«Es ist mit längeren und stärker schwankenden Pollensaisons zu rechnen»
Frau Hartmann, viele Menschen berichten aktuell von besonders starken Pollenallergien. Ist dieses Jahr tatsächlich ein intensives Pollenjahr?
Ja, die aktuelle Pollensaison wird aufgrund von Rückmeldungen an der aha!infoline von vielen Betroffenen als stark wahrgenommen. Das ist plausibel: Die Saison startete früh, erste Haselpollen wurden in der Schweiz bereits im Dezember registriert. Mildes, trockenes Wetter begünstigte später den Pollenflug, kühlere Phasen bremsten ihn zeitweise.
Wie aussergewöhnlich ist die aktuelle Pollensaison im Vergleich zu früheren Jahren?
Ob dieses Jahr am Ende statistisch als besonders intensives Pollenjahr gilt, lässt sich erst nach Abschluss und Auswertung der Pollensaison seriös beurteilen. Was sich aber klar sagen lässt: Die Pollensaison dauert heute länger als früher. Hasel, Birke und Esche beginnen aufgrund des Klimawandels etwa zwei bis drei Wochen früher zu blühen als vor dreissig Jahren. Gräser stehen im Mai rund zehn Tage früher in Blüte, und gewisse Pflanzen blühen länger bis in den Herbst hinein. Dadurch sind Menschen mit Pollenallergie über einen längeren Zeitraum exponiert.
Hat auch das Wetter einen Einfluss?
Das Wetter spielt eine zentrale Rolle. Warme, sonnige und trockene Phasen fördern Blüte und Pollenflug. Wind verteilt die Pollen zusätzlich. Längere Regenphasen waschen Pollen aus der Luft und lindern Beschwerden oft deutlich. Kurzzeitiger oder gewittriger Regen kann die Situation aber verschlechtern: Pollen können aufplatzen, sehr kleine Partikel freisetzen und tiefer in die Atemwege gelangen.
Und die Luftverschmutzung macht alles noch schlimmer?
Ja, Luftschadstoffe können Pollen aggressiver machen und gleichzeitig die Atemwege zusätzlich reizen. Das kann Beschwerden verstärken, auch wenn die Pollenkonzentration allein nicht immer aussergewöhnlich hoch ist.
Gibt es bestimmte Pflanzenarten, deren Pollen zunehmend Probleme verursachen?
Ja. Neben klassischen Auslösern wie Hasel, Erle, Birke und Gräsern rücken auch Pflanzen wie Ambrosia stärker in den Fokus. Ambrosia ist hochallergen, blüht spät im Jahr und kann die Beschwerdezeit verlängern. Auch Beifuss, Wegerich, Ampfer und weitere Kräuter können Beschwerden verursachen. Weil sich die Blütezeiten oft überschneiden, bleiben diese Allergieauslöser häufig unerkannt.
Nehmen Pollenallergien in der Bevölkerung zu?
Pollenallergien haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Obwohl für die Schweiz keine aktuellen epidemiologischen Daten vorliegen, wird die Prävalenz heute auf rund 20 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Vor rund 100 Jahren war Pollenallergie noch selten: In den 1920er-Jahren lag die Häufigkeit in Europa deutlich unter 1 Prozent. Heute sind in vielen west- und nordeuropäischen Ländern 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung betroffen.
Woran liegt das?
Die Zunahme ist multifaktoriell bedingt. Entscheidend ist das Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, Umweltbelastung, Luftqualität, gereizten Schleimhäuten und längerer Pollenexposition.
Welche Rolle spielt der Klimawandel dabei?
Der Klimawandel verschärft die Situation. Viele Pflanzen blühen früher, teils länger und intensiver. Dadurch verlängert sich die Zeit, in der Betroffene Beschwerden haben. Mildere Winter, warme Frühjahre, Trockenperioden und veränderte Niederschlagsmuster beeinflussen Beginn, Dauer und Stärke der Saison.
Hat auch die Ernährung einen Einfluss auf die Zunahme von Allergien?
Die Ernährung allein erklärt die Zunahme nicht. Sie kann bei einzelnen Betroffenen aber über Kreuzreaktionen eine Rolle spielen, etwa beim oralen Allergiesyndrom. Betroffene reagieren nach dem Verzehr bestimmter Früchte, Gemüse oder Nüsse mit Juckreiz, Kribbeln oder Schwellungen an Lippen, Zunge und Mundschleimhaut. Das Immunsystem verwechselt dabei die Eiweissstrukturen bestimmter pflanzlicher Lebensmittel mit denen von Pollen.
Gibt es neue Präventionsansätze, mit denen sich Beschwerden reduzieren oder Allergien besser vermeiden lassen?
Die wichtigsten Massnahmen bleiben konsequent und alltagstauglich: Pollenprognosen täglich prüfen, etwa mit der App «Pollen-News», Medikamente frühzeitig einsetzen, Haare abends waschen, Kleider nicht im Schlafzimmer wechseln, bei hoher Belastung gezielt lüften, Sonnenbrille tragen und bei starkem Pollenflug körperliche Anstrengung im Freien reduzieren. Pollenschutzgitter und Luftreiniger können im Einzelfall helfen.
Gibt es neue Behandlungsmöglichkeiten oder Fortschritte in der Allergietherapie?
Bewährte Therapien bleiben zentral: Antihistaminika, kortisonhaltige Nasensprays, Augentropfen und bei geeigneter Indikation die allergenspezifische Immuntherapie. Die Immuntherapie ist die einzige Behandlung, die an der Ursache ansetzt und den Krankheitsverlauf beeinflussen kann. Fortschritte gibt es vor allem bei präziserer Diagnostik, besseren Pollenmessungen in Echtzeit und stärker individualisierten Therapieentscheiden.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren?
Es ist mit längeren und stärker schwankenden Pollensaisons zu rechnen. Belastungsspitzen können früher auftreten, neue Pflanzenarten können wichtiger werden, und die Kombination aus Pollen, Hitze und Luftschadstoffen wird für Betroffene relevanter. Umso wichtiger werden aktuelle Polleninformationen, eine frühzeitige Behandlung, eine gute allergologische Abklärung und vor allem die konkrete Umsetzung im Alltag.
