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Golfstrom steuert auf Kollaps zu – bereits 2025 könnte es so weit sein

epa01845007 A handout image taken in August 2009 and released on 02 September 2009 by the greenpeace International shows the Bergs calved from Helheim glacier float in Sermilik Fjord on the south east ...
Schmilzt zu viel Eis, wird das Wasser zu leicht.Bild: EPA

Kollabiert der Golfstrom schon 2025? Die Folgen wären gravierend

Brechen die Golfströmungen zusammen, hat das Folgen für alle. Laut einer neuen Studie könnte das bereits in wenigen Jahren passieren. Das Wichtigste in 5 Punkten.
26.07.2023, 18:5826.07.2023, 21:50
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Das sagt die Studie

Der Kollaps des Golfstroms und seines ganzen Systems, genannt AMOC, könnte viel schneller passieren als bisher angenommen. Seit den 60er-Jahren beschäftigt sich die Klimaforschung mit einem möglichen Zusammenbruch der Ozeanströmung. Der Zeitpunkt lag aber immer in ferner Zukunft.

Zu einem anderen Schluss kommen nun zwei dänische Forschende der Universität Kopenhagen. Laut der Statistikerin Susanne Ditlevsen und dem Klimaphysiker Peter Ditlevsen ist der Kollaps nicht nur möglich, sondern steht kurz bevor.

Bereits in zwei Jahren könnte es so weit sein, schreiben die beiden in ihrer im Fachmagazin «Nature Communications» veröffentlichten Studie. Mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit könnten die Golfströmungen zwischen 2025 und 2095 zum Erliegen kommen.

Für die Studie analysierten die Forschenden die Meeresoberflächentemperaturen von 150 Jahren, gesammelt zwischen 1870 und 2020 im Nordatlantik in einem Gebiet südlich von Grönland.

Die Folgen

Brechen diese Strömungen zusammen, betrifft das den ganzen Planeten. Denn die AMOC spielt eine entscheidende Rolle im Klimasystem und trägt zur Regulierung der globalen Wettermuster bei.

Bei einem Kollaps würde laut dem jüngsten Sachstandardbericht des Weltklimarates das ganze Wetter ruckartig wechseln. Es drohten extremere Winter, der Meeresspiegel in den USA und in Europa könnte ansteigen und hier wäre es vermutlich einige Grad kälter. Für die Tropen typische Regenfälle könnten sich mehr Richtung Süden verlagern und gleichzeitig könnte der Monsun in Asien und Afrika schwächer werden.

An ethnic Hmong farmer walks through rice terraces in Mu Cang Chai district, Yen Bai province, Vietnam on Sunday, Sept. 27, 2015. On the mountains between 1,000 and 2,000 meters above the sea level, e ...
Wichtig für die Ernte und das Trinkwasser: der Monsun.Bild: AP

Passiert ist das laut CNN bereits einmal. Vor mehr als 12'000 Jahren führte die schnelle Gletscherschmelze zu einem Stillstand des Golfstromsystems. Das wiederum führte zu Temperaturschwankungen von 10 bis 15 Grad Celsius auf der Nordhalbkugel.

Das ist der Golfstrom

Mit dem Golfstrom meint man meist das Golfstromsystem, das als Nordatlantische Ozeanzirkulation AMOC bezeichnet wird. Sie funktioniert wie ein globales Förderband.

Sie transportiert warmes Wasser aus den Tropen Richtung Nordatlantik, wo das Wasser abkühlt, salziger wird und tief in den Ozean sinkt, bevor es sich nach Süden ausbreitet. Rund 15 Millionen Kubikmeter Wasser werden so pro Sekunde bewegt.

Gelangt wegen des Klimawandels mehr Frischwasser in den Nordatlantik – durch schmelzende Gletscher oder in Form von Regenwasser –, wird die Salzkonzentration tiefer. Dadurch wird das Wasser leichter und sinkt weniger schnell ab. Das wiederum bremst das ganze System. Jenseits einer kritischen Schwelle verstärkt sich dieser Kreislauf und die AMOC kommt zum Erliegen, so die Theorie.

