meereis-Ausdehnung am 26. Juli 2023 im Vergleich mit dem langjährigen Mittel (grüne Linie).
Antarktische Meereis-Ausdehnung am 26. Juli 2023 im Vergleich mit dem langjährigen Mittel (grüne Linie).bild: meereisportal.de
Die Daten stammen vom National Snow and Ice Data Center (NSIDC). Dieses misst seit 1979 mit Satellitenaufnahmen täglich die Meereisausbreitung und -konzentration in der Arktis und Antarktis. Für die Meereisausdehnung gilt eine Region als «eisbedeckt» oder «nicht eisbedeckt». Jede Datenzelle wird dabei analysiert, hat es auf mindestens 15 Prozent Eis, gilt die Datenzelle als «eisbedeckt». Mehr Informationen gibt es hier.

«Dies als beispiellos zu bezeichnen, ist nicht deutlich genug», sagt der australische Meereswissenschaftler Dr. Edward Doddridge gegenüber «ABC News» zur aktuellen Entwicklung in der Antarktis. «Für diejenigen unter Ihnen, die sich für Statistik interessieren: Dies ist ein Fünf-Sigma-Ereignis. Es handelt sich also um fünf Standardabweichungen vom Mittelwert. Das heisst, wenn sich sonst nichts geändert hätte, würden wir einen solchen Winter etwa alle 7,5 Millionen Jahre erwarten.»

Das Meereis in der Antarktis ist aus mehreren Gründen wichtig:

  1. Das Eis reflektiert das Sonnenlicht zurück in den Weltraum, gibt die Wärme also gleich wieder zurück und hilft damit, die Erdtemperatur zu regulieren.
  2. Der jährliche Zyklus von Gefrieren und Schmelzen des Meerwassers treibt globale Strömungen an, die nährstoffreiches Wasser in die restlichen Ozeane transportieren und so ganze Ökosysteme ernähren.
  3. Das Meereis hat zudem eine Schutzfunktion für die Eismassen über dem antarktischen Festland. Es schützt dieses vor der Meeresbrandung und somit vor dem Abschmelzen, das wiederum zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen würde.

Über die genauen Gründe für die deutlich tiefere Meereis-Ausdehnung in der Antarktis rätselt die Wissenschaft derzeit noch. Doddridge glaubt, dass das Meereis sowohl mit der Atmosphäre als auch mit dem Meer verbunden ist. «Über Tage und Wochen hinweg ist die Atmosphäre am wichtigsten, über Jahre und Jahrzehnte dominiert jedoch der Ozean.» Deswegen sei es wahrscheinlich, dass hauptsächlich der Ozean für den enormen Rückgang verantwortlich sei.

Eine im Fachmagazin «Nature Geoscience» veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2019 erklärte den Rückgang des Meereises mit einer Verschiebung der Windmuster durch die globale Erwärmung. Sie führe dazu, dass mehr warmes Meerwasser mit dem antarktischen Eis in Kontakt komme.

Die Winde haben zudem Einfluss auf die Meeresströmungen, erklärt Johannes Feldmann, Glaziologe am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, gegenüber der ARD-Tagesschau. Die Wassermassen im Südmeer sind normalerweise stark geschichtet. Das tiefere Wasser hat einen höheren Salzgehalt und ist wärmer als das Oberflächenwasser. Doch wenn lange starke Westwinde vorherrschen, kann wärmeres Wasser an die Oberfläche gelangen – und dort die Bildung von Eis verhindern, so eine Hypothese.

Petra Heil, eine deutsche Meereis-Expertin am Australian Antarctic Division auf Tasmanien, glaubt, dass die deutlich tiefere Meereis-Ausdehnung in der Antarktis auf eine Kombination aus Veränderungen in der Atmosphäre und der Erwärmung der Meere zurückzuführen ist: «Das gesamte System ist stark gekoppelt. Wir wissen, dass in unseren Wettersystemen derzeit viel mehr Energie vorhanden ist, und das wirkt sich auch auf des Meereis in der Antarktis aus.»

Wie die meisten Experten-Gruppen geht auch Heil davon aus, dass die deutlich tiefere Meereis-Ausdehnung auf den vom Menschen verursachten Klimawandel zurückgeht. Das würden die Daten und Analysen eindeutig zeigen. Sie warnt gar vor einem «Tipping Point», einem sogenannten Kipppunkt. Nach der Definition des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung handelt es sich dabei um einen kritischen Schwellenwert, bei dessen Überschreiten es zu starken und teils unaufhaltsamen und unumkehrbaren Veränderungen kommt.

Gemäss Michael Sparrow, Leiter der Klimaforschung bei der Weltorganisation für Meteorologie WMO, wäre ein solcher Punkt der plötzliche Zusammenbruch des Westantarktischen Eisschilds. Wenn dieses Eis schmilzt, ist mit einem meterhohen Anstieg des Meeresspiegels zu rechnen. Das würde Millionen Menschen gefährden, die in Küstennähe leben. Sparrow beschwichtigt aber: «Derzeit gibt es keinen Beweis, dass wir bald irgendeinen Kipppunkt erreichen.» Die Entwicklung in der Antarktis sei aber «zutiefst beunruhigend».

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quelle: dukas/catersnews / camille seaman
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