Der Tod von Jason Arday zeigt die schlimmste Seite des importierten Kulturkampfs
Ein schlimmeres Ende hätte der Fall des Cambridge-Professors Jason Arday nicht nehmen können. Nachdem Arday von verschiedenen Medien als Hochstapler entlarvt wurde, startete die britische Universität Cambridge eine Untersuchung gegen ihn. Arday trat nur wenige Stunden später von seinem Posten zurück – und wurde am Freitag tot in einer Londoner Wohnung aufgefunden. Hinweise auf ein Fremdeinwirken gibt es nicht.
Dass der Fall eine derart tragische Wendung genommen hat, ist nicht allein der in Teilen aggressiven Berichterstattung zuzuschreiben. Schwer wiegt auch das jahrelange Versagen der Universität Cambridge. Mit einer Reihe von Fehlentscheidungen manövrierte sie Arday ins Zentrum eines Mediensturms, den wohl kaum jemand unbeschadet überstanden hätte.
Der erste Fehler war, dass Cambridge Arday auf einen ihrer wichtigsten Posten hob, ohne seine Qualifikation rigoros zu überprüfen. Arday hatte Sport und Pädagogik studiert, war dann über Umwege in die Soziologie gekommen. Zu der Zeit, als Cambridge ihn zum Professor ernannte, verfügte Arday über vergleichsweise wenig Forschungserfahrung und hatte kaum wissenschaftliche Arbeiten von grösserem Gewicht veröffentlicht.
Mit 18 lesen und schreiben gelernt
Indem die Universität ihn in einem ungewöhnlich frühen Stadium seiner akademischen Laufbahn auf einen Lehrstuhl berief, machte sie ihn von Beginn an angreifbar. Zugleich liess Cambridge es offenbar aus, die verrücktesten Geschichten über Ardays Leben zu überprüfen – Geschichten, die zwangsläufig Misstrauen wecken mussten. Mit einem angebrochenen Bein 30 Marathons in 35 Tagen zu laufen (knapp unter dem Weltrekord), im gleichen Leben Hirn- und Hodentumore überlebt zu haben und auch erst mit 18 lesen und schreiben gelernt zu haben: Eine solche Biografie weckt zwangsläufig Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit.
Der zweite Fehler war die Art, wie die Universität 2023 Ardays Berufung öffentlich inszenierte. Cambridge setzte dabei auffällig auf eine aus den USA stammende Kulturkampf-Rhetorik, anstatt – wie im europäischen Wissenschaftsbetrieb üblich – seine wissenschaftlichen Leistungen und fachlichen Qualifikationen in den Vordergrund zu stellen.
So kündigte Cambridge Arday offensiv als «jüngsten schwarzen Professor» an und hob hauptsächlich hervor, wie benachteiligt Arday wegen seiner Lebensgeschichte immer gewesen sei. Seine bisherige Forschung – oder Beispiele für fachliche Exzellenz – fehlten in der Ankündigung dagegen weitgehend. Damit machte Cambridge ihn zur Zielscheibe von ideologischen Kulturkämpfen.
Rechtsgerichtete Kritiker sahen Arday als Beleg für identitätspolitisch motivierte Personalentscheidungen, die es kategorisch zu bekämpfen gelte. Linke Kulturkämpfer wurden durch diese Art der Ernennung Ardays hingegen dazu motiviert, jegliche Kritik an Arday als rassistisch abzutun und ihn auch gegen berechtigte Kritik zu verteidigen.
Universität blieb passiv
Der dritte Fehler der Universität bestand schliesslich darin, frühe Hinweise auf mögliches Fehlverhalten Ardays nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu prüfen. Statt den seit Jahren wiederkehrenden Plagiatsvorwürfen selbst konsequent nachzugehen, stellte sich Cambridge zunächst schützend vor Arday und überliess die Untersuchung seiner Alma Mater, die ein Motiv hatte, einen ihrer prominentesten Universitätsabgänger freizusprechen. Gleichzeitig blieb die Universität passiv, als Journalisten, die zu Arday recherchierten, mit juristischem Druck zum Schweigen gebracht werden sollten.
Eine entscheidende Wendung nahm der Fall, als die bekannte Medienrechtskanzlei Carter-Ruck im Auftrag Ardays rechtliche Schritte androhte. Dadurch wurde die Veröffentlichung eines ausführlich recherchierten Artikels über die Vorwürfe in letzter Minute verhindert. Doch der Versuch, die Berichterstattung einzudämmen, bewirkte letztlich das Gegenteil: Er machte auch grosse britische Medien auf den Fall aufmerksam. Sie begannen zu recherchieren – und stiessen auf zahlreiche Ungereimtheiten in Ardays Biografie.
Damit waren die Voraussetzungen für jenen Sturm der Entrüstung geschaffen, der Arday in den vergangenen beiden Wochen mit voller Wucht traf. Verschärft wurde die Situation durch ein denkbar ungünstiges Timing: Ausgerechnet inmitten der Enthüllungen sollte Ardays Autobiografie erscheinen. Sein Verlag «Simon & Schuster» hielt trotz der zunehmenden Kontroverse an der Veröffentlichung fest.
Der Fall Arday offenbart mehr als nur das Fehlverhalten und tragische Ende eines einzelnen Wissenschafters – nämlich ein institutionelles Versagen an einer der angeblich weltbesten Universitäten. Die Geschichte bedarf einer kritischen Aufarbeitung, die Cambridge selbst nicht leisten kann. (schweizheute.ch)
