Lieber pünktlich als langsam – warum Fähren das Leben von Walen riskieren
Schnelle Fähren bringen Passagiere rasch ans Ziel. Für Wale und Delfine im Mittelmeer können sie jedoch zur tödlichen Gefahr werden. Obwohl Forschende Geschwindigkeitsbegrenzungen empfehlen, rasen viele Schiffe weiterhin durch die Lebensräume der Meerestiere, wie eine Recherche des Guardian zeigt.
Das Meer zwischen Valencia und Genua zählt zu den wichtigsten Lebensräumen für Wale und Delfine im Mittelmeer. Einschliesslich des Pelagos-Schutzgebiets beherbergt die Region rund zwei Drittel der Finnwale und mehr als ein Fünftel der Pottwale im Mittelmeer. Beide Arten gelten in der Region laut der Weltnaturschutzunion IUCN als stark gefährdet.
Hunderte Wale sterben jährlich durch Schiffskollisionen. Besonders gefährlich sind Zusammenstösse bei hohen Geschwindigkeiten. Ab 15 Knoten (rund 28 km/h) enden die Kollisionen für die Tiere fast immer tödlich. Unterhalb von 10 Knoten (rund 19 km/h) ist ein tödlicher Zusammenstoss unwahrscheinlich, wie die britische Zeitung schreibt.
So schnell fahren Fähren durchs Mittelmeer
Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) empfiehlt deshalb seit Juli 2023, in dem Gebiet mit 10 bis 13 Knoten zu fahren, also etwa zwischen 18 und 24 km/h. Doch wie wenige sich an die Empfehlung halten, zeigt die Untersuchung: Im vergangenen Jahr waren Schiffe in dem Gebiet mehr als 280'000 Stunden mit mindestens 15 Knoten (rund 28 km/h) unterwegs. In über 6000 Stunden überschritten sie sogar 25 Knoten (rund 46 km/h).
Hinter den hohen Geschwindigkeiten steckt ein strukturelles Problem: «Solange es nur eine Empfehlung ist, wird niemand die Geschwindigkeit reduzieren», sagt ein Kapitän der Grimaldi-Fähre gegenüber der Zeitung. «Das würde eine grundlegende Überarbeitung des gesamten kommerziellen Fährsystems bedeuten. Die Fähren in der Gegend fahren mit 25 Knoten, insbesondere die Touristenfähren. Sie müssen ihre Fahrpläne einhalten.»
Auch wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle. «Für Fähren ist eine Geschwindigkeitsreduzierung weitaus schwieriger als für Containerschiffe», sagt Thomas Folegot, CEO des maritimen Technologieunternehmens Quiet-Oceans. «Für ihr Geschäft ist es verheerend. Die Passagiere werden nach Korsika fliegen», sagt er mit Blick auf mögliche längere Überfahrtszeiten und die Konkurrenz durch Flugverbindungen. (cst)