So funktionieren Meeresströmungen

Video: youtube

Der Golfstrom selbst ist eine Teilströmung an der Oberfläche. Ihm hat Europa sein mildes Klima zu verdanken. Vom Wind angetrieben, fliesst Wasser an der Ostküste der USA entlang, bevor es sich von dort löst und in die Mitte des Atlantiks strömt.

Kritik an der Studie

Die Aussage, dass es im 21. Jahrhundert zum Kollaps des Golfstromsystems komme, «steht auf tönernen Füssen», wie Jochem Marotzke, Direktor der Forschungsabteilung Ozean im Erdsystem am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagt.

Die dänischen Forschenden gingen davon aus, dass die AMOC bei einer langsamen Veränderung der Temperatur plötzlich in einen anderen Zustand wechseln kann. Umfassendere Modelle würden eine solche «Bifurkation» aber nicht zeigen.

Eine weitere Kritik ist der Fokus ausschliesslich auf die Oberflächentemperatur im Nordatlantik. «Damit wird die Studie der Komplexität des Klimasystems in vielerlei Hinsicht nicht gerecht», sagt Johanna Baehr vom Centrum für Erdsystem­forschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg im «Tages-Anzeiger».

Andere Forschung

Eine 2021 erschienene Arbeit sagt, dass die Golfströmungen derzeit so schwach sind wie seit den letzten 1000 Jahren nicht mehr. Die Daten stammen, wie bei der dänischen Studie, aber aus indirekten Messungen wie der der Oberflächentemperatur.

Längere, direkte Messungen der AMOC fehlen. Erst seit Anfang der 2000er-Jahre erfassen Bojen und Satelliten die Stärke des Golfstromsystems direkt. «Die daraus resultierenden Zeitreihen sind aber zu kurz, um Aussagen über die Stabilität der AMOC treffen zu können», sagt Levke Caesar, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umweltphysik an der Universität Bremen, gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Die direkten Messungen der vergangenen 20 Jahre zeigen zwar eine Abschwächung – es ist aber unklar, ob es sich dabei um einen längerfristigen Trend handelt, der schlussendlich zu einem vollständigen Kollaps führen könnte.

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178 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pi ist genau Drei!
26.07.2023 19:35registriert Februar 2017
"Der Golfstrom bricht vielleicht schon 2025 zusammen" und "der golfstrom bricht mit einer 95 prozentigen wahrscheinlichkeit zwischen 2025 und 2095" zusammen sind zwei fundamental unterscgiedliche Aussagen. Nichtsdestotrotz iat es sehr beängstigend. Wir katapultieren unsere Nachkommen wissentlich in ein völlig neues Klimazeitalter von dem wir einzig wissen, dass es unser (über)leben stark beeinträchtigen wird. Der golfstrom ist auch dür die meeresbewohner von fundamentaler bedeutung. Ein zusammenbruch desselben wird das gesamte ökosystem gravierend beeinträchtigen.
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Troxi
26.07.2023 19:02registriert April 2017
Dann hätten wir zumindest das Gletscher und damit zusammenhängende Wasserproblem in Europa zumindest gelöst... Auch wenn ich mich eher als Winterkiddie bezeichnen würde, die Aussicht auf ein kollabierenden Golfstrom, ich habe etwa vor 10 Jahren das erste Mal davon gehört, gefällt mir gar nicht.
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Harry Zimm
26.07.2023 21:43registriert Juli 2016
Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: „Diese Studie steht auf tönernen Füssen.“. Auch Niklas Boers, Professor für Erdsystem­modellierung an der TU München, spricht in diesem Zusammenhang von einer „zu groben Vereinfachung“. Johanna Baehr vom Centrum für Erdsystem­forschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg kritisiert, dass sich die Forscher ausschliesslich auf Oberflächen­temperaturen im Nordatlantik stützen würden. „Damit wird die Studie der Komplexität des Klimasystems in vielerlei Hinsicht nicht gerecht.“ - TA vom 25.07.2023
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